Sport
Interview

Marco Odermatt im Interview über den Hype um ihn und Hirschers Comeback

Anton Geisser 04.06.2024 Luzern.Schweiz. Fussball Laenderspiel Schweiz -Estland .Bild : Marco Odermatt Skirennfahrer *** Anton Geisser 04 06 2024 Lucerne Switzerland Soccer match Switzerland Estonia P ...
Skifahrer Marco Odermatt hat auch im Sommer viel zu tun.Bild: www.imago-images.de
Interview

Marco Odermatt im Interview: «Wenn ich etwas ändern könnte, wäre es schon das Berühmtsein»

Marco Odermatt sagt, der Sommer sei fast strenger geworden als der Winter. Für ein Interview nimmt sich der 26-jährige Skistar trotzdem Zeit. In Engelberg spricht Odermatt über sein neustes Projekt, die Zusammenarbeit mit dem neuen Trainer, den Hype um seine Person – und das Comeback des Seriensiegers Marcel Hirscher.
10.06.2024, 05:2510.06.2024, 13:11
claudio zanini / ch media
Mehr «Sport»

Es ist Mittagszeit in Engelberg. Marco Odermatt verpflegt sich in einer bodenständigen Bar in der Nähe des Bahnhofs. Die Atmosphäre ist entspannt. Nebst Odermatt und seinem Manager sind noch Leute des Genfer E-Bike-Unternehmens Miloo da. Miloo ist einer der Sponsoren von Odermatt. Das Start-up hat dem Nidwaldner Skistar ein neues Bike gewidmet, es trägt den Namen «Adventure Beast». Nach dem Fototermin erzählt Odermatt, was ihn in diesem Sommer beschäftigt.

Inwiefern waren Sie beteiligt an der Entwicklung dieses E-Bikes?
Marco Odermatt
: Die Idee für das Bike kam natürlich von Miloo. Es sollte ein Gravelbike werden, mit dem du sowohl auf der Strasse als auch auf Kies schnell bist. Ein Velo, das dir auch mal das Auto ersetzen kann. Ich fand die Idee cool. Wenn ich privat ein Velo kaufen würde, dann so was.

Können Sie dieses Velo auch in Ihr Training integrieren?
Theoretisch schon. Ob ich jetzt mit dem Rennvelo 70 Kilometer fahre oder mit dem E-Bike 110 Kilometer, ist wahrscheinlich von der körperlichen Anstrengung her etwa gleich. Aber dieses E-Bike ist eigentlich nicht fürs Training gedacht, sondern eher, um grössere Strecken zu bewältigen.

Switzerland's head coach Murat Yakin, right, and Swiss ski racer Marco Odermatt talk prior to an international friendly soccer match between Switzerland and Estonia at the Swissporarena in Lucern ...
Marco Odermatt zu Besuch bei der Nati – hier mit Nationaltrainer Murat Yakin. Bild: KEYSTONE

Miloo ist einer ihrer 19 Premiumpartner. Wie viele Sponsoren erträgt es überhaupt noch?
Ich denke, wir sind an der oberen Grenze angekommen. Miloo kam letztes Jahr hinzu, ansonsten haben wir ja seit Jahren die gleichen Partner. Aber die Kapazität ist wahrscheinlich ausgeschöpft.

«Der Sommer ist für mich fast strenger geworden als der Winter. Aber das ist ja auch eine logische Folge meiner Erfolge.»

Sponsoren erwarten Gegenleistungen. Sie müssen zum Beispiel ein Velo präsentieren wie heute. Wie vereinbaren Sie das mit dem Sommertraining?
Der Sommer ist für mich fast strenger geworden als der Winter. Aber das ist ja auch eine logische Folge meiner Erfolge. Wenn man sehr erfolgreich ist, hat man vermutlich am meisten zu tun. Und eben nicht nur rund um die Rennen im Winter, sondern auch im Sommer, weil es viele Anfragen und Sponsorentermine gibt.

Der Sommer ist strenger als der Winter? Wirklich?
Ich glaube schon, ja. Der Winter ist ganz anders. Im Winter hat nur das Skifahren Priorität, ich konzentriere mich ausschliesslich darauf. Im Sommer gibt es die intensiven Trainings, meistens täglich zwei Einheiten und viele Sponsorenverpflichtungen. Schauen Sie: Eigentlich habe ich ja nur drei oder vier Monate Zeit im Sommer, um auch alles Private zu erledigen. Zahnarzt, Steuererklärung und solche Dinge, das fällt bei mir auch an. Andere verteilen das aufs Jahr, ich muss das im Sommer machen, weil ich ab August oder September wieder mehrheitlich weg bin.

Aber haben Sie genügend Zeit fürs Training im Sommer?
Da bin ich extrem konsequent. Ich würde sogar sagen, so konsequent wie fast keiner. Es sind halt lange Tage, und es gibt wenig Freizeit. Heute war ich um 7 Uhr für drei Stunden auf dem Rennvelo, dann kam ich hierhin für diesen Termin, das dauert etwa bis 18 oder 19 Uhr, dann mache ich nochmals eine Stunde oder so Training.

Und die Erholung?
Ich erhole mich einfach sehr schnell. Wenn ich einen halben Tag freihabe, lade ich mich sofort wieder auf.

«Wenn ich beispielsweise in der Ausdauer besser werden will, verliere ich die Spritzigkeit. Und trotzdem versuchen wir natürlich, besser zu werden.»

Alejo Hervas, Ihr neuer Athletiktrainer, scheint ein sehr charismatischer Mensch zu sein. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm angelaufen?
Er ist ein «cooler Siech». Ich bin sehr gut gestartet mit ihm und bin sehr glücklich über diesen Wechsel. Es war der richtige Moment. Wir machen nicht alles komplett neu und haben ähnliche Ziele wie zuvor, aber es ist sicher ein anderer Weg als vorher, das tut gut.

Können Sie physisch überhaupt noch besser werden, oder geht es darum, nichts zu verlieren?
Man kann immer noch etwas herausholen. Aber es ist schon so, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir nur etwas herausholen können, wenn wir in einem anderen Bereich Abstriche machen. Wenn ich beispielsweise in der Ausdauer besser werden will, verliere ich die Spritzigkeit. Und trotzdem versuchen wir natürlich, besser zu werden.

Mit Alejo Hervas unterhalten Sie sich auf Englisch?
Genau, ja. Es ist für mich auch eine Chance, mein Englisch zu verbessern. Aber Verständigungsprobleme haben wir nicht, die Trainingssprache ist ja eigentlich universell.

Qualitativ bewegt sich Hervas wohl auf einem ähnlichen Level wie sein Vorgänger Kurt Kothbauer. Ging es bei dieser Rochade einfach um einen Tapetenwechsel?
Ich muss es vielleicht so erklären: Ich habe sieben Jahre in einem Muster trainiert, das offensichtlich super funktioniert hat. Wenn der Trainer etwas vorzeigte, wusste ich schon im Vornherein, was ich zu tun hatte. Das ist jetzt anders. Es kommen neue Übungen, ich muss genau hinschauen, bevor ich sie ausführe. Für den Kopf, für das Nervensystem, sind diese neuen Reize enorm wichtig. Mein Körper wurde in den letzten sechs Wochen, in denen wir mit Alejo trainieren, also schon oft geschockt. Das braucht es.

«Ich habe ja Instagram im April gelöscht, man vergeudet da zu viel Zeit, wenn man ehrlich mit sich selbst ist.»

Kürzlich erzählte mir eine Person, dass Sie in Beckenried Ihr Auto getankt hätten. Warum ist bereits ein Tankstellenbesuch von Ihnen eine Erzählung wert?
Es ist halt ein Hype. Ich kann irgendwas posten in den sozialen Medien, etwa ein stinknormales Video auf dem Velo – und es wird vom «Blick» aufgenommen. Ich habe ja Instagram im April gelöscht, man vergeudet da zu viel Zeit, wenn man ehrlich mit sich selbst ist.

Ziehen Sie sich auch vom realen Leben zurück?
Das nicht, nein. Ich gehe ja auch ans Dorffest, solche Dinge lassen dich irgendwie normal bleiben. Aber wenn ich etwas ändern könnte, wäre es schon das Berühmtsein. Wenn ich mit dem Finger schnippen könnte und mich sofort keiner kennen würde, hätte das schon was.

Marco Odermatt of Switzerland poses with his crystal globes for Giant Slalom, Super-G, Downhill, and Overall, after the men's downhill race at the FIS Alpine Skiing World Cup finals in Saalbach-H ...
Odermatt mit den Kristallkugeln, die er in der vergangenen Saison gewonnen hat.Bild: KEYSTONE

Wahrscheinlich können solche Dinge nur prominente Menschen verstehen. Sprechen Sie mit anderen Prominenten darüber?
Mit Roger Federer habe ich auch schon kurz über dieses Thema gesprochen, aber er befindet sich nochmals in einer anderen Liga. Es ist halt schwierig, die eigene Situation mit derjenigen eines anderen zu vergleichen. Es gibt halt nicht extrem viele Leute in der Schweiz, die das nachvollziehen könnten.

«Im letzten Jahr war die Geschichte des Tages: Gewinnt Odermatt oder gewinnt er nicht? Jetzt gibt es viele gute Geschichten.»

In der kommenden Saison dürfte die Aufmerksamkeit für den Skisport nicht kleiner werden. Denken wir nur an die Comebacks von Marcel Hirscher oder Lucas Braathen.
Ich vermute, dass sich die Einschaltquoten beim Weltcup-Auftakt in Sölden verdoppeln werden. In der kommenden Saison gibt es viele Highlights. Im letzten Jahr war die Geschichte des Tages: Gewinnt Odermatt oder gewinnt er nicht? Jetzt gibt es viele gute Geschichten. Marco Schwarz, Alexis Pinturault und Aleksander Kilde kommen nach Verletzungen zurück. Marcel Hirscher und Lucas Braathen geben das Comeback. Im Riesenslalom fahre ich mit der 1, dann kommt vielleicht Pinturault mit der 6, Kilde mit der 15, Braathen mit der 30 – und Hirscher mit der 45. Es bleibt also über den ganzen ersten Lauf spannend.

«Das ist ein Verrückter, im positiven Sinne.»

Marcel Hirscher ist nun 35 Jahre alt. Denken Sie, er kann vorne mitfahren?
Er ist gleich alt wie Thomas Tumler. Und Tomy sagt, er fühle sich so gut wie noch nie. Er erlebt in diesem Alter seinen Karrierehöhepunkt.

Aber Thomas Tumler hat in den letzten Jahren fleissig trainiert.
Ja, was denken Sie, was Hirscher gemacht hat in den letzten Jahren? Das ist ein Verrückter, im positiven Sinne.

Hat Hirscher wirklich so viel trainiert?
Ich würde behaupten, in den letzten beiden Wintern hat er mehr Riesenslalom-Trainingstage gehabt als ich. Das liegt natürlich auch an den Skitests, die er für seine Skimarke Van Deer durchführt. Und bezüglich Fitness habe ich keine Zweifel. Hirscher ist eine Maschine. Der rennt auf jeden Berg hoch. Und sein grosser Vorteil ist: Er weiss, wie es geht.

Was trauen Sie ihm zu in der nächsten Saison?
Er ist ein richtiger Rennhund. Der weiss, was es braucht, um besser zu sein als andere. Seine taktischen Fähigkeiten hat er sicher nicht verlernt. Ich denke, er wird schnell eine Startnummer in den ersten 15 haben. Und ich glaube, er fährt im kommenden Winter auch einmal aufs Podest. Ich sage aber nicht, dass er jedes Rennen gewinnen wird und mein härtester Konkurrent im Gesamtweltcup sein wird.

(aargauerzeitung)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das wurde aus den 17 Schweizer Ski-Junioren-Weltmeistern
1 / 20
Das wurde aus den 17 Schweizer Ski-Junioren-Weltmeistern
17 Junioren-Weltmeister kamen schon aus der Schweiz. Das ist aus ihnen geworden (Stand: 6.2.18).
quelle: keystone / urs flueeler
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Odermatt zeigt am «80ies Skiday», dass er es auch in Retro-Ausrüstung kann
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
11 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
MacB
10.06.2024 06:14registriert Oktober 2015
Das Herz auf der Zunge, mega sympathisch!
553
Melden
Zum Kommentar
11
    Glück im Unglück für Ex-Skistar: Kostelic bleibt bei Lawinenunglück unverletzt
    Ivica Kostelic wurde beim Freeriden von einer Lawine verschüttet. Der ehemalige Skistar kam mit dem Schrecken davon und hatte sehr viel Glück im Unglück.

    Grosser Schock für Ivica Kostelic: Auf über 2150 Metern Höhe haben der Kroate und sein Begleiter im Bereich des Gamspitzl in Obertauern einen Lawinenabgang ausgelöst und dabei wurde der Gesamtweltcupsieger aus der Saison 2010/11 von einer Lawine verschüttet.

    Zur Story