So locker wie am Freitag in Prag geht es im Alltag des NHL-Meisterschafts-Betriebes in Nordamerika nicht zu und her. Nach dem Spiel klettern Jonas Siegenthaler und Timo Meier in T-Shirt und Shorts auf die Tribüne und plaudern mit Freunden und Familie, ehe sie wieder in die Kabine zurückkehren.
Die beiden Partien gegen Buffalo (4:1 am Freitagabend, die zweite Partie am Samstag) zählen zwar zu den 82 NHL-Qualifikationspartien. Aber eben: Ein wenig ist es beim Saisonauftakt in Europa wie eine Klassenfahrt. Jonas Siegenthaler sagt, er habe für das Spiel vom Freitag 12 und für die Partie vom Samstag 15 Personen eingeladen. «Das ist nur hier möglich.»
Im Rahmen der weltweiten Vermarktung spielt die NHL schon seit 1997 zum Saisonauftakt in Europa oder Asien. Bis 2000 in Japan und nach einer Pause ab 2006 in Europa. Inzwischen sind es über 40 Partien. Prag ist bereits zum achten Mal NHL-Gastgeber.
Nun treten die New Jersey Devils in Prag an zwei Tagen zweimal gegen die Buffalo Sabres an. Im WM-Stadion. Ausverkauft. Und aus Schweizer Sicht können wir sagen: Schon wieder Prag. Ausgerechnet Prag.
Die «goldene Stadt» als «Erinnerungsort» für unser Hockey und erst recht für Nico Hischier und Jonas Siegenthaler. Im Frühjahr ist den beiden mit der Silber-WM doch noch ein versöhnlicher Saisonabschluss gelungen. In Prag beginnen sie nun die neue NHL-Saison.
Kein anderes Team, auch nicht Nashville mit Captain Roman Josi, setzt so auf Schweizer wie New Jersey. Nico Hischier (25) ist Captain, Timo Meier (27) einer der besten Powerstürmer der Liga und Jonas Siegenthaler (27) spielt, wenn er sein bestes Hockey zelebriert, in der Abwehr eine zentrale Rolle. Das helvetische Trio belastet die Salär-Buchhaltung mit fast 20 Millionen Dollar. Pro Saison. Sage mir, wie gut die Schweizer sind, und ich sage dir, wie es um die Devils steht.
Ihre Triumphe (Stanley Cups 1995, 2000, 2003) verdanken die Devils hockeytechnischem Konservatismus, solider Defensive und Disziplin. Der Schillerfalter Damien Brunner beendet im Laufe der Saison 2014/15 sein NHL-Abenteuer in New Jersey nicht zuletzt wegen des rauen Betriebsklimas und flüchtet unter die Palmen Luganos.
Seit dem letzten verlorenen Final von 2012 haben die Devils in zwölf Jahren nur noch zwei Mal die Playoffs erreicht. Nach einer weiteren bitteren Enttäuschung in der letzten Saison – als Stanley-Cup-Geheimfavorit nicht einmal in den Playoffs – soll nun taktisches und sonstiges «Tauwetter» den alten Ruhm zurückbringen. Schablonen-Coach Lindy Ruff (64) ist am 4. März in seinem vierten Amtsjahr gefeuert worden. Er coacht in der neuen Saison Buffalo.
Nun steht bei den Devils der 20 Jahre jüngere Kanadier Sheldon Keefe an der Bande. Er setzt mehr auf schnelles Umschaltspiel, Dynamik, Offensive und Spektakel. Und auf einen neuen Führungsstil. Auf die Frage, was sich gegenüber der letzten Saison geändert hat, sagen Jonas Siegenthaler und Timo Meier übereinstimmend: die Kommunikation.
Was bedeutet das Modewort Kommunikation konkret im Alltag? Nach und nach wird Jonas Siegenthaler präziser: «Der Coach kommuniziert mit uns. Wir erfahren, was läuft, was wir anders oder besser machen sollen.» Das mag bei uns in Europa alltäglich sein. In der konservativen NHL hingegen keineswegs. Der Cheftrainer als «Bandengeneral» befiehlt und der Spieler gehorcht. Ein Einzelgespräch mit dem Coach bedeutet für einen Spieler in der Regel Ärger.
«Tauwetter» in New Jersey? Jonas Siegenthaler sagt, diese Bezeichnung treffe die Veränderung gut und sieht diese Entwicklung in einem grösseren Zusammenhang. Die Arbeit der Coaches passe sich inzwischen mehr und mehr der neuen Spielergeneration an. Sheldon Reefe fast wie Nationaltrainer Patrick Fischer? «Das nicht gerade. Aber es geht schon in diese Richtung.»
Gar so garstig war wohl der Führungsstil von Lindy Ruff nicht. Er trifft am Freitagabend nach dem Spiel im Kabinengang Jonas Siegenthaler und schüttelt ihm freundlich die Hand. «Na ja, das ist doch normal», sagt unser Nationalverteidiger. «Er war ja gut drei Jahre lang in New Jersey mein Chef.»
Die New Jersey Devils erfinden sich auf der Suche nach dem verlorenen Ruhm also sozusagen neu, und Jonas Siegenthaler blüht bei diesem «Tauwetter» auf: Letzte Saison konnte er auch wegen einer Gehirnerschütterung und eines gebrochenen Fusses nicht sein bestes Hockey spielen und kam in 67 Partien auf 8 Punkte und eine Minus-7-Bilanz. Nun gehört er beim Saisonstart in Prag zu den Besten, assistiert zum 2:0 und beendet die Partie mit einer Plus-2-Bilanz. Er ist im Boxplay überragend (3:13 Minuten) und bekommt insgesamt 21 Minuten Eiszeit. Was über dem Durchschnitt seiner bisher 313 NHL-Partien liegt (18:29 Minuten).
Wir haben beim NHL-Saisonauftakt den wahren Jonas Siegenthaler gesehen, in der gleichen zentralen Rolle wie bereits im Frühjahr bei der WM in Prag. Er hatte die beste Plus/Minus-Bilanz des WM-Silberteams (+8). Sogar eine bessere als Captain Roman Josi (+4). Jonas Siegenthaler ist kein offensiver Spektakelverteidiger. Er verteidigt auffällig unauffällig und in New Jersey steht er sowieso im medialen Windschatten von Captain Nico Hischier und Timo Meier. Aber er ist auf bestem Wege, in der neuen Saison einer der meistunterschätzten NHL- Verteidiger zu werden.
PS: Heute Samstag folgt in Prag die zweite Partie und damit der zweite Test der «neuen» Devils gegen Buffalo (16 Uhr).