Nati-Goalie Kobel: «Weiss nicht, was mich qualifiziert, die US-Politik zu beurteilen»
Wer ist der beste Torhüter der Welt?
Gregor Kobel: Das sollen andere beurteilen.
Sie sind der Fachmann.
Schon. Aber die Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil es sehr viele gute Torhüter gibt.
Zählen Sie sich zu den Top 10?
Auch hier. Das dürfen gerne andere Beurteilen. Mein Ziel ist es, immer möglichst gut zu performen.
Dortmund ist eine grosse Nummer. Trotzdem steigt ihr jeweils mit dem Wissen in die Saison, dass das höchste der Gefühle der Pokalsieg ist.
Mit diesem Mindset steigen wir sicher nicht in die Saison. Klar, Dortmunds letzter Meistertitel liegt 14 Jahre zurück. Der FC Bayern München hat in diesem Zeitraum bewiesen, dass er DER Verein in Deutschland ist, den es zu besiegen gilt. Aber du steigst immer in die Saison, um das Optimum zu erreichen. Dortmund hat den Stolz und die Ambitionen, Titel zu gewinnen, auch wenn es die letzten Jahre nicht wie gewünscht funktioniert hat.
Ist die Dominanz der Bayern zermürbend?
Man muss anerkennen, dass Bayern diese Saison herausragend performt. Auch wir liefern sehr gute Resultate ab. Mit unseren 61 Punkten aus 27 Spielen wären wir vor drei Jahren an der Tabellenspitze gestanden. Aber Bayern machts einfach noch einen Tick besser als wir. Ein Stück weit ist das enttäuschend für mich, weil ich Titel gewinnen will. Aber ich ziehe auch Energie daraus. Der Hunger wird jedenfalls nicht kleiner.
Also keine resignativen Gefühle wegen der Bayern-Dominanz?
(lacht) Nein, so schlimm ist es nicht. Es gibt viele, die in ihrem Sportler-Leben gar nie die Möglichkeit haben, etwas Grosses zu gewinnen. Das ist bei Dortmund anders. Deshalb bin ich happy, in einem derart bedeutenden und ambitionierten Klub spielen zu dürfen. Das erfüllt mich mit Stolz. Und jedes Jahr, in dem wir die Chance haben, um Titel zu spielen, ist ein Hammer-Jahr.
Trauern Sie dem verlorenen Champions-League-Final 2024 gegen Real (0:2) nach? Es wäre nicht verkehrt gewesen, wenn ihr damals zur Pause 3:0 geführt hättet.
Enttäuschungen gehören leider Gottes dazu. Für mich ist das passé. Für mich zählt das, was vor mir liegt.
Wie schafft man es, dieser vergebenen, vielleicht einmaligen Chance nicht nachzutrauern?
In dem man die Dinge rational betrachtet und den Blick stets nach vorne richtet.
Trotzdem: Wenn man abrechnet, schaut man zurück.
Jein. Wir haben so viele Spiele. Deshalb bleibt uns fast nichts anderes übrig als die Denkweise anzunehmen: Was gestern war, zählt heute nicht mehr. Wir müssen jeden Tag aufs Neue unsere Leistung bringen, deshalb bleibt uns fast keine Zeit, um zurückzuschauen.
Aber gibt es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie zurücklehnen und geniessen können?
Kaum. Die Spieltage sind sehr eng getaktet. Wenn man noch EM oder WM spielt, kommt man auf maximal drei Wochen Pause im Jahr. Es ist aber okay, es war meine Wahl.
Und wahrscheinlich ein Wunsch?
Mein Traum war immer, Fussballprofi zu werden. Deshalb sehe ich mich als äusserst privilegiert, auch wenn man mal innerhalb weniger Tage zwei Auswärtsspiele hat und mehr Zeit im Hotel als zu Hause verbringt. Trotzdem ist es ein wunderschöner Job.
Sie waren erst 16, als Sie GC in Richtung Hoffenheim verliessen.
Ich bin meinen Eltern unglaublich dankbar, dass sie mich diesen Schritt machen liessen. Heute sehe ich es nicht als selbstverständlich an, einen 16-Jährigen in ein anderes Land ziehen zu lassen. Aber ich selbst habe mir damals gar nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Ich wollte einfach Fussball spielen, mich verbessern und da hatte ich bei Hoffenheim ein sehr gutes Bauchgefühl.
Wie häufig lagen Sie weinend im Bett, weil Sie Heimweh hatten?
Geweint habe ich nie wegen Heimweh. Da waren viele Jungs von ausserhalb, das hat uns verbunden. Und dann habe ich schon sehr früh eine Wohnung mit einem Kollegen geteilt. Es tat uns gut, früh erwachsen zu werden, unseren Alltag selbständig zu bestreiten. Und ich muss sagen: Es war eine echt coole Zeit.
Später, mit 21, gehen Sie zum Manager und finden: Ich bin besser als die Nummer 1 Oliver Baumann, ich will nicht mehr länger Nummer 2 sein, leiht mich aus.
Das war nicht ich selbst, sondern mein Management um Philipp Degen. Aber es stimmt. Es braucht Selbstbewusstsein, um sich in diesem Metier durchzusetzen.
Es ist auch mutig.
Vielleicht. Ich war damals an einem Punkt, an dem ich weiterkommen musste. Erfahrung ist gerade auf der Goalieposition eine wichtige Komponente. Ich spürte, dass der Zeitpunkt gekommen ist, die Nummer 1 zu sein. Mit Augsburg fanden wir eine super Station. Die Situation war nicht entspannt. Der Klub befand sich im Abstiegskampf. Jeder Punkt zählte. Es ging um Jobs, um Existenzen. Trotzdem haben sie mir auf Anhieb das Vertrauen geschenkt. Das war sehr wertvoll für mich.
Im Nationalteam standen Sie einige Jahre im Schatten von Yann Sommer. Fühlt man sich als Nummer 2 wie ein Aussenseiter?
Nein. So habe ich mich nie gefühlt. Auch in dieser Rolle muss es das Ziel sein, dem Team zu helfen.
Was hat es mit Ihnen gemacht, als sie nach der EM 2024 von der 2 zur Nummer 1 aufgestiegen sind?
Natürlich habe ich mich sehr darüber gefreut, weil es mich mit grossem Stolz erfüllt, für die Schweiz auf dem Platz zu stehen.
Fühlten Sie sich wertvoller, akzeptierter?
Nein. Ich definiere mich nicht nur über Einsatzzeiten oder Spielergebnisse oder identifiziere mich nur über mein Ego.
Aber fühlten Sie sich als Sportler wertvoller?
Nein. Ich habe mich in der Nati auch als Nummer 2 okay gefühlt, obwohl ich die Ambition hatte zu spielen. Das muss als Wettkampfsportler auch so sein. Den Begriff wertvoll auf den Sport zu drehen, finde ich schwierig. In erster Linie fühle ich mich als Mensch wertvoll und akzeptiert, und nicht als Sportler.
Wie schauen Sie auf die nächste Reise in die USA, wo Sie die WM bestreiten werden?
Mit einer riesigen Vorfreude. Eine WM für das eigene Land zu spielen ist etwas vom Grössten, was du als Fussballer erreichen kann.
Granit Xhaka packt jeweils bis zum Final. Machen Sie es ihm nach?
Ach, wir können doch auch waschen. Aber sonst halte ich es wie Granit: Wenn man in ein Turnier steigt, soll man nach dem Maximum streben.
Nimmt man die letzte Qualifikation als Referenz, gehört die Nati an der WM zu den Geheimfavoriten.
Vor einem Turnier eine Prognose abzugeben, ist schwierig. Aber klar, die Quali hat Spass gemacht. Es darf gerne so weiter gehen.
Wie beurteilen Sie die politische und gesellschaftliche Entwicklung in den USA?
Wenn ich über die WM sinniere, ist dies das letzte, woran ich denke.
Interessiert Sie das nicht?
Doch, doch. Aber ich sehe mich nicht in einer Position, Einschätzungen abzugeben, die für die Allgemeinheit irgendeinen Mehrwert haben. Wenn wir über Fussball reden, kann ich eine fundierte Meinung abgeben. Aber ich würde mich nicht wohlfühlen, wenn ich über die Dinge, die Sie ansprechen, öffentlich meine Sicht darlegen müsste. In diesem Bezug gibt es sicher Experten die qualifizierter sind.
Trotzdem wird es von Ihnen und vielen anderen Fussballern erwartet. Aber dem Deutschen Team hat es nicht geholfen, dass man ihm den Auftrag mitgegeben hat, bei der Katar-WM gesellschaftspolitische Zeichen zu setzen.
Vielen in der Mannschaft hat das wohl nicht gefallen. Wir Fussballer sind dazu da, Leistung zu bringen, die Menschen zu Hause und in den Stadien zu begeistern. Sport ist schön, Sport verbindet und ist für alle Schichten und Menschen da. Das soll auch so bleiben.
Finden Sie, den Sportlern wird zu viel aufgeladen?
Nicht nur den Sportlern. Ich finde es generell heikel, wenn man von Personen des öffentlichen Lebens ständig erwartet, dass sie zu allem und jedem ihre Meinung äussern. Ich weiss auch nicht, warum deren Meinung mehr zählen soll. Und ich weiss nicht, was mich qualifizieren sollte, die Politik der USA öffentlich zu beurteilen.
Wenn ein Bundesrat nach Saudi-Arabien reist, erwartet niemand, dass er das mit der Regenbogen-Binde um den Arm macht.
Genau. Ich bin Sportler und lasse mich auch nicht für das andere einspannen.
Schon bald ist Transferphase. Und dann wird wieder spekuliert: Kobel zu Chelsea, Kobel zu Real Madrid, Kobel zu Inter Mailand. Nervt das?
Das lässt mich kalt. Ausserdem ist es mir stets wichtig, im Jetzt zu bleiben. Auch wenn es nicht der enge Titelkampf ist, den wir uns gewünscht haben, verlangt mir die Aufgabe in Dortmund alles ab.
Im Dezember werden Sie 29. Machen Sie sich schon Gedanken über die Profikarriere hinaus?
Nicht gross. Aber ich schaue trotzdem nach links und rechts.
Und was sehen Sie da?
Dinge, mit denen ich mich neben der Karriere beschäftigen kann. So bin ich eben erst als Investor bei der Sportbekleidungsmarke X-Bionic eigestiegen. Auch, weil mich deren Produkte seit vielen Jahren begeistern.
Ist das der erste Schritt ins Unternehmertum?
Nein, das nicht. Aus dem Tagesgeschäft halte ich mich komplett raus. Ich werde bei Bedarf beratend bei der Produkteentwicklung zur Seite stehen. Es sind coole Leute und extrem gute Produkte. (riz/bzbasel.ch)
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