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Alisha Lehmann ist eine feste Grösse in der Frauen-Nati – ebenso aber auch auf Tiktok, wo sie 3,9 Millionen Follower hat.
Alisha Lehmann ist eine feste Grösse in der Frauen-Nati – ebenso aber auch auf Tiktok, wo sie 3,9 Millionen Follower hat.Bild: keystone

SRF zeigt die Schweizer Frauen-Nati live auf Tiktok – was das Ganze brisant macht

Das Schweizer Fernsehen zeigt ein Länderspiel der Frauen-Nati auf Tiktok – warum? Welche Erkenntnisse hat man am Leutschenbach gewonnen – und: Wo liegen Chancen und Gefahren?
02.11.2021, 07:4802.11.2021, 12:55
etienne wuillemin / ch media

Es ist Freitagabend, kurz nach 19 Uhr. Das Abendessen ist vorbei. Die Vorfreude aufs Wochenende gross. Samuel, 13, chillt im Zimmer. Auf dem Handy öffnet er «TikTok», die Social Media App mit den meisten Downloads weltweit. Darauf können Nutzerinnen und Nutzer ihre eigenen Videos hochladen und schauen. Lifestyle, Mode, Dancemoves – wer hip sein will, darf die neusten Trends nicht verpassen.

Tiktok wirkt stilbildend auf die heutige Jugend. Und es gibt einige sogenannte «Influencerinnen und Influencer», die mit ihren Videos sehr viel Geld verdienen.

Doch diesmal bleibt Samuel auf Tiktok anderweitig hängen: beim Live-Fussball. Das Schweizer Fernsehen streamt das Länderspiel des Frauen-Nationalteams gegen Rumänien live.

Der Versuch von SRF, die Jungen zu erreichen

Fussball live auf Tiktok – ­tatsächlich? Ja, bestätigt Susan Schwaller, Chefredaktorin SRF Sport, auf Anfrage von CH Media: «Das WM-Qualifikationsspiel Schweiz-Rumänien war der erste Livestream auf dem Tiktok-Account von SRF Sport

Noelle Maritz trifft gegen Rumänien. SRF überträgt das Spiel auf der Social-Media-Plattform Tiktok.
Noelle Maritz trifft gegen Rumänien. SRF überträgt das Spiel auf der Social-Media-Plattform Tiktok.Bild: Screenshot Tiktok

Die Schweizer Fussballerinnen staunten durchaus, als sie davon erfuhren. Captain Lia Wälti entdeckte eine Werbung auf der Plattform, erzählte in der Kabine ihren Teamkolleginnen davon. «Ich finde es eine coole Sache», sagt Ana Maria Crnogorcevic, die Schweizer Rekordtorschützin. Sie fügt an:

«Vielleicht entdeckt ja auf diesem Weg die eine oder andere junge Frau ihr Interesse am Fussball.»

Was ist die Überlegung von SRF Sport, Liveübertragungen auf Tiktok anzubieten? Susan Schwaller sagt: «In erste Linie war es für uns ein Versuch. Wie kommt das Angebot bei den Usern an? Wie hoch ist der technische und personelle Aufwand? Klar ist auch: SRF kann damit Nutzer erreichen, die auf anderem Weg schlechter erreicht werden – gerade die jüngere Zielgruppe ist sehr aktiv auf Tiktok.»

Susan Schwaller, Chefredaktorin SRF Sport.
Susan Schwaller, Chefredaktorin SRF Sport.Bild: oscar alessio / srf

Gebührenfinanziert, aber wer kassiert Werbegelder?

Wenn Samuel also via Tiktok den Weg zum Frauenfussball findet, dann sieht er denselben Livestream, der auch in der SRF Sport App läuft. Er kann in der Kommentarspalte Nachrichten hinterlassen, mit anderen Usern über das Spiel diskutieren. Und auch der Live-Kommentar aus dem Stadion von Manuel Köng ist zu hören. Einziger Unterschied: In der Pause muss SRF ein Standbild aus dem Stadion einblenden, weil die Konzession es der SRG verbietet, Werbung auf Drittplattformen auszustrahlen.

Oder anders ausgedrückt: Tiktok will die Werbung selbst verkaufen. Das ist nicht ganz frei von Brisanz. Und wirft die Frage auf: Ist es zu rechtfertigen, dass SRF mit Gebührengeldern Sendungen produziert, die es dann auf einer chinesischen Plattform «gratis» ausstrahlt und dieser damit ermöglicht Werbegelder zu generieren? Gelder, die der Schweizer Medienlandschaft in letzter Konsequenz abhanden gehen.

Studie zeigt: Wer Fussball schauen will, nutzt den TV

Mit dieser Frage konfrontiert, antwortet Alexander Sautter, Leiter digitale Kanäle bei SRF: «Gemäss Artikel 13 in der Konzession ist es unser Auftrag, Angebote für Junge herzustellen. Mit unseren Auftritten auf Drittplattformen gehen wir auf unsere Nutzerinnen und Nutzer zu und bieten ihnen auf jenen Plattformen, auf denen sie sich in ihrem Alltag ohnehin bewegen, die passenden Inhalte an.»

Siri Fischer ist Geschäftsführerin der Interessensgemeinschaft elektronische Medien Schweiz (IGEM). Sie beobachtet die Mediennutzung in der Schweiz intensiv und forscht dazu. Zuletzt ist im Sommer 2021 eine viel beachtete Studie der IGEM erschienen. Fischer sagt: «Grundsätzlich besteht natürlich ein Spannungsfeld zwischen Erreichung und Präsenz der Jugendlichen dort, wo sie sich im Alltag bewegen und dem gebührenfinanzierten Content auf ausländischen Plattformen, der dort einiges an Werbeeinnahmen generieren kann.»

In ihrer Studie haben Fischer und ihr Team einige spannende Erkenntnisse gewonnen, was die Mediennutzung der 15-24-Jährigen betrifft. Eine davon: Die tägliche Nutzung des klassischen TVs ist bei jenen Personen mit Sport-Interesse (55% der 15-24-Jährigen) wesentlich höher als bei jenen Personen ohne Sport-Interesse (45% der 15-24-Jährigen). 34 Prozent der Sport-Interessierten aus der Generation Z nutzen den TV täglich, nur 25% hingegen bei den Nicht-Sport-Interessierten. Für Fischer ist das ein klares Indiz, dass der Sport immer noch am liebsten klassisch via Fernseher konsumiert wird.

Wiederholt SRF den Versuch bei der Frauen-EM?

Welche Erkenntnisse hat SRF aus dem Versuch gewonnen? «Die detaillierten Auswertungen folgen noch. Grundsätzlich sind wir zufrieden, wir haben positives User-Feedback erhalten und 1000 neue Followerinnen und Follower dazugewonnen. Aber das war nicht das primäre Ziel. Es ging darum, ­Erfahrungen zu sammeln.»

Live-Fussball auf Tiktok, ist das die neue Realität? Wohl kaum. Auch Samuel legt das Handy weg und wechselt aufs Sofa vor den Fernseher, wenn er Fussball schauen will. Aber die Chance besteht durchaus, dass manch eine junge Frau oder ein junger Mann erst via Tiktok überhaupt mitbekommt, dass gerade ein Fussballspiel live zu sehen wäre. Auch deshalb darf man gespannt sein, ob SRF den Versuch wiederholt. Beispielsweise an der Frauen-EM im nächsten Sommer. Oder aber in anderen Sportarten, zum Beispiel bei den Freestylern im Schnee, deren Exponenten beim jungen Zielpublikum einen hohen Stellenwert haben.

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