Schade, dass die Olympia-Macher beim Skibergsteigen nicht mutiger waren
Für die Schweiz war die olympische Premiere des Skibergsteigens ein fantastischer Erfolg: Die 30-jährige Neuenburgerin Marianne Fatton gewann das erste Gold in der Geschichte ihrer Sportart. Auch im Mixed-Bewerb startet die Schweiz am Samstag mit grossen Hoffnungen auf eine Medaille, bei den Männern wurden Arno Lietha und Jon Kistler Vierter und Sechster.
Positiv ist, dass es sich bei dieser neuen Disziplin um ein kurzweiliges und leicht verständliches Format handelt. Deshalb hatten die Organisatoren der Olympischen Spiele bewusst den Sprint ausgewählt, weil ein Durchgang nur rund drei Minuten dauert.
Eine Abfahrt wie bei Hans Jucker
Auf dem Papier verspricht das Format Spannung. Aber ohne Schweizer Brille stellen wir fest: Besonders attraktiv war das olympische Skibergsteigen nicht.
Es gab in Bormio selten Überholmanöver, kaum einmal Drama in den Wechselzonen – und in der Abfahrt erinnerten die Sportlerinnen und Sportler an jene zwei Hinterherfahrer, die Hans Jucker mit seinem Ausspruch «Do chömmet zwee! Nei, jetzt chömmet zwee!» verewigte.
«Schön, dass es endlich Olympiamedaillen fürs schnelle Aus- und Anziehen von Skis gibt», sagte neben mir Kollege Adrian Bürgler und ich kenne ihn lange genug, um den Sarkasmus in seiner Aussage zu erkennen.
In dieser Form braucht es das Skibergsteigen an den Olympischen Spielen nicht. Es ist zu weit weg von dem, was man sich landläufig darunter vorstellt: Skitouren auf die höchsten Berge, Abfahrten durch Pulverschnee.
Genau dorthin sollte Olympia. Es sollte den Mut haben, sich bewusst antizyklisch zu verhalten – und nicht Sportarten auf drei Minuten zu verkürzen, nur damit sie ins Social-Media-Zeitalter passen. Niemand käme ernsthaft auf die Idee, eine Fussball-WM allein im Penaltyschiessen auszutragen, nur damit alles möglichst kurz und knackig ist.
Fünf Tage statt drei Minuten?
Die nächsten Olympischen Winterspiele finden 2030 in den französischen Alpen statt. Die Heimat der Tour de France ist doch ideal für eine Tour de Ski der Skibergsteiger. Sie könnte so aussehen: Ein Sprint zum Auftakt, dann eine Etappe mit Bergankunft, dann ein Marathon, bei dem es über drei, vier Berge geht, noch eine Bergankunft an einem hohen Gipfel. Und zum Abschluss am fünften Wettkampftag ein Massenstart, bei dem der Führende der Gesamtwertung mit seinem Vorsprung startet, so dass der Erste im Ziel Gold gewinnt.
Eine Garantie, dass die Sportart so zum Publikumserfolg wird, ist das natürlich nicht. Aber zumindest wäre sie näher an ihrem Ursprung – und selbst in der Szene waren viele unglücklich darüber, dass ausgerechnet der Sprint zur olympischen Disziplin erkoren wurde. Rémi Bonnet, der Schweizer Star dieser Sportart, verzichtete deshalb auf eine Olympia-Teilnahme. Er kam wegen langer Touren auf einsame Gipfel zu diesem Sport und nicht für drei Minuten Vollgas.
Es ist richtig, dass das IOC neuen Sportarten eine Plattform gibt. Aber es sollte ihnen gerecht werden. So wie Fussball mehr ist als ein Penaltyschiessen, ist Skibergsteigen mehr als ein Drei-Minuten-Clip. Wenn Olympia diese Sportart wirklich will, sollte es den Mut haben, das auch zu zeigen.
