
Deutsche Party in München: Nach dem überzeugenden Auftaktsieg steigt die Euphorie bei den Fans und in den Medien.Bild: keystone
15.06.2024, 09:0815.06.2024, 13:36
Besser hätte die Heim-EM für Deutschland kaum starten können: Im Eröffnungsspiel liess das Team von Julian Nagelsmann einem inferioren Schottland keine Chance, gewann mit 5:1 und konnte sich danach von den begeisterten Fans zu den Klängen von «Major Tom» feiern lassen. Auch in der deutschen Presse ist die Euphorie teils schon «völlig losgelöst» – ein Überblick.
Deutschland
«Bild»
«Jetzt träumen wir vom zweiten Sommermärchen! Unser DFB-Team gewinnt das Eröffnungsspiel bei der Heim-EM, zerlegt Schottland locker mit 5:1. Diese Leistung war beinahe schon titelreif! Die Elf von Bundestrainer Julian Nagelsmann (36) dominiert das Spiel, lässt hinten kaum was zu und spielt die überforderten Schotten auseinander. Ein Auftritt, der uns alle EM-Ängste und Sorgen nimmt. (...) Der Gala-Auftritt reisst auch die Fans mit. Sie feiern Real-Superstar Toni Kroos mit Sprechchören, besingen auch Bayern-Urgestein Thomas Müller vor seiner Einwechslung. Harmonie auf und abseits des Platzes – ein idealer Start ins Heim-Turnier! (...) Nach Jahren voller Krisen, Trainerwechseln und Turnier-Enttäuschungen könnte dieser Auftritt der Startschuss für die Renaissance der grossen Fussball-Nation Deutschland gewesen sein …»
«Kicker»
«Die stimmgewaltige Begleitung der schottischen Fans beim Abspielen ihrer inoffiziellen Hymne ‹Flower of Scotland› erinnerte an den wuchtigen Gesangsvortrag der brasilianischen Anhänger vor dem WM-Halbfinale 2014. Die aktuellen EM-Hoffnungsträger liessen sich davon allerdings ebenso wenig beeindrucken wie die späteren Weltmeister bei ihrem historischen 7:1, das ihnen den Weg ins Finale ebnete. Davon sind Bundestrainer Julian Nagelsmann und sein Team noch weit entfernt, doch der erste Schritt ins Turnier hätte kaum überzeugender ausfallen können. Die deutsche Mannschaft lieferte beim hochverdienten 5:1 einen in jeder Hinsicht überzeugenden Auftritt ab, der Mut macht und Fesseln lösen kann. Allerdings präsentierten sich die in der Defensive überforderten und in der Offensive völlig harmlosen ‹Bravehearts›, die von ihren letzten zehn Spielen nur eines gegen Gibraltar gewinnen konnten, als überaus dankbarer Gegner.»
«Seit nunmehr fünf Spielen sind Nagelsmann und sein Team ungeschlagen, und nach einem siegreichen Start ist eine deutsche Mannschaft noch nie in der Vorrunde eines Turniers gestrauchelt. Gegen Ungarn wartet am Mittwoch in Stuttgart ganz sicher eine weitaus schwerere Aufgabe. Aber: Nagelsmann und seine Mannschaft scheinen bereit.»
«Spiegel»
«Ronaldo, Bellingham, Mbappé – viele EM-Favoriten leben von ihren Superstars. Das DFB-Team hingegen ist den PR-Slogan ‹Die Mannschaft› offenbar nur losgeworden, um jetzt endlich als solche aufzutreten. Die Fans sind begeistert. (...) Einziger Wermutstropfen aus deutscher Sicht war der späte Gegentreffer (...). Womöglich ist das aber sogar ganz gut für das Team: Zu viel Euphorie, womöglich gar ein falsches Gefühl der Sicherheit, mag am Mittwoch gegen die deutlich stärker eingeschätzten Ungarn kontraproduktiv sein. Defensiv wurde Deutschland nicht getestet, und manch Einzelspieler, etwa der eingewechselte Leroy Sané, machte eine unglückliche Figur. Falls diese Mannschaft jedoch ihren Fokus halten kann, kann dieses Turnier aus deutscher Sicht noch sehr viel Spass machen.»
«Frankfurter Allgemeine»
«Das Tempo, das Philipp Lahm 2006 vorgelegt hatte, erreichte die deutsche Nationalmannschaft nicht ganz. Es dauerte vier Minuten länger als zu Beginn jenes märchenhaften Sommers, bis der Ball am Freitagabend zum ersten Mal ins Netz sauste. Aber was sich danach entwickelte, war eine eigene, eine noch bessere Geschichte. (...) Schöner, lustvoller, leichter hätte es kaum aussehen können, was die Mannschaft von Julian Nagelsmann zu diesem besonderen Anlass in der Münchner Arena aufführte.»
«Wenn es der von Toni Kroos exzellent gelenkten Mannschaft gelingt, diese Mischung aus Spielfreude und Konzentration beizubehalten, gibt es keinen Grund, warum diese EM den Deutschen nicht noch weitere zauberhafte Momente bescheren sollte.»
«Süddeutsche Zeitung»
«Alles, was klappen kann, klappt auch: Das DFB-Team startet mit einem idealen Spiel ins EM-Turnier. Bundestrainer Julian Nagelsmann will die Euphorie nach dem 5:1 gegen Schottland gar nicht bremsen – aber das erledigen seine Spieler. (...) In die vergangenen drei Rumpelturniere war das Nationalteam mit einer Niederlage gestartet – ganz anders jetzt beim 5:1 gegen Schottland. Der Plan von Bundestrainer Nagelsmann geht schon früh auf.»
Schottland
Ganz anders die Stimmung derweil in Schottland. Nachdem viele Fans in Deutschland für Stimmung gesorgt hatten, macht sich nach der Klatsche im ersten Spiel bereits Ernüchterung breit.
«The Scottish Sun»
«Die Tartan Army trat mit grosser Hoffnung an, doch der Abend endete in der totalen Verzweiflung. Die mitgereisten Fans unterstützten ihre Mannschaft nach Kräften, doch sie mussten zusehen, wie das Team von Anfang bis Ende ‹gemannschaftet› wurde. (...) Klar: Deutschland war grossartig. Aber Schottland hat seinen Untergang auch sich selbst zu verdanken.»
«The Scotsman»
«Eine Blase ist geplatzt. Die ganze Vorfreude, das ganze Gerede in den acht Monaten seit der Qualifikation Schottlands Mitte Oktober. All das Posieren für Fotos für Stickeralben. All die Anproben für die Outfits, welche die Spieler bei ihrer Ankunft auf dem Platz trugen. Das ganze Hin und Her, wer gegen die Gastgeber vorne spielen sollte. All das war nach 20 Minuten im ersten Spiel völlig bedeutungslos. Zu diesem Zeitpunkt merkte Deutschland, dass dieses Spiel nichts weiter als eine zusätzliche Trainingseinheit war.»
(dab)
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