Phil Foden ist der jüngste Neuzugang auf der «Sündenbock-Liste» der englischen Fussballwelt. Der 24-Jährige ist dabei in illustrer Gesellschaft. Auch Harry Maguire, Bukayo Saka, Marcus Rashford und Harry Kane stehen regelmässig am Pranger. Nach dem Spiel gegen Serbien am vergangenen Sonntag war Foden nicht nur die Zielscheibe der englischen Presse, sondern kam auch auf X schlecht weg.
Es ist anzunehmen, dass der Spieler aus Stockport angesichts der Kritik die Benachrichtigungen seines X-Accounts deaktiviert hat. Die Kritik an Foden nahm auf der Social-Media-Plattform ein solches Ausmass an, dass sein Name in den Trends auf Platz 1 landete.
Im Land des Fussballs muss man für die Nationalmannschaft sein letztes Hemd geben, um sich die Gunst der Fans zu erspielen. Und für den besten Spieler der vergangenen Premier-League-Saison ist die Messlatte natürlich höher angesetzt – insbesondere an einer Europameisterschaft.
Bereits am 23. März wurde er für seine Leistung im Freundschaftsspiel Brasilien-England massakriert. In der virtuellen Welt packten die Fans ihre Keulen aus und droschen auf den Spieler ein, der ihrer Meinung nach überschätzt werde und im Nationaldress ein Schatten seiner selbst sei. Die Leistung des Mittelfeldspielers wird nach jedem Länderspiel minutiös analysiert, kritisiert, verspottet und durch den Dreck gezogen. Das geht so weit, dass Phil Foden gar dem ungeschickten Harry Maguire von Manchester United den Titel als Sündenbock der Nation streitig macht.
In der taktischen Aufstellung von Manchester City fühlt sich Foden wie ein Fisch im Wasser und fügt sich perfekt in die risikoarme und auf Ballbesitz basierende Spielweise ein. In der Nationalmannschaft liegt er auf dem Trockenen. An der Seite von Jude Bellingham und Bukayo Saka war er gegen Serbien praktisch unsichtbar.
Das System, das voll und ganz um das Juwel Bellingham ausgerichtet ist, scheint zu verhindern, dass sich Foden auf dem Rasen voll entfalten kann. Die Frage sei, wie man ihn am besten einsetzt, konstatierte BBC Sport im März.
Foden wird von Gareth Southgate auf der linken Seite eingesetzt – Pep Guardiola würde das bei Manchester City niemals wagen. Das Rätsel um die Postion scheint aber nicht den englischen Trainer Gareth Southgate, sondern nur den Spieler selbst in Bedrängnis zu bringen, denn geht es nach den Fans, so kann sich ein grosser Spieler an die Spielidee des Trainers anpassen.
Dieser Meinung ist auch Cesc Fabregas. Der ehemalige Arsenal-Spieler sagte gegenüber BBC-TV:
Rio Ferdinand, der ehemalige Star von Manchester United, ist milder gestimmt und glaubt daran, dass das englische Wunderkind sein volles Potenzial entfalten kann, wenn Luke Shaw nach seiner Verletzung wieder fit ist – der Aussenverteidiger soll für den Rest des Turniers einsatzbereit sein.
Andere erinnern sich daran, dass auch Paul Scholes mit denselben Problemen zu kämpfen hatte. Der ehemalige Spieler von Manchester United musste ebenfalls auf die linke Seite ausweichen, um Platz für Steven Gerrard und Frank Lampard in der Mitte zu schaffen, so schreibt The Guardian.
Zur Zunft der Starfussballer zu gehören, erfordert die Fähigkeit, auf taktische Dilemmas zu reagieren. Doch Foden könnte den Ball auch an die Kritiker zurückspielen und argumentieren, dass seine (so wertvollen) Läufe die defensive Achse der Serben in Bedrängnis gebracht hat – die berühmte Schattenarbeit, welche die breite Öffentlichkeit nicht sieht.
Talking Tactics hebt auf X die undankbare Aufgabe hervor, die Foden in der ersten Halbzeit des ersten Spiels der Three Lions übernommen hatte. «Fodens Bewegung ohne Ball und die offensive Position, die er einnahm, waren hervorragend. (...) Ein schlampiger Pass, bei dem es ein Missverständnis zwischen ihm und Bukayo Saka gab. Abgesehen davon spielte Foden gut». Doch Kritiker (und die Presse) haben einen weiteren Pfeil im Köcher: Sie attestieren Foden mangelnde Risikobereitschaft: kein Dribbling, kein Schuss und nur eine Ballberührung im gegnerischen Strafraum während 90 Minuten.
Gareth Southgate set to keep faith with Phil Foden and Trent Alexander-Arnold 🏴
— talkSPORT (@talkSPORT) June 20, 2024
The right call?
Dass Kobbie Mainoo an der Medienkonferenz Partie für Foden ergriff und dessen technische Raffinesse hervorhob, wird den Brand nicht löschen können. Die Fans und Journalisten hauen immer energischer in die Tasten und bezeichnen den Spieler, der nur unter dem (heiligen) Guardiola glänzen kann, als «Hochstapler» und «Blender».
Die besonders eifrigen Kritiker verpassen dem 24-Jährige wenig schmeichelhafte Spitznamen wie «Phil Frauden» und versäumen es nicht, seine mageren Statistiken im englischen Trikot zu rezitieren. «The Sniper», wie er in der Premier League genannt wird, hat in 35 Länderspielen vier Tore erzielt und dabei selten geglänzt.
Der Guardian bezeichnete Foden als «komplexes Talent». Ein Juwel, das in der Akademie von Manchester City bearbeitet und geschliffen wurde. Er kenne nur Guardiola und die durchstrukturierte City-Umgebung, sei voll und ganz auf diese Art Fussball getrimmt. Demgegenüber steht die englische Nationalmannschaft, die viel mehr von Improvisation als von Struktur lebt.
Southgate scheint nicht gewillt zu sein, seinen Juwel auf die Ersatzbank zu verbannen. Der Trainer hält wenig von Nebengeräuschen, wie er sagt, und wird Phil Foden heute (18 Uhr) gegen Dänemark aufstellen. Der 24-Jährige hat die Möglichkeit, eine Antwort auf die Frage zu liefern, die sich viele Kritiker stellen: Schafft es der herausragende Premier-League-Spieler, seine Klasse auch im Nationaltrikot auf den Platz zu bringen? Nun, die EM wird es zeigen.
Gegen die Mannschaft habe ich hingegen nichts. Auch wenn es teilweise hitzig wird, haben sie zumindest Würde und Sportsgeist.