Chelsea klaut den Trainer – und der Partnerklub schaut dumm aus der Wäsche
Am Neujahrstag lief das Fass über: Chelsea entliess Trainer Enzo Maresca, der die Blues zum Triumph in der Conference League und an der Klub-WM geführt, sich aber auch immer wieder gegen die Vereinsführung aufgelehnt und gegen Eingriffe von oben gewehrt hatte. Der Guardian schrieb, dass der 45-jährige Italiener «entlassen werden wollte». Maresca liebäugelt schon länger mit dem Job als Nachfolger von Pep Guardiola bei Manchester City.
Um den Nachfolger für Maresca zu finden, brauchte Chelsea nicht weit zu schauen: Liam Rosenior von Partnerklub Strassburg kommt. Die Franzosen haben da kein echtes Mitspracherecht – genauer gesagt entscheiden bei dem Ligue-1-Klub letztlich dieselben Personen wie bei Chelsea. Nämlich die BlueCo-Gruppe um Todd Boehly und den Schweizer Hansjörg Wyss. Und deren Priorität liegt bei den Blues.
Deshalb beorderten Boehly und Co. Rosenior nun nach London. Der 41-Jährige nimmt diese «unglaubliche Chance bei einem unglaublichen Verein» dankend an. Er verkündete den Entscheid bei einer Pressekonferenz in Strassburg am Dienstagmorgen gleich selbst, wenig später bestätigte Chelsea die Trainerverpflichtung. Rosenior wurde in der englischen Hauptstadt geboren und trainierte Racing Strassburg seit Juli 2024.
Strassburgs Fans sind wütend
Rosenior führte die Elsässer in seiner ersten Saison auf Platz 7 und dann in die Conference League, wo sie sich als Erster direkt für die Achtelfinals qualifiziert haben. Es ist abgesehen vom Cupsieg 2000/01 der wohl grösste Erfolg, seit Gilbert Gress den Klub 1978/79 zur einzigen Meisterschaft geführt hat. Aktuell steht Strassburg erneut auf dem 7. Rang, vor der Serie mit fünf sieglosen Spielen war der Klub gar Vierter. Nun verliert Racing aber den Architekten des Erfolgs, der gemäss Guardian mit seiner Intelligenz, seinem Verständnis und seinem Ehrgeiz sowohl die Spieler als auch die Führungsriege beeindruckt habe.
Mitten in der Saison steht Strassburg also ohne Trainer da. Und das nicht, weil dieser nicht gut genug war – sondern vielmehr, weil er zu gut war. Bei den Fans der Elsässer sorgt dies für Ärger. «Es ist eine gute Sache, weil wir mehr Geld haben als zuvor», sagt eine Anhängerin über die neuen Besitzer gegenüber The Athletic, fügt aber an: «Es geht zu weit, wenn er uns verlässt. Dann werde ich wütend sein und ich weiss, dass alle Fans dasselbe fühlen.» Ein anderer Anhänger ergänzte: «Mitten in der Saison sollte so etwas nicht möglich sein.»
Auch GC gehört einem anderen Klub
Die sogenannten Multi-Club-Ownerships, bei denen ein Unternehmen mehrere Klubs besitzt, werden immer häufiger. So gehört GC denselben Besitzern wie Los Angeles FC, Lausanne-Sport ist wie Manchester United und OGC Nizza Teil des INEOS-Netzwerks. Diese Konstrukte sehen sich immer wieder Kritik bezüglich Wettbewerbsverzerrung ausgesetzt, weil Spieler zwischen den Vereinen hin- und hergeschoben werden und am Ende alles dem Wohl des grössten Klubs dient.
Der Wechsel von Rosenior zu Chelsea untermalt diese Kritik einmal mehr. Während die Blues sich einfach den Trainer unter den Nagel reissen können – vorbehaltlich dessen Zustimmung natürlich –, schaut Partnerklub Strassburg nun dumm aus der Wäsche. Der Abgang von Captain Emmanuel Emegha nach London im Sommer ist ebenfalls schon beschlossene Sache. Gleichzeitig profitiert Strassburg von den finanziellen Möglichkeiten und talentierten Leihspielern. So konnte auch das Stadion renoviert und vergrössert werden.
Die Racing-Ultras sehen dennoch vorwiegend das Negative. So zeigen diese jeweils Banner mit der Aufschrift «Non à la Multipropriété» («Nein zum Mehrfachbesitz») und «BlueCo Out». Ausserdem protestieren sie zu Beginn der Heimspiele jeweils mit 15 Minuten Stimmungsboykott gegen die Besitzer, die den Verein im Sommer 2023 ein Jahr nach Chelsea übernommen haben.
Ein düsteres Zeichen für den französischen Fussball
Ganz so extrem sahen das aber nicht alle Fans im Elsass, nun sei dies anders, wie ein Sprecher einer Strassburger Fan-Organisation gegenüber The Athletic sagt: «Die Reaktionen der Fans sind sehr negativ – und zwar von allen Seiten. Das ist neu.» Zuvor hätten viele zwar die Multi-Club-Ownership abgelehnt, sich aber wegen des guten Fussballs damit abgefunden. Dass jetzt der Trainer weggeschnappt wird, sorge aber für grosse Wut. «Wir werden als Reserveteam von Chelsea genutzt», beklagt der Fan-Sprecher.
Das Magazin Le Point sieht diesen Vorgang als düsteres Zeichen für den gesamten französischen Fussball, welches «das Schlimmste befürchten lässt». In der Ligue 1 sind zehn von 18 Klubs Teil eines Multi-Klub-Modells. Bei Strassburg gehe es aber am weitesten. Nur zwei Feldspieler sind über 23 Jahre alt. Dies zeige klar, dass der Klub «zu einem echten Labor für Chelsea entwickelt wurde». Die besten Spieler könnten bei Strassburg reifen, um dann zum prioritär behandelten Verein zu wechseln. Nur selten würde deren Aufenthalt im Elsass länger als zwei Saisons dauern.
Während Racing-Präsident Marc Keller den Verkauf an die Chelsea-Besitzer aus finanzieller Hinsicht als unerlässlich verteidigt, führt das französische Magazin an, dass dies eine Schwächung der Identität des Klubs und damit des Zugehörigkeitsgefühls sowohl der Spieler als auch der Fans nach sich gezogen habe. Ausserdem hatte Strassburg mit Platz 6 in der Saison 2021/22 bereits vor der Übernahme durch die US-amerikanischen Besitzer Erfolg.
Es ist jedoch die neue Realität von Racing Strassburg, dass der Klub Entscheidungen nicht mehr alleine treffen kann. Und das könnte auch vielen anderen Vereinen, die Teil eines Multi-Klub-Konstrukts sind, passieren, dass sie zum Reserveteam des Partnerklubs degradiert werden. Da ist es wohl nicht vermessen, von düsteren Aussichten zu sprechen.
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