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Interview

Swiss-Ski-Chefartz Walter O. Frey im Interview

Der Schweizer Skirennfahrer Niels Hintermann, links, spricht neben Walter O. Frey, Verantwortlicher Arzt Ski Alpin an einer Medienkonferenz ueber seine gesundheitliche Verfassung, aufgenommen am Mittw ...
Seit über zehn Jahren ist Walter O. Frey Chefarzt bei Swiss-Ski.Bild: KEYSTONE
Interview

Swiss-Ski-Chefarzt: «Skirennen sind wie Gladiatorenkämpfe – die Gefahr ist faszinierend»

Swiss-Ski-Chefarzt Walter O. Frey erklärt, warum Skiprofis an ihre Unzerstörbarkeit glauben müssen – und weshalb er beim Schutz der Kategorie Frau eine klare Grenze zieht.
23.01.2026, 06:1323.01.2026, 06:13
Martin Probst / ch media

Walter O. Frey ist immer erreichbar. Auch als wir dieses Gespräch führen, piepst sein Handy. «Eine Athletin ist heute Morgen im Training gestürzt und hat sich eine Gehirnerschütterung zugezogen. Jetzt habe ich gerade ein Update erhalten», sagt der Chefarzt von Swiss-Ski, bevor er fortfährt.

Man weiss, dass der Skisport gefährlich ist. Und doch ist man jedes Mal schockiert, wenn man live im Fernsehen einen schlimmen Sturz miterlebt. Wie sehr nimmt es Sie noch mit, wenn ein Unfall passiert?
Walter O. Frey: Man muss zwei Dinge unterscheiden. In der ersten Phase nach einem Unfall müssen wir professionell funktionieren. Dann ist man zu 200 Prozent absorbiert. Man kümmert sich um die medizinische Erstversorgung, organisiert den Transport, schaut, in welches Krankenhaus es geht und benachrichtigt die Angehörigen. Die Emotionen kommen später – und an die gewöhnt man sich nie.

«Jeder Unfall ist einer zu viel.»

Welcher Moment ist der schwierigste?
Wenn alles getan ist und man nur noch warten kann. Ich erinnere mich an einen schweren Unfall an einer Schweizer Meisterschaft. Die Athletin war versorgt und atmete, aber sie kam einfach nicht zu sich. Ich kauerte neben ihr und wünschte mir nichts sehnlicher, als dass sie ihre Augen öffnet. Es ist dann glücklicherweise alles gut ausgegangen.

Sie kennen die Sportler persönlich. Macht es das noch schwieriger?
Jeder Unfall ist einer zu viel. Man fragt sich, ob man irgendetwas hätte besser machen können. Ob die Prävention gut genug war oder sonst etwas falsch gelaufen ist. All diese Gedanken sind präsent, wenn man eine Athletin oder einen Athleten im Spital besucht. Einen Menschen, der noch vor wenigen Stunden in Topform und auf Weltklasseniveau an den Start eines Skirennens gegangen war. Dieser freie Fall in eine völlig andere Sphäre nimmt mich jedes Mal aufs Neue sehr stark mit.

Ist der Skisport gefährlicher geworden?
Wenn man die Verletzungsstatistik anschaut, gibt es vor allem Schwankungen von Nation zu Nation – und zwar je nach Winter, den man betrachtet. Insgesamt bleibt die Anzahl der Verletzungen mehr oder weniger konstant. Man muss allerdings auch festhalten, dass während einer Saison permanent rund ein Viertel aller Athletinnen und Athleten, die einem Kader angehören, verletzt sind. Und zwar so stark verletzt, dass die Ausfalldauer mindestens einen Monat beträgt.

Zur Person Walter O. Frey
Als sich Walter O. Frey entschied, Arzt zu werden, war es sein Traum, hoch zu Ross als Hausarzt in entlegenen Bergtälern Verletzten und Kranken medizinisch zu helfen. Verschlagen hat es ihn schliesslich in die Sportmedizin an der Klinik Hirslanden in Zürich. Seit den 1980er-Jahren arbeitet er in verschiedenen Funktionen für Swiss-Ski und ist seit 2015 Chefarzt des Verbands. Zudem präsidiert er das Medical Committee der FIS. In jungen Jahren fuhr er selbst FIS-Rennen. Heute freut er sich, wenn ihn seine Kinder im Jugendalter winkend überholen und ebenso Freude an der Bewegung haben.
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Bild: KEYSTONE

Das sind erschreckende Zahlen. Warum passiert so viel?
Es geht um Physik. Wir sprechen von einem physikalischen Körper, der beim Skifahren teils auf mehr als 100 km/h beschleunigt wird. Es würde keiner auf die Idee kommen, auf der Autobahn bei voller Fahrt auszusteigen. Und erst noch mit dem Anspruch, dass nichts passiert.

Aber die Skiprofis tun genau das. Zumindest im übertragenen Sinne.
Wer auch immer den Menschen erschaffen hat, hatte wohl kaum das Modell eines Skirennfahrers vor Augen. Bei einem Sturz muss Energie vernichtet werden. Und in der Energie ist die Geschwindigkeit im Quadrat drin. Wir kommen irgendwann an Grenzen, an einen Punkt, an dem der menschliche Körper sein physikalisches Limit erreicht hat. Wenn diese Grenzen überschritten werden, geht irgendetwas kaputt.

Das heisst, die effizienteste Methode wäre es, das Tempo zu reduzieren.
Diese Frage müssen alle gemeinsam diskutieren, von den Athletinnen und Athleten über die Trainer und Sportmediziner bis hin zu den Sportwissenschaftlerinnen. Grundsätzlich hat jede Athletin und jeder Athlet den Anspruch, gesund ins Ziel zu kommen. Sie sind überzeugt, dass ihnen das gelingt. Sonst könnten sie gar nicht zum Starttor hinaus. Sie müssen eine Art Unzerstörbarkeitsgefühl in sich tragen.

«Man kann von Sportlern nicht erwarten, dass sie im Stemmbogen fahren»

Der internationale Skiverband appelliert an die Selbstverantwortung.
Als Athlet muss man sich darauf verlassen können, was die Jury entscheidet. Wenn es heisst, es sei fahrbar, müssen die Bedingungen so sein, dass eine normale Fahrt in vollem Renntempo möglich ist.

Schiebt die FIS die Verantwortung von sich?
Jeder im Skisport hat eine Aufgabe. Die der Athletinnen und Athleten ist es, möglichst schnell vom Start ins Ziel zu kommen. Die Aufgabe der FIS ist es, sicherzustellen, dass sie das können. Sonst muss die Jury das Rennen stoppen. Man kann von Sportlern nicht erwarten, dass sie im Stemmbogen fahren, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt.

Bei den Rennen in Kitzbühel werden die Gefahren des Skisports regelrecht zelebriert. Sträuben sich Ihnen als Arzt da nicht die Haare?
Mich berührt das Schicksal jedes Einzelnen, der stürzt. Ein gesamter Anlass ist aber etwas anderes. Skirennen sind wie Gladiatorenkämpfe. Man ist fasziniert von der Gefahr, freut sich aber, wenn der Gladiator den Kampf gewinnt. Aber auch die Verlierer sind Teil des Spektakels.

Bei den Gladiatoren ging es um Leben und Tod.
Der Vergleich ist überspitzt gewählt. Aber vom Spektakel profitieren am Ende auch die Athletinnen und Athleten. Dafür kommen die Fans und zahlen Eintritt, das zieht die Sponsoren an. Ich meine das Spektakel, nicht die Stürze. Skifahren ist ein risikobehafteter Beruf. Doch die Sportlerinnen und Sportler, die ihn ausüben, sind Vollprofis.

epa12664231 Marco Odermatt of Switzerland in action during the Men's Downhill Training at the FIS Ski World Cup stop in Kitzbuehel, Austria, 20 January 2026. EPA/ANNA SZILAGYI
Am Samstag findet in Kitzbühel die gefährlichste Abfahrt der Welt statt.Bild: keystone

Was passiert, wenn eine Schweizer Athletin stürzt?
Wir sind im Ski alpin so aufgestellt, dass wir an allen Europacup- und Weltcuprennen einen eigenen Arzt vor Ort haben. Bei FIS-Rennen ist eine Ärztin oder ein Arzt der Organisation zuständig. Bei einem Unfall werde ich informiert und wir legen gemeinsam fest, wie es weitergeht.

Was ist am wichtigsten?
Unser Grundsatz ist es, dass wir die Verletzten nach Hause holen wollen. Sobald die Erstversorgung abgeschlossen ist und keine Lebensgefahr besteht, steht das im Fokus. Dafür habe ich einen direkten Draht zur Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega.

Warum ist das Heimholen so wichtig?
Erstens haben wir in der Schweiz eine erstklassige medizinische Versorgung. Zweitens wird man in der gewohnten Umgebung besser und schneller gesund. Weil auch die Angehörigen in der Nähe sind. Meist kann ich mich dann persönlich um die Verletzten kümmern.

Warum kommuniziert Swiss-Ski Verletzungen oft mit Verzögerung? Bei Lara Gut-Behrami bestand das Gerücht, dass sie sich das Kreuzband gerissen hat, schon lange vor der offiziellen Mitteilung.
Dass es einen Unfall gab, kommunizieren wir immer zeitnah. Wir erklären zum Beispiel, dass sich eine Athletin am Knie verletzt hat und weitere Untersuchungen folgen werden. Eine genaue Diagnose kommunizieren wir aber erst, wenn wir uns absolut sicher sind.

Lara Gut-Behrami from Switzerland in action during the first run of the Women’s Giant Slalom race of the FIS Alpine Ski World Cup season opener on the Rettenbach glacier, in Soelden, Austria, on Satur ...
Lara Gut-Behrami verletzte sich im November.Bild: keystone

Das ist man sich nicht immer?
Unsere Athletinnen und Athleten sind komplett austrainiert. Da kann es vorkommen, dass ein Arzt ohne Erfahrungen im Spitzensport nach einem Unfall das Knie bewegt und sagt, da sei mit Sicherheit nichts kaputt, so stabil wie es sei. Dabei ist das Kreuzband gerissen. Oder manchmal erkennt ein unerfahrener Arzt auf einer MRI-Aufnahme nicht alle Verletzungen. Darum wehre ich mich gegen frühzeitige Diagnosen, erst recht, wenn diese sogar öffentlich gestellt werden.

Sie sind neben Ihrer Tätigkeit für Swiss-Ski auch Chairman des Medical Committee bei der FIS. Wie stark können Sie auf die Entwicklungen im Bereich der Sicherheit Einfluss nehmen?
Ich bin praktisch in allen Prozessen, von der Regelbestimmung über das Equipment bis zur Prävention, involviert und vertrete die Meinung des Medical Committee. Umgekehrt habe ich einfach eine Stimme. Meine Meinung fliesst in den Prozess ein, aber am Ende gibt es eine Abstimmung im FIS-Council mit Vertretern der einzelnen Nationen.

«Diskriminierung gibt es jetzt insofern nicht mehr, weil wir die Kategorie Frau nicht mehr diskriminieren.»

Wird Ihre Meinung als Mediziner ernst genommen?
Bei der FIS und bei Swiss-Ski zu 100 Prozent. Ich erlebe aber viele Verbände, in denen sich der Arzt und der Sportdirektor oder der Cheftrainer ständig in den Gremien der FIS und bei Abstimmungen widersprechen. So etwas passiert bei uns nicht. Für uns steht im Zentrum, was für die Athletinnen und Athleten das Beste ist. Dann erarbeiten wir alle gemeinsam eine Lösung und vertreten diese.

Das Medical Committee der FIS war zuletzt beispielsweise in den Prozess zur Einführung der Airbag-Pflicht und von schnittfester Unterwäsche involviert. Was beschäftigt Sie aktuell am meisten?
Der Schutz der Frauen. Ich bin froh, dass die Genderdiskussion im Sport zuletzt eine Wende vollzogen hat. Wir haben bei uns zwei Kategorien. Eine heisst Frau, die andere heisst Mann. Für die Teilnahme in der Kategorie der Frauen muss man gewisse Kriterien erfüllen. Und alle, die sie nicht erfüllen, starten bei den Männern.

Das Thema wird kontrovers diskutiert. Es kommen schnell Diskriminierungsvorwürfe auf. Was sagen Sie zu dieser Debatte?
Diskriminierung gibt es jetzt insofern nicht mehr, weil wir die Kategorie Frau nicht mehr diskriminieren. Das war der grosse Schwenk in den letzten Jahren. Wenn wir in diesem Bereich nicht eine ganz klare Linie fahren, würden wir damit die Hälfte der Menschheit diskriminieren, die nie mehr die Chance hätte, ein Rennen zu gewinnen. Aber ich gebe ihnen recht: Es hat sehr viel Philosophie und Ethik drin. Ich bin in diesem Prozess schon seit über zehn Jahren dabei und sehr glücklich, dass wir eine Lösung gefunden haben, bei der ich persönlich sagen kann: «Das ist eine gute und faire Sache.»

Sprechen wir noch über den Bereich der Verletzungs-Prävention. Swiss-Ski erarbeitet zahlreiche Hilfsmittel, zum Beispiel zur Vermeidung von Kreuzbandrissen, und stellt diese auch den anderen Verbänden zur Verfügung. Stärkt man damit nicht die Konkurrenz?
Am Schluss haben wir alle Erfolg, wenn der Skisport Spass macht und es möglichst wenige Verletzungen gibt. Und wenn man wirklich gut ist, ist man trotzdem noch eine Nasenlänge voraus. Wir denken schon an das nächste Projekt. Ein guter Unternehmer kann ruhig erzählen, wie seine Produkte hergestellt werden. Weil er schon das nächste hat.

Was treibt Sie persönlich an?
Vor einigen Jahren stellte ich mir die Frage, was ich aus meinem Leben als Skidoktor einmal hinterlassen werde. Und dann habe ich ein Präventionsprogramm ins Leben gerufen. Eines, bei dem einzig die Wissenschaft im Zentrum steht, bei dem jeder einzelne Punkt validiert ist. Daraus entstanden praktische Tools, die heute bis runter in Sportschulen Anwendung finden. Prävention beginnt sehr früh.

«Generell kann man sagen, dass man immer so fahren sollte, dass man seine Ski beherrscht.»

Warum sind einige Athletinnen gefühlt ständig verletzt, während andere kaum je etwas haben? Spielen dabei die Gene eine Rolle?
Was man weiss: Wenn einmal eine schwere Verletzung passiert ist, ist das Risiko, eine weitere Verletzung zu bekommen, massiv erhöht. Warum aber einige viel öfter verletzt sind als andere, obwohl sie präventiv das Gleiche tun, ist Spekulation. Beim Skifahren spielt beispielsweise der Body-Mass-Index keine Rolle. Kleine gedrungene Athleten können genauso gewinnen wie grosse schlanke. Darum hat auch das Thema Doping im alpinen Skisport keinen Stellenwert.

Ist das nicht naiv, so zu denken?
Beim Skisport spielen so viele Faktoren eine Rolle. Das Material, das Talent, die koordinativen Fähigkeiten. In diesem Mix spielt es keine Rolle, ob der Oberschenkel etwas dicker ist. Die nötigen körperlichen Voraussetzungen für den Skisport lassen sich ohne Doping erreichen.

Bald stehen für viele die Skiferien an. Haben Sie zum Abschluss noch einen persönlichen Tipp, wie sich Verletzungen verhindern lassen?
Für diesen Winter ist es schwierig, noch viel zu machen. Bis man sich entsprechend vorbereitet hat, muss man sicher zwei, drei Monate einrechnen. Bis dann ist die Saison vorbei. Generell kann man sagen, dass man immer so fahren sollte, dass man seine Ski beherrscht. Man sollte mehr an die Freude denken und weniger Tempo bolzen. Wenn das jeder machen würde, hätte man deutlich weniger Unfälle. Und für alles Weitere kann ich jedem die Suva-App ans Herz legen, an deren Entwicklung ich beteiligt war. Dort findet man die wichtigsten Tipps. (riz/aargauerzeitung.ch)

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Die (schon jetzt) unfassbare Karriere von Ski-Star Marco Odermatt
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Die (schon jetzt) unfassbare Karriere von Ski-Star Marco Odermatt

Am 8. Oktober 1997 wird Marco Odermatt in Stans NW geboren. Zwei Jahre und zwei Monate später steht Klein Marco erstmals auf Skiern.

quelle: marco odermatt / marco odermatt
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Marco Odermatt fährt das Kernen-S anders als der Rest
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