Frauenhockey, nein danke! Die grösste Torheit in der Geschichte unseres Hockeys
Es ist, wie es ist: Die Hockey-Kultur ist männlich. Männlicher und konservativer ist nur noch das Schwingen. Hockey ist ein Sport des harten Mannes. Sich für Frauen-Hockey zu begeistern ist fast so schlimm wie der Ruf, ein Weichei zu sein. Nach dem Grundsatz: Frauenhockey, nein danke. Die Lobreden, die nun auf Mailand folgen werden, sind bloss Sonntagsreden, reine Heuchelei, dem Zeitgeist geschuldet – oder naiv. Das ist sehr, sehr schade. Aber eben: es ist, wie es ist.
Der Macho-Kult ist nun mal nicht zu ändern. Aber es gibt jenseits von allen berechtigten Argumenten fürs Frauenhockey, der mehr als berechtigten Forderung nach Gleichberechtigung noch einen ganz profanen Grund, warum es sich lohnt, in diese Sparte des Hockeys zu investieren. Ein Grund, der eigentlich allen Männern in den Chefetagen einleuchten sollte: Geld. Idealisten sind sie ja nicht. Kapitalisten sehr wohl.
Nein, Frauenhockey lohnt sich für die Klubs noch eine Weile nicht fürs Akquirieren von sechsstelligen Werbeverträgen. Aber der langfristige wirtschaftliche Nutzen liegt so offensichtlich auf der Hand, dass es schon erstaunlich ist, dass er nach wie vor von viel zu wenigen Exponenten richtig erkannt wird.
Wer alles unternimmt, damit Mädchen in die Nachwuchsabteilung eintreten – Mädchen können bis und mit der U 18-Meisterschaft bei den Buben mitspielen – und wer nicht ein Frauenteam hegt und pflegt und für gute Trainingsbedingungen sorgt, um diesen Mädchen eine Perspektive zu geben, handelt kurzsichtig. Es ist eine Einfalt sondergleichen, dass etwa der SC Langenthal nicht nur sein Frauenteam aus wirtschaftlichen Gründen aus der höchsten Liga zurückgezogen, sondern gleich ganz aufgelöst, aber das Budget des Männerteams in der MyHockey League (der höchsten Amateurliga) nicht angetastet hat.
Jedes Mädchen, das Eishockey spielt, hat um sich eine Familie. Vater, Mutter, Grossvater, Grossmutter, Geschwister, Onkel, Tanten, Schwägerinnen und Schwager, Gotte und Götti, Freundinnen und Freunde, die Freundinnen und Freunde der Geschwister, der Eltern, der Grosseltern, Onkel, Tanten, Schwägerinnen und Schwager, Gotte und Götti und deren Freundinnen und Freunde. Und so weiter und so fort.
Pro Familie werden so gut und gerne 200 Personen mit dem Hockeyvirus angesteckt und in dieser oder jener Weise fürs Hockey sensibilisiert. Wenn ein Klub es schafft, durch kluge lokale Förderung 200 Mädchen fürs Hockey zu begeistern, so ist das ein Kreis von 40'000 Personen aus denen sich Saisonkartenkäuferinnen und -käufer, Hockeyfans, Helferinnen und Helfer, «Botschafterinnen» und «Botschafter» für den Klub beim Kaffeeklatsch und am Stammtisch, in der Schule, in anderen Vereinen – kurzum im ganzen sozialen Umfeld – rekrutieren lassen. Und unter diesen 40'000 sind sicherlich auch einige, die in Kaderpositionen eine Türe zum Büro einer Werbeabteilung einer potenten Firma zu öffnen vermögen oder Einfluss haben, wenn es darum geht, Steuergelder für eine lokale Eis-Infrastruktur locker zu machen. Kurzfristig fliesst so kein Geld in die Klubkassen. Aber langfristig sehr wohl sehr viel.
Das ist der wahre, wirtschaftliche Nutzen, der doch auf der Hand liegt und sich hinter dem beschämenden Publikumsinteresse unserer höchsten Frauenliga versteckt: sechs der acht Teams kommen pro Spiel nicht einmal auf einen Schnitt von 300 Fans pro Partie und der Liga-Durchschnitt liegt unter 1000 pro Spiel.
Dazu kommt noch etwas: In keinem anderen Teamsport ist der Weg zu olympischem Ruhm so kurz und direkt wie im Frauenhockey. Die Schweizerinnen sind für jedes olympische Turnier qualifiziert und wer es ins Nationalteam schafft, ist viel näher an einem olympischen Aufgebot als bei den Männern. Die Konkurrenz ist bei den Frauen geringer. Die Motivation für Mädchen, ins Hockey einzusteigen, müsste also sehr hoch sein.
Die Frage ist natürlich: Könnte auch vom Bundesamt für Eishockey (also vom Verband) mehr für die Frauenförderung getan werden? Ja natürlich. Sehr viel mehr sogar.
Zwei Punkte sind rasch umsetzbar. Erstens: Hört endlich auf mit der unterschiedlichen Regelauslegung – in Bezug auf Bodychecks – zwischen Männern und Frauen. Lasst die Frauen Hockey so spielen wie die Männer. Sie sind längst robust und athletisch genug. Dann ist die Akzeptanz des Frauenhockeys sofort im Quadrat höher. Eine solche konsequente und nicht bloss halbbatzige Regeländerung ist in vollem Umfang im Alleingang ohne Abstimmung mit dem internationalen Verband möglich.
Zweitens: Reduziert die höchste Liga von acht auf maximal sechs Teams. Das sorgt erstens für ein höheres Niveau und zweitens eine bessere zweithöchste Liga.
Drittens: Fördergelder aus den randvollen Geldspeichern des Verbandes fürs nationale Frauenhockey (und nicht für den Ausbau der bereits aufgeblähten Administration). Aber Achtung: Nicht einfach durch Geldüberweisungen an die Klubs und auch die Sponsoren sollten kein Geld freigeben, das nicht transparent und explizit ins Frauenhockey fliesst. Die Klubs verwenden – wenn immer möglich – Gelder schamlos für die Finanzierung des Männerhockeys. Die Gelder zweckgebunden in die Trainerinnen und Trainer investieren – dann ist es auch möglich, gute Saläre zu bezahlen, Qualitätskriterien durchzusetzen und mehr fähige Trainer zum Einstieg ins Frauenhockey zu motivieren. Noch immer gilt – leider, leider – ein Trainer, der einmal ein Frauenteam gecoacht hat, in der Hockeywelt der Männer als nicht mehr vermittelbar.
Kein anderer Teamsport in der Schweiz macht aus so wenig so viel wie unser Frauenhockey. Die Leidenschaft, die Begeisterung unserer Hockeyfrauen für ihren Sport, aber auch ihr Talent und ihre Professionalität sind beeindruckend. Es ist Sportromantik pur auf Weltniveau – die Bronze-Medaille ist die verdiente Anerkennung. Noch selten haben so wenige für das internationale Image unseres Hockeys so viel für so wenig Geld getan wie unsere Frauen soeben in Mailand.
Eine machtlose Alibi-Frau unter sechs Männern im Verbands-Verwaltungsrat hat noch rein gar nichts mit echter Frauenförderung zu tun. Das riesige Potenzial unseres Frauenhockeys nicht schon seit Jahren viel besser auszuschöpfen ist eine der grössten Torheiten in der Geschichte unseres Hockeys (seit 1908).
