Kimi Antonelli bricht Hamilton-Rekord – das ist das neuste Formel-1-Supertalent
Jetzt ist der Rekord doch gefallen: Fast 20 Jahre lang war Lewis Hamilton der jüngste Fahrer der Formel-1-Geschichte, der jemals die WM-Wertung anführte. Mit seinem Sieg beim Grossen Preis in Japan setzte sich nun Kimi Antonelli an die Spitze der Gesamtwertung und löste den heutigen Rekordweltmeister als Rekordmann ab.
Im Alter von 22 Jahren und 126 Tagen hatte sich Hamilton im Jahr 2007 die WM-Führung gesichert, Antonelli unterbot das mit seinen 19 Jahren und 216 Tagen deutlich. Der Triumph in Japan war für den Mercedes-Piloten nach dem Triumph in China vor zwei Wochen bereits der zweite in Folge. Damit ist Antonelli auch der erste Italiener seit Alberto Ascari 1953, der es schaffte, zwei Grand Prix nacheinander zu gewinnen.
Sein Heimatland bringt er mit seinen Leistungen zum Träumen. Die italienische Zeitung «Tuttosport» titelte schon nach dem China-Triumph begeistert: «Nun heisst das Ziel: Angriff auf den Titel!» Der Japan-Erfolg dürfte die Euphorie nur weiter anheizen. Plötzlich ist Antonelli Titelkandidat. Dabei standen hinter seiner Zukunft in der Formel 1 erst vor wenigen Monaten noch grosse Fragezeichen.
Nicht immer heile Familie
Nach dem Sieg in China zeichnete man bei Mercedes das Bild einer heilen Familie. Seit 2018 ist Antonelli im Juniorenteam des deutschen Rennstalls. Sky-Experte Ralf Schumacher bezeichnet Teamchef Toto Wolff deshalb sogar als «Ziehvater» Antonellis. Wolff war es auch, der im vergangenen Jahr den damals erst 18-Jährigen bei Mercedes zum Nachfolger von Rekordweltmeister Lewis Hamilton machte – trotz zahlreicher Kritiker, die den Schritt für voreilig hielten.
«Ich habe dort eine Familie gefunden, die mich früh gefördert und mir die besten Bedingungen gegeben hat, mich zu entwickeln», betonte auch Antonelli nach seinem Premierenerfolg. Doch ganz so heil war die Mercedes-Welt nicht immer, hätte «Ziehvater» Wolff den jungen Antonelli in der vergangenen Saison doch fast zur Adoption freigegeben.
Im Sommer des vergangenen Jahres, seiner Debütsaison, war Antonelli seine Unerfahrenheit deutlich anzumerken. In den zehn Läufen zwischen seinen beiden Heimrennen in Imola und Monza legte er eine ziemlich desaströse Bilanz auf. Zwar holte er in Kanada das erste Podium seiner Karriere, doch kam Antonelli in gleich vier dieser Rennen gar nicht erst ins Ziel, wurde zweimal 16., einmal 18. und schaffte es zwei weitere Male mit einem zehnten und einem neunten Platz gerade so in die Top Ten. Für ein Topteam wie Mercedes nicht genug.
«Im vergangenen Jahr haben viele gesagt, dass das alles zu früh komme. Natürlich haben auch wir uns immer wieder gefragt, ob wir ihn vielleicht zu früh in diesen Dampfkochtopf geworfen haben», gab Teamchef Wolff deshalb nun immerhin zu, schränkte jedoch ein: «Aber genau das war die Marschroute: ein Jahr lang mit Höhen und Tiefen. Er ist jung, man muss ihm diese Fehler verzeihen.»
Unerwähnt liess der 54-Jährige dabei, dass die Schwächephase Antonelli durchaus die Karriere hätte kosten können. Zeitgleich zum Formknick des Italieners nahmen die Diskussionen um die Zukunft von Vierfach-Weltmeister Max Verstappen Fahrt auf. Der Niederländer war unglücklich bei seinem schwächelnden Red-Bull-Rennstall. Wechselgerüchte machten die Runde – und Toto Wolff buhlte in aller Öffentlichkeit um die Dienste des Superstars.
Antonelli lässt Italien jubeln
Doch es kam anders: Verstappen blieb bei Red Bull und Antonelli stabilisierte sich im Saisonendspurt. In den letzten acht Rennen schaffte er es fünfmal unter die fünf besten Fahrer, zweimal sogar auf das Podium. In einem komplizierten Regenrennen in Brasilien fuhr er dabei mit Platz zwei seine bis dahin beste Karriereplatzierung ein.
Und so dominiert zum Saisonstart das Fahrerduo Antonelli/Russell bei den Silberpfeilen, die den besten Motor unter dem neuen Reglement bauten. Nach dem Sieg von Russell zum Saisonauftakt in Melbourne triumphierte Antonelli nun gleich doppelt – und hatte seinen deutlich erfahreneren Teamkollegen dabei über das ganze Suzuka-Wochenende im Griff.
In Italien ist man hungrig nach dem ersten WM-Titel eines Italieners seit über 70 Jahren. Die Anfangszeit der Königsklasse in den 1950er-Jahren verlief für die Südeuropäer zwar erfolgreich. Mit Giuseppe Farina (1950) und zweimal Alberto Ascari (1952, 1953) gingen drei Fahrertitel nach Italien. Doch seither wartet man vergeblich auf den nächsten Triumph. Die dominante Ära des italienischen Rennstalls Ferrari Anfang der 2000er-Jahre war mit Michael Schumacher von einem Deutschen hinter dem Steuer geprägt – und stellte die italienische Rennsportseele nur teilweise zufrieden.
Fans hoffen auf «Krieg der Sterne»
Nicht nur Italien, sondern auch neutrale Formel-1-Fans setzen dabei ihre Hoffnung in Antonelli. Die Dominanz der Mercedes erinnert aktuell an die Anfangsphase der Hybrid-Ära 2014, als die Silberpfeile ebenfalls den mit Abstand besten Motor bauten und Lewis Hamilton und Nico Rosberg jahrelang den Titel unter sich ausmachten. Möchten die Fans in diesem Jahr einen spannenden WM-Kampf sehen, müssen sie wohl wieder auf einen «Krieg der Sterne» hoffen – mit einem starken Antonelli, der schon in seinem zweiten Formel-1-Jahr in der Lage ist, seinem wesentlich erfahreneren Teamkollegen George Russell die Stirn zu bieten.
Antonelli gab sich betont gelassen: «Das fühlt sich ziemlich gut an», sagte er nach dem Sieg in Japan. «Es ist noch zu früh, über die Meisterschaft nachzudenken, aber wir sind in einer guten Position.»
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