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Interview

Mujinga Kambundji über Mutterschaft, Comeback und Balance im Leben

Die Schweizer Laeuferin Mujinga Kambundji am Medientag von Swiss Athletics, am Mittwoch, 6. Mai 2026, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Die schnellste Frau der Schweiz arbeitet an ihrem Comeback nach Mutterschaftspause.Bild: keystone
Interview

Mujinga Kambundji: «Ich bin noch immer Spitzensportlerin – einfach mit Kind»

Die schnellste Sprinterin der Schweiz über Mutterschaft, ihre Comeback-Pläne und den Weg zurück an die europäische Spitze.
10.05.2026, 11:2310.05.2026, 11:23
Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder

Die schnellste Frau der Schweiz trainiert aktuell für ihr sportliches Comeback. Im Juni will die 33-Jährige nach der Geburt von Sohn Léon erstmals wieder einen Wettkampf bestreiten. Wie ist ihr neues Leben als Mutter?

Sie müssen aktuell deutlich mehr über sich als Mutter denn über sich als Sportlerin Auskunft geben. Offenbar ist eine Spitzenathletin mit Kind in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer ein Ausnahmeereignis?
Ja, es bleibt aussergewöhnlich. In zehn Jahren wird es weniger aussergewöhnlich sein. Aber das Interesse ist letztlich auch ein schönes Zeichen. Ich selbst interessiere mich ja auch für die Umstände, wenn ich beispielsweise auf Instagram sehe, dass eine Athletin ein Kind bekommen hat. Wie macht sie es? Wie lange hat sie während der Schwangerschaft trainiert? Wie lange hat es gedauert, bis sie zurück auf ihrem Niveau war? Es sind Themen, die man vor 15 Jahren noch nicht kannte. Damals bedeutete eine Schwangerschaft zumeist das Karriereende. Das war normal so. Heute sieht man das anders. Ich wurde selten gefragt, ob es mit meiner Karriere nun vorüber sei. Es ist schon cool, wenn man als Athletin realisiert, dass die Rolle als Mutter machbar ist und irgendwann zur Normalität wird.

«An meinem Blick auf den Sport und an meinen Zielen hat das nicht viel geändert.»

Während mehr als zehn Jahren definierten Sie sich vorwiegend als Spitzensportlerin. Nun auch als Mutter. Wie verändert dies das eigene Mindset?
Eigentlich nicht. Ich sehe mich noch immer als Spitzensportlerin. Halt mit einem Kind, wie in anderen Berufen üblich. Vielleicht werde ich von aussen anders wahrgenommen. Aber an meinem Blick auf den Sport und an meinen Zielen hat das nicht viel geändert. Weil ich viele Beispiele gesehen habe, war es für mich stets selbstverständlich, dass es machbar ist.

Auch für Florian Clivaz, ihren Partner und Trainer, ergibt sich mit Léon eine dritte Rolle als Vater. Was verändert diese Herausforderung im Hinblick auf gemeinsame Verantwortung?
Es geht recht gut. Florian hatte bereits früher mehr als nur eine Doppelrolle inne, zum Beispiel auch als Manager. Wir haben uns seit 2017, als wir begannen, sportlich eng zusammenzuarbeiten, immer besser kennengelernt. Wir wissen, wie wir funktionieren und haben viel Erfahrung darin, gemeinsam an Projekten zu arbeiten. Wir waren in unserer Beziehung immer auch gleichwertige Geschäftspartner. Die Rollen haben sich schnell vermischt. Gemeinsam Entscheidungen zu treffen und die besten Lösungen zu finden, gehört seit jeher zu unserer Beziehung.

Ein Kind bleibt aber ein aussergewöhnliches Projekt!
Selbstverständlich bedeutet ein Kind eine viel grössere Verantwortung. Aber wir meistern das bisher sehr gut.

«Ich kann mich auch gut an Léon anpassen und auch er scheint mir über eine flexible Ader zu verfügen. Er macht alles enorm gut mit.»

Viele Paare haben nach der Geburt Mühe, ihre neue Rolle zu finden. Eure Erfahrung, auch beruflich zusammenzuarbeiten, erleichtert es vielleicht sogar?
Ja, das denke ich auch. Wir kennen die Phasen, in denen Florian versucht, mich überall bestmöglich zu entlasten, etwa im Vorfeld von internationalen Meisterschaften. Weil Florian so oft für mich da ist und selbst zurücksteckt, versuche ich es beispielsweise während der Saisonpause ein wenig zu kompensieren. Durch unser sehr aussergewöhnliches Leben mit vielen Extremen gleicht sich am Ende alles aus. Auch Léon ist wieder eine neue Situation. Unser Ziel ist ganz einfach, dass es funktioniert.

Sprint ist eine Disziplin, die in hohem Grade planbar ist. Das prägt eine Athletin. Ein Kind dagegen verlangt enorme Flexibilität. Wie meistern Sie diesen Spagat?
Ja, im Sport ist vieles enorm planbar. Ich weiss genau, an welchem Tag zu welcher Zeit ich wo meinen nächsten wichtigen Wettkampf habe. Aber alles neben dem Sport war bei mir bereits jetzt sehr flexibel und spontan. Ich bin ein sehr flexibler Mensch. Ich kann mich gut an neue Situationen anpassen. Ich kann mich auch gut an Léon anpassen und auch er scheint mir über eine flexible Ader zu verfügen. Er macht alles enorm gut mit.

«Ich will nicht, dass mein Sohn allzu sehr in der Öffentlichkeit steht und alle glauben, ihn anfassen zu müssen.»

Es gibt jetzt wohl Situationen, in denen Ihnen irgendwelche Menschen gut gemeinte Ratschläge geben wollen. Erleben Sie häufig solche Dinge?
Es hielt sich bisher in Grenzen. Kolleginnen haben mich zwar gewarnt, es gäbe manchmal selbst im Bus Menschen, die ihre Tipps weitergeben wollen. Aber ich bin offen für solche Dinge. Wenn mir jemand erzählen will, wie er es bei seinem Kind gemacht hat, dann darf er das (lacht). Ich muss mir noch überlegen, wie ich es genau handhaben will, wenn Léon mich zukünftig an Wettkämpfe begleitet und der Fokus der Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet ist. Ich will nicht, dass er allzu sehr in der Öffentlichkeit steht und alle glauben, ihn anfassen zu müssen.

Aber Sie verstecken Ihr Kind nicht vor der Öffentlichkeit?
Nein. Ich werde auf Instagram keine Fotos von ihm teilen, aber ich habe nicht das Gefühl, niemand dürfe Léon sehen.

Wie erlebten Sie den Wiedereinstieg nach der Geburt?
Weil die Schwangerschaft und die Geburt ohne Komplikationen verliefen, habe ich mich auch sehr schnell erholt und konnte rasch mit Rückbildungsübungen beginnen. Ich freute mich darauf, wieder mit dem Training zu starten. Es war doch ein langes Warten darauf. Vier Wochen nach der Geburt war ich zum ersten Mal wieder im Wankdorf im Kraftraum. Im Januar begann dann wieder der normale Trainingsalltag mit fünf Einheiten pro Woche, aber es war zuerst eher wie bei einer Reha nach einer Verletzung.

Sie waren nach der Geburt erstaunt, wie sehr sich Ihr Körper verändert hat?
Ich kannte meinen Körper eigentlich nur aus der Perspektive einer Spitzensportlerin. Während der Schwangerschaft hat der Körper eine andere Leistung erbracht. Nach der Geburt war er in einem Zustand, den ich nicht kannte und der sich sehr speziell anfühlte. Es ist schon krass, was die Hormone mit dem Körper alles anstellen. Einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, dass es ein längerer Weg zurück werde, doch zum Glück passierte auch die Rückentwicklung viel schneller als erwartet.

«Aktuell fehlt mir vor allem noch die Steifheit von Muskeln, Bänder und Sehnen. Ich stille noch und die Hormone machen alles im Körper etwas weicher.»

Und wie fühlen Sie sich heute?
Ich geniesse es, wieder an meinem Körper zu arbeiten. Es war zwar schön, während der Schwangerschaft für einmal einen anderen Fokus zu haben. Ein Training ohne Druck zu erleben. Zuvor war mein Mindset stets: «Du musst leisten, du musst leisten!» Nun freue ich mich aber darauf, wieder eine Leistungserwartung an mich zu spüren. Ich spürte nach der Geburt eine gewisse Ungeduld, wieder mit dem Training beginnen zu können.

Gibt es Dinge, die sich jetzt noch anders anfühlen?
Aktuell fehlt mir vor allem noch die Steifheit von Muskeln, Bänder und Sehnen. Ich stille noch und die Hormone machen alles im Körper etwas weicher. Die Energie geht noch nicht dorthin, wo sie sollte. Vor allem aber fehlt der Tonus.

War es keine Option, früher mit Stillen aufzuhören?
Léon ist ein kleiner Gourmet (lacht). Die Sache ist eher, dass er sich noch nicht mit Pulvermilch anfreunden konnte.

Ist es auch eine Frage der Prioritäten: Was brauche ich als Sportlerin, was braucht das Kind von seiner Mutter?
Weniger. Ich wusste, dass ich irgendwann abstillen will, wenn es Richtung Saison geht. Aber ich kann das nun mal nicht komplett allein entscheiden. Aber ich bin zuversichtlich, dass es bald klappt. Ob ich zwei, drei Wochen länger stille, soll mich nicht stressen. Es wird in Zukunft viele Dinge geben, die ich nicht beeinflussen kann oder die schlicht ein wenig anders sind als vorher. Das Wichtigste für mich bleibt wie vor der Geburt, gesund zu bleiben.

«Ich habe während meiner ganzen Karriere auf mein Gefühl gehört. Auch jetzt schauen wir, was geht und was nicht.»

Kommt Léon zu den Trainings mit?
Ich habe praktisch immer jemanden, der auf ihn aufpasst. Meistens sind es meine Eltern, ab und zu kommt jemand mit ins Wankdorf. Ich hatte Léon auch schon im Training dabei, als die Eltern in den Ferien waren. Auch das hat gut geklappt. Es braucht einfach ein wenig mehr Organisation als vorher.

Hätten Sie sich auch an ein anderes Leben ohne Spitzensport gewöhnen können?
Ich spürte sehr oft das Verlangen, wieder trainieren zu wollen. Vor allem, weil ich meinen Körper in der veränderten Funktion nicht kannte. Die Vorfreude auf die Rückkehr ins Training war ähnlich gross wie meine Ungeduld. Ich musste mich zu Beginn wirklich bremsen.

Entschied das Gefühl darüber, wie sehr Sie den Körper im Training wieder belasten, oder haben Sie auch auf die Wissenschaft gehört?
Nein, sehr viel nach Gefühl. Es gibt keine grosse Wissenschaft zum Thema, vor allem nicht für Sprinterinnen auf diesem Niveau. Ich habe während meiner ganzen Karriere auf mein Gefühl gehört. Auch jetzt schauen wir, was geht und was nicht. Florian sagt zu meinem aktuellen Zustand: Der Motor ist da, aber das Chassis hält noch nicht mit.

«Ich habe keine Lust, nur zum Mitmachen zur EM in Birmingham zu reisen. Ich möchte schon konkurrenzfähig sein.»

Die grösste Herausforderung für junge Eltern bleibt die Erholung? Gerade für Sie als Spitzensportlerin ein zentrales Thema!
Weil man den Tagesablauf weniger gut planen kann, ist es nicht ganz einfach. Aber es geht bislang gut. Ich ruhe mich dann aus, wenn Léon schläft. Er schläft zum Glück gut.

Planen Sie im August an der EM in Birmingham den Start über 100 m und 200 m?
Über 200 m habe ich den Startplatz als Titelverteidigerin auf sicher. Es wäre cool, wenn ich auch über 100 m laufen könnte, aber ich will mir dazu keinen Stress machen. Nach den ersten Rennen werde ich sehen, wo ich stehe. Das ist nicht anders als in anderen Jahren. Nach den ersten Starts weiss ich, was realistisch ist und was es dazu noch braucht. Es gibt aktuell einfach ein paar Fragezeichen mehr.

Gold medalist Mujinga Kambundji of Switzerland poses after the medals ceremony for the women's 200 meters at the European Athletics Championships, in the Olympic stadium, in Rome, Italy, Wednesda ...
Bei der EM würde Kambundji als Titelverteidigerin über 200 m antreten.Bild: keystone

Starten Sie nur, wenn sie konkurrenzfähig sind?
Ich habe keine Lust, nur zum Mitmachen nach Birmingham zu reisen. Ich möchte schon konkurrenzfähig sein. Ich bin zuversichtlich, dass es möglich ist, dies bis August zu schaffen.

Sie bleiben eine ehrgeizige Sportlerin und wollen möglichst rasch wieder konkurrenzfähig sein. Umgekehrt wollen Sie sich punkto EM keinen Stress machen. Gelingt es Ihnen gut, den Ehrgeiz zu bändigen?
Es braucht dann wohl von beidem ein wenig: Ehrgeiz und Gelassenheit. Aber man kann eine Topzeit nicht planen. Ich hatte in meiner Karriere auch schon Saisons, in denen ich mich sehr stark fühlte, es aber mit einer persönlichen Bestzeit aufgrund verschiedener Faktoren trotzdem nicht klappte. Ich kann möglichst gut trainieren, danach muss ich es aber auch einfach geschehen lassen.

Sind Sie zuversichtlich, in Zukunft über 100 m wieder Zeiten unter 11 Sekunden laufen zu können?
Ich bin sehr zuversichtlich. Weil diese Rückkehr so vielen Sprinterinnen bereits gelungen ist, habe ich keine Zweifel, dass es möglich ist. In einigen Beispielen waren die Athletinnen als Mutter sogar noch stärker. Ob es für mich bereits in diesem Jahr wieder drin liegt, kann ich nicht beurteilen. Ich habe aber das Gefühl, dass es machbar ist.

Haben Sie einen Zeithorizont im Kopf, wie lange man Mujinga Kambundji noch als Spitzensportlerin erleben wird?
Sicher bis zu den Olympischen Spielen 2028. Ich kann mir aber gut auch vorstellen, noch länger im Sport zu bleiben. Und jetzt, wo sogar die 42-jährige Allyson Felix ein Comeback plant, scheint ohnehin nichts unmöglich. Ich bin sehr gespannt, wie es ihr ergeht. Als junge Frau hat man das Gefühl, mit 30 Jahren ist man alt. Wenn man dann 30-jährig ist, denkt man, so alt bist du jetzt doch noch nicht. Ich konnte während meiner gesamten Karriere stets etwas verbessern. Das «fägt» dann beim Älterwerden.

Vielleicht findet die Leichtathletik-EM 2030 wieder in Zürich statt!
Wenn das passiert, dann mache ich sicher bis 2030 weiter. Das wäre ein runder Abschluss. Hoffen wir, dass es klappt. Irgendwie kann ich doch ein Heim-EM nicht verpassen.

Letzte Frage: Neben der neuen Rolle als Mutter, wie hat sich die Mujinga Kambundji von heute im Vergleich zur Person von vor fünf Jahren verändert?
Ich bin in allen Aspekten viel reifer, habe unglaublich viele Erfahrungen gemacht und habe ein nochmals professionelleres Team rund um mich als 2021. Ich habe das Gefühl, alles ist heute viel besser als damals: Wie ich meinen Körper kenne, wie ich besser analysieren kann, wie ich mental stärker bin und wie ich letztlich bessere Entscheidungen treffe. Ich habe auch als Athletin ein höheres Durchschnittsniveau, starte nach einer Saisonpause Jahr für Jahr auf einem höheren Niveau wieder ins Training. Ich bin eine bessere Athletin als vor fünf Jahren. (aargauerzeitung.ch)

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quelle: ap / gero breloer
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