Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
ABD0065_20161227 - SEMMERING - OESTERREICH: Lara Gut (SUI) am Dienstag, 27. Dezember 2016, nach ihrem Lauf waehrend des 2. Durchgangs des Riesentorlauf der Damen am Semmering. (KEYSTONE/APA/EXPA/ERICH SPIESS)

Als Norwegerin wäre Lara Gut wohl nicht Weltcup-Gesamtsiegerin geworden. Bild: APA

Interview

Schweizer Norwegen-Coach: «Hier wäre Lara Gut durch den Rost gefallen»

Reto Nydegger, der Schweizer Trainer von Aksel Svindal, Kjetil Jansrud und Co., erklärt das norwegische Erfolgsmodell der alpinen Skifahrer. Und vergleicht es mit dem Schweizer System.

Richard Hegglin / Aargauer Zeitung



Zwölf Jahre war Reto Nydegger bei Swiss Ski, ehe er, etwas verstimmt durch die «Österreicher-Invasion», in Norwegen anheuerte. Dort betreut er im zweiten Jahr Svindal, Jansrud und Kilde. Sie errangen in den ersten fünf Speed-Rennen vier Siege und acht Podestplätze.

Reto Nydegger, Sie sind Berner Oberländer und hoffen an ihrem Heimrennen, dass die Schweizer nicht gewinnen – eine spezielle Konstellation.
Reto Nydegger: (Lacht.) Selbstverständlich hoffe ich, dass unsere Norweger gewinnen. Aber ich fiebere auch mit den Schweizern mit. Ich gönne allen den Erfolg. Als in Val Gardena Max Franz mit einer hohen Nummer vier Hundertstel schneller fuhr als Svindal, war das für uns zwar ärgerlich, aber ich habe auch Franz den Sieg gegönnt

15.01.2016; Wengen; Ski Alpin - Weltcup Wengen 2016 - Alpine Kombination; Speedtrainer Norwegen Reto Nydegger. (Christian Pfander/freshfocus)

Reto Nydegger coacht seit 2013 in Norwegen. Bild: Christian Pfander/freshfocus

Was ist das Erfolgsgeheimnis der Norweger?
Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Ich glaube, das Team und der Teamgeist sind die grosse Stärke. Es besteht eine Philosophie, vom Athlet bis zum Trainer-Staff, besser sein zu wollen als die andern. Alle ziehen am gleichen Strick. Es ist wie ein Puzzle, jeder trägt seinen Teil dazu bei.

Was in einem kleinen Team einfacher umsetzbar ist als in einem grossen.
Das ist so. Auch unser Team wird grösser und einige Sachen werden komplizierter. In der Schweiz oder in Österreich ist das anders: Da sucht man bewusst die Breite. Dabei stellt sich die Frage: Verliert man so nicht an Niveau? Ein Beispiel: Im Leistungszentrum hat man zehn Fahrer, zwei sind gut, acht fahren mit. Auf wen richtet man das Training aus? In Norwegen werden gezielt die Spitzenleute gefördert.

In Norwegen gibt es nicht einmal ein C-Kader. Woher kommt der Nachwuchs?
Der wird in den FIS-Rennen in Norwegen oder Mitteleuropa herausgefiltert, auf privater Basis oder über die Skigymnasien. Wir sagen dem Wildwest. Die jungen Athleten können hingehen, wo sie wollen: Die mit den besten Punkten werden erfasst, sofern sie die konditionellen Auflagen erfüllen. Wenn einer diese nicht erfüllt, kann er noch so gut sein, der hat keine Chance für eine Aufnahme ins Europacup-Team.

Auch wenn einer serienweise Rennen gewinnt?
Auch dann nicht. Die erfüllte Konditionsnorm ist zwingende Voraussetzung. Es existiert ein straffes Punktesystem: Mit 400 Punkten können sie sich empfehlen für FIS-Rennen, mit 500 für den Europacup und mit 600 für den Weltcup. Das ist ein einfacher Test mit verschiedenen Elementen, den man in jeder Turnhalle machen kann.

epa05074143 Aksel Lund Svindal (C) of Norway celebrates on the podium after winning the men's Super-G race of the Alpine Skiing World Cup in Val Gardena,
 Italy, 18 December 2015. Aksel Lund Svindal  won ahead his teammates Kjetil Jansrud (L), second, and third placed Aleksander Aamodt Kilde (R).  EPA/CLAUDIO ONORATI

Super in Val Gardena 2015: Die Norweger Kjetil Jansrud, Aksel Svindal und Aleksander Aamodt Kilde stehen zusammen auf dem Podest.  Bild: EPA/ANSA

Was ist der Unterschied zur Schweiz?
Da gibt es solche Tests auch. Zu meiner Zeit hiess er Swiss-Ski-Powertest. Aber das System funktionierte nicht, weil nicht alle dahinterstanden. Man diskutierte über einzelne Übungen und fand keinen roten Faden. Lara Gut hat beispielsweise den Test nicht bestanden. Sie konnte, da sie sich mitten im Wachstum befand, praktisch keine Übung richtig machen und war trotzdem die beste Skifahrerin.

Dann wäre Lara Gut in Norwegen gnadenlos durch den Rost gefallen?
Deshalb ist es schwierig, zu sagen, welches der richtige Weg ist. In Norwegen hat man nun mal dieses System und fährt die harte Linie. Dadurch entsteht eine schmalere Spitze, in der Schweiz dafür eine grössere Breite.

Noch ein Wort zu Lara Gut. Sie waren ihr erster Trainer im Europacup. Wie nahmen Sie sie wahr?
Es war jenes Jahr, in dem sie sechs Europacuprennen gewann und bei ihrer ersten Weltcup-Abfahrt in St.Moritz aufs Podest «flog». Es war ein tolles Jahr mit ihr. Ich hatte sie gern. Sie war auch super fürs Team. Der Vater war noch nicht dabei. Er ist erst dazu gekommen, was auch richtig war, als sie vom Erfolg überrumpelt wurde. In diesem Herbst trainierte Lara zwei Wochen in Chile mit dem norwegischen Team.

Sind Norweger von der Mentalität her anders als Schweizer?
Die norwegischen Sportler, die das strenge Selektionssystem durchliefen, sind alle extrem leistungsorientiert. Aber auch gute Skifahrer sind dabei auf der Strecke geblieben. In der Schweiz entsteht zuweilen eine Komfortzone: Man befindet sich bald in irgendeinem Leistungskader, in dem – um beim erwähnten Beispiel zu bleiben – von zehn Fahrern zwei wirklich vorwärtskommen wollen. Die andern schwimmen mit, finden es cool und haben Spass.

Norway's Alexsander Aamodt Kilde, left, is congratulated by teammate and runnerup Kjetil Jansrud at finish line after winning the men's super G cup at the Alpine Ski World Cup Finals, in St. Moritz, Switzerland, Thursday, March 17, 2016. (AP Photo/Giovanni Auletta)

Der Teamgeist stimmt bei den Norwegern trotz grossem Konkurrenzkampf. Bild: Giovanni Auletta/AP/KEYSTONE

In Norwegen wurde zuletzt Leistungsoptimierung auch mit zweifelhaften Mitteln betrieben. Die Top-Langläufer Martin Johnsrud Sundby und Therese Johaug waren in mysteriöse Dopingfälle verwickelt.
Mir ist nicht bekannt, was bei den Nordischen genau lief. Bei den Alpinen achtet man bei der Ernährung sehr genau darauf, was man nimmt. Sie würden nie einen Vitaminriegel essen, denn sie hier kaufen. Und auch nie in einer Apotheke ein Medikament kaufen. Wir Trainer sind nach diesen Fällen mit Johaug und Sundby vom Verband in Mails auf dieses Thema sensibilisiert worden.

Der norwegische Verband schwimmt nicht im Geld.
Nein, aber es ist besser geworden. Man muss jeden Franken umdrehen. So hatten wir im letzten Jahr ein Kondi-Camp in Italien abgesagt, aus Solidarität gegenüber dem Europacup-Team der Frauen, das aus finanziellen Gründen aufgelöst werden musste. Obwohl wir nur die Flüge hätten bezahlen müssen. So trainierten wir ausschliesslich in Norwegen, auch eine Woche in Kildes Weekend-Häuschen.

So hat man auch Verständnis, dass der Verband im Sponsoring-Streit mit Henrik Kristoffersen unnachgiebig ist.
Ich denke schon. Dem Verband steht grundsätzlich dieses Recht zu. Wie es herauskommt, werden wir sehen.

Die Gründe ihres Weggangs aus der Schweiz sind bekannt. Sie wollten in Ihrer Karriere auch mal im Ausland Erfahrungen sammeln. Aber nicht nur  ...
Das war der Hauptgrund. Ich wollte mich weiterentwickeln. Aber dann kamen noch ein paar Faktoren zusammen wie jene Österreicher-Invasion. Ich war nicht prinzipiell dagegen. Aber wie man damit umgegangen ist und als Schweizer Trainer immer zuletzt gefragt wird, fand ich nicht richtig.

Joerg Roten, Trainer Ski Alpin Herren von Swiss Ski, spricht an einem Medientermin am Freitag, 9. Januar 2015, in Adelboden. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Jörg Roten ist der letzte Schweizer Gruppentrainer bei Swiss Ski. Bild: KEYSTONE

Jetzt gibt's auf Weltcup-Stufe praktisch keine Schweizer Gruppentrainer mehr.
Meines Wissens noch einen, Jörg Roten mit Carlo Janka. Der Erfolg hat ja nichts mit der Nationalität der Trainer zu tun. Aber ich habe schon zu meiner Zeit die Verantwortlichen darauf hingewiesen, dass man Schweizer Trainer aufbauen und ihnen eine Chance geben sollte. Man hatte den Eindruck, alles, was von aussen kommt, ist gut und was aus der Schweiz kommt, ist nichts wert.

Aber eine Rückkehr ist nicht ausgeschlossen?
Es müsste ein Job sein, der interessant und herausfordernd ist – wie jetzt dieser in Norwegen. Und das Klima im Team muss stimmen. Man sollte sich gegenseitig vertrauen können, um gemeinsam ein Ziel zu verfolgen.

Die Sieger der Lauberhorn-Abfahrt der letzten 20 Jahre

Unvergessene Ski-Geschichten

Der Ski-Salto wird zu Didier Cuches Markenzeichen: «Die Fans glaubten, das war geplant …»

Link zum Artikel

Eine TV-Drohne kracht um ein Haar auf Marcel Hirscher

Link zum Artikel

Verrückteste Abfahrt aller Zeiten: Markus Foser macht sich mit der Nummer 66 unsterblich

Link zum Artikel

Weil Hermann Maier falsch jubelt, erbt Mike von Grünigen den Sieg

Link zum Artikel

06.03.1994: Heidi Zeller-Bähler stürzt sich aus dem Starthaus, wie vor und nach ihr nie mehr eine Skifahrerin

Link zum Artikel

06.02.1989: Eine deutsche Eintagsfliege vereitelt in Vail einen Schweizer Vierfach-Triumph und wird Abfahrts-Weltmeister

Link zum Artikel

Heinzers Bindung bricht – was für eine Blamage für den Olympia-Favoriten

Link zum Artikel

31.01.1987: So wie in Crans-Montana haben wir die Österreicher nie mehr paniert

Link zum Artikel

23.01.1994: Vreni Schneider steht noch nicht für den Kafi am Pistenrand, sondern ist der Evergreen im Stangenwald

Link zum Artikel

19.01.2013: Nie rast einer schneller über eine Weltcup-Piste als Johan Clarey am Lauberhorn

Link zum Artikel

18.01.1987: Pirmin Zurbriggen kommt zum billigsten Weltcupsieg – er ist der einzige Starter

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

1 Kommentar
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1

Interview

Langenthal-Sportchef Schläpfer zum Coup gegen Zug: «Es hat wirklich alles gestimmt»

Langenthal, auf Rang 8 in der zweithöchsten Liga, kippt Zug, den Leader der National League, mit 2:1 nach Verlängerung aus dem Cup. Der grösste Sieg für Kevin Schläpfer, seit der einstige «Hockey-Gott» von Biel letzte Saison Sportchef bei den Langenthalern geworden ist. Seine Erklärung dieser grossen Überraschung.

Kevin Schläpfer, wie ist dieser Sieg möglich? Kevin Schläpfer: Durch den Trick in der Verlängerung.

Durch einen Trick?Eigentlich ist es kein Trick. Diesen Spielzug versucht man immer wieder bei drei gegen drei Feldspieler. Einer der drei wechselt ganz hinten auf die Spielerbank und ganz vorne springt einer aufs Eis und mit Glück ist er dann gleich der vorderste Mann. So ist uns der Treffer in der Verlängerung gelungen.

Habt ihr das extra geübt?Nein. Wie ich schon sagte: Diesen Spielzug versucht …

Artikel lesen
Link zum Artikel