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Swiss-Ski-CEO Züger spricht über Klimawandel und die Rennen der Zukunft

epa10398255 Niels Hintermann of Switzerland takes the start during the men's downhill training race at the FIS Alpine Skiing World Cup in Wengen, Switzerland, 10 January 2023. EPA/JEAN-CHRISTOPHE ...
Die Rennen am Lauberhorn sorgen immer für spektakuläre Bilder.Bild: keystone
Interview

«Bin zuversichtlich, dass es die Rennen in Adelboden und Wengen in 10 Jahren noch gibt»

Diego Züger, operativer Chef beim Skiverband Swiss Ski, äussert sich zu den Herausforderungen durch den Klimawandel, zu Subventionen für den Wintertourismus sowie dem aktuellen Konflikt mit der FIS. Und er sagt, wieso er Marco Odermatt der Mona Lisa vorzieht.
11.01.2023, 17:42
Rainer Sommerhalder und François Schmid-Bechtel / ch media
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Diego Züger hat aufregende Tage vor und hinter sich. Als Souvenir aus Adelboden nimmt der Interims-CEO von Swiss Ski eine Erkältung mit. Dennoch hält er Wort und stellt sich just an seinem 37. Geburtstag den Fragen von CH Media.

Ein grosses Thema in diesem Ski-Winter ist das Klima: Zuerst konnte auf den Gletschern nicht trainiert, dann am Matterhorn nicht gefahren werden. Und in Adelboden ermöglichte erst ein «Weltwunder» zwei Rennen. Wie stark schlägt das Sorgenbarometer bei Ihnen aus?
Diego Züger:
Die Folgen des Klimawandels bringen grosse Herausforderungen für den Schneesport. Das Thema ist aktuell in aller Munde und hat auch bei Swiss Ski hohe Priorität. Ich stelle aber auch fest, dass in den letzten Monaten sehr viel zusammengekommen ist. Auf den Gletschern in Zermatt war die Schneehöhe beispielsweise bereits nach dem vergangenen, schneearmen Winter sieben bis acht Meter weniger hoch. Der ausgesprochen trockene sowie warme Sommer und Herbst führten dazu, dass der Start der Saison nicht wie geplant stattfinden konnte. Und zuletzt kämpften wir mit dem Wärmeeinbruch über die Festtage. Wobei mir Hans Pieren in Adelboden gesagt hat, dass sie bereits in den letzten Jahrzehnten öfters mit diesem Phänomen konfrontiert waren. Aktuell freue ich mich nun über die traumhaften Bilder vom ersten Training in Wengen in einer traumhaften Winterlandschaft.

Diego Züger leitet derzeit den Schweizer Skiverband ad interim.
Diego Züger leitet derzeit den Schweizer Skiverband ad interim.Bild: zvg

Sie sind Marketingexperte: Bringen Bilder aus Adelboden mit einem weissen Band in grüner Landschaft überhaupt etwas?
Natürlich wären weiss verschneite Berghänge aus touristischer Sicht vorzuziehen. Aber wir müssen der Realität ins Auge sehen. Es wird in Zukunft vermehrt Bilder von Skirennen wie in Adelboden geben. Dank der technischen Beschneiung und Snowfarming ist das auch möglich und gibt uns eine gewisse Planungssicherheit. Diese Art von Schneeproduktion ist zentral für den Rennsport und für den gesamten Tourismus. Das gute ist, diese Pisten werden nach dem Rennen den ganzen Winter für den Tourismus genutzt.

Zur Person
Diego Züger feierte am 10. Januar den 37. Geburtstag. Der ehemalige Skirennfahrer stammt aus Tamins und lebt heute in Zürich. Er ist ledig, aber in festen Händen. Nach der Skikarriere studierte Züger Wirtschaft und arbeitete danach beim Sportvermarkter «Infront». Ab 2016 baute er bei Swiss Ski die «Weltcup Marketing AG» auf. Seit 2020 ist er Direktor Marketing und stellvertretender Geschäftsführer. Seit August 2022 führt Züger den Skiverband ad interim.

Sie haben gesagt, Wärmeeinbrüche habe es schon früher gegeben. Der Blick zurück kann doch nicht das Rezept für den Skiverband sein?
Wir wollen nichts schönreden und wir müssen uns den Veränderungen des Klimas stellen. Gefragt sind innovative und mutige Ansätze. Swiss Ski hat im Frühling 2022 eine Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet, explizit in verschiedenen Bereichen der Nachhaltigkeit – der ökologischen, aber auch der ökonomischen und der sozialen Nachhaltigkeit.

Die Rennpiste kommt unter dem Nebel zum Vorschein, am Donnerstag, 5. Januar 2023, in Adelboden. Am kommenden Wochenende finden am Chuenisbaergli die 67. Internationalen Ski Weltcuprennen statt. (KEYST ...
So sah die Rennpiste am Chuenisbärgli wenige Tage vor dem Rennen aus.Bild: keystone

Werden Sie konkreter.
Wir haben zusammen mit unserem Sponsor BKW einen Nachhaltigkeitsverein gegründet. Dieser unterstützt ökologische Projekte im Schneesport mit einem Fonds finanziell. Ökologische Varianten sollen also nicht daran scheitern, dass sie teurer sind.

«Das Projekt in Zermatt war etwas ein Risiko, weil wir keine Erfahrungswerte mit diesem Rennen hatten.»

Gibt es bereits Beispiele?
Ja, die gibt es. Beispielsweise das neue Starthaus in Zermatt, welches mit Solarpanels bestückt ist, produziert die Energie für den Startbereich anstelle eines Dieselgenerator. Oder auch konnten wir eine effiziente LED-Beleuchtung bei der Schanze in Einsiedeln zusammen mit der BKW umsetzen.

Schauen wir konkret auf mögliche Rezepte: Höher hinaus mit den Rennen. Hat in Zermatt nicht funktioniert.
Das Projekt in Zermatt ist grossartig für den ganzen Skisport, aber es war etwas ein Risiko, weil wir keine Erfahrungswerte mit diesem Rennen hatten. Wir haben unsere Lehren daraus gezogen und beim Internationalen Verband beantragt, dass die Rennen im kommenden Winter ein bis zwei Wochen später durchführen können. Jeder Tag mehr bringt höhere Chancen auf kalte Nächte und auf Schnee. Zusätzlich werden wir beim Snowfarming grössere Schneedepots anlegen. Mit diesen Massnahmen sind wir überzeugt, dass im November 2023 das Speedopening in Zermatt/Cervinia stattfinden wird.

A view of the new four-kilometre ski slope "Gran Becca", ten days ahead of an Alpine ski World Cup women's downhill race, between the alpine ski resort of Zermatt in Switzerland and Cer ...
Die Weltcuprennen in Zermatt konnten nicht stattfinden.Bild: keystone
«Die Beschneiung wird nicht nur effizienter, sondern auch nachhaltiger.»

Die Zielgelände der Klassiker in Adelboden, Wengen und Kitzbühel liegen nicht besonders hoch. Auch die kommende WM in Saalbach findet auf lediglich 1000 Metern über Meer statt. Braucht es künftig andere, höher gelegene Weltcup-Destinationen?
Zuerst einmal kann man nicht alles über den gleichen Kamm scheren. 1000 Meter in den östlichen Alpen in Österreich ist nicht das gleiche wie 1000 Meter bei uns. Je östlicher, desto tiefer die Schneefallgrenze. Aber zweifellos werden die Herausforderungen für tiefer gelegene Destinationen in Zukunft grösser sein. Aber selbst in diesem Winter, wo wir in Adelboden eine Extremsituation antrafen, konnten wir die Rennen durchführen. Das stimmt uns positiv und unsere Veranstalter haben nicht erst seit Adelboden bewiesen, dass sie zu den allerbesten gehören.

Also können wir uns auch in 10 Jahren auf diese Klassiker freuen?
Ich bin sehr zuversichtlich, dass es die Weltcup-Rennen in Wengen und Adelboden auch in zehn Jahren noch geben wird. Man muss berücksichtigen, dass auch die technologische Entwicklung bei der Beschneiung voranschreitet. Sie wird nicht nur effizienter, sondern auch nachhaltiger. Auch in diese Richtung gibt es spannende Projekte zusammen mit unseren Partnern, zum Beispiel bei der autonomen Energieversorgung von kompletten Beschneiungssystemen.

«Aus Marketingsicht sind Rennen im November und Dezember wichtig, um den Winter einzuläuten.»

Sind da nicht die Destinationen im Lead?
Klar, die Destinationen sind im Lead in Sachen Beschneiungsinfrastruktur. Wir und insbesondere auch unser lokalen Organisationskommitees haben aber mit den Destinationen sehr gute Partnerschaften. Wenn es etwa darum geht, wo wir welche Kapazitäten bei der technischen Beschneiung für unsere Renn- und auch Trainingspisten brauchen. Umgekehrt versuchen wir zu helfen, indem wir sogenannte Nasak-Projekte – Sportanlagen von nationaler Bedeutung – in den Skigebieten zu realisieren versuchen, um unsere Wettkampf- und Trainingsinfrastruktur aufzubauen.

Ein weiterer Ansatz ist, den Rennkalender zeitlich nach hinten zu schieben. Verschiebt man so nicht einfach das Problem?
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es rein meteorologisch Sinn machen würde. Wir hatten sehr oft im April in den Skigebieten noch hervorragende Schneebedingungen. Für Rennen ist dieser Ansatz aber schwierig, weil im Frühjahr das Interesse am Skisport schwindet. Das zeigen auch die Einschaltquoten am TV. Die Leute freuen sich dann auf den Frühling. Aus Marketingsicht sind Rennen im November und Dezember wichtig, um den Winter einzuläuten.

Also kann man den April nicht nutzen?
Wir machen uns Gedanken, wie weit wir den Frühlingsschnee noch stärker für Trainings im April und Mai nutzen wollen und dafür im Hochsommer weniger Aufwand betreiben, um den Schnee für unser Training quasi zu suchen.

Marco Odermatt of Switzerland reacts in the finish area during the second run of the men's giant slalom race at the Alpine Skiing FIS Ski World Cup in Adelboden, Switzerland, Saturday, January 7, ...
Für Marco Odermatt haben die Adelbodner den weissen Teppich ausgelegt.Bild: keystone

Steigt bei Trainings nach einer anstrengenden Saison nicht das Verletzungsrisiko bei Marco Odermatt und Co. hochgradig?
Genau deswegen muss man solche Dinge gut abwägen. Trainings nach der Saison eignen sich nicht für alle. Einerseits ist es individuell, andererseits auch eine Frage, auf welcher Stufe diese Athletinnen und Athleten fahren.

Eine andere Idee: Mehr Rennen an weniger Orten, damit sich der Riesenaufwand bei der Pistenpräparation besser lohnt?
Aus wirtschaftlicher und ökologischer Sicht absolut denkbar und sinnvoll. Swiss Ski hat sich während der Pandemie verstärkt in diese Richtung Gedanken gemacht – auch, um die Reisetätigkeit zu reduzieren. Dagegen spricht die enorm hohe Nachfrage von Destinationen und Ländern an der Austragung eines Weltcuprennens. Wenn man neu überall zwei Wochenenden bestreitet, ergibt dies eine Reduktion auf sehr wenige Orte. Es ist also politisch sehr schwierig, so etwas zu realisieren.

«Man hat sich zu wenig überlegt, wie es nach den Winterspielen mit China weitergeht.»

Die Führung der FIS denkt anders: Sie wird bei der Ausweitung des Weltcups von kommerziellen Überlegungen getrieben. Diktieren uns künftig nicht eher klimatische Bedingungen die Wahl der Rennorte?
Wenn man den Skisport weiterentwickeln will, dann braucht man als Grundlage zuerst einmal eine klare Strategie. Wir sind überhaupt nicht dagegen, dass man auch in neue Länder und in neue Märkte vorstösst. Noch wichtiger – und das lernt man im ersten Semester Wirtschaftsstudium – ist, dass man dabei das Hauptprodukt klar positioniert und stärkt. Derzeit haben wir einige Herausforderungen in den Kernmärkten und man versucht zugleich, ohne Strategie an irgendwelchen Orte zu expandieren. Das sehen wir kritisch. Aktuell trägt eine Handvoll Märkte ans wirtschaftliche Potenzial des Skisports bei und das sind einige Alpenländer und Skandinavien. Diese muss man stärken und ihnen gleichzeitig eine klare Perspektive bieten, bevor man weiter expandiert.

Welche weiteren Märkte sind interessant?
Diese sind bekannt. Das sind der Osten, Nordamerika und Asien. Auch in Südamerika gab es bereits einmal Rennen. Aber auch dort hat es sich nicht entwickelt. Die Frage nach dem langfristigen Potenzial einer Marktentwicklung muss genau analysiert und konzeptionell geplant werden, bevor man sich in Abenteuer stürzt. Die Formel 1 beispielsweise benötigte Jahrzehnte, bis sie in den USA endlich eine gewisse Relevanz erreicht hat. Wir erachten es als falsch, einfach mal ein Rennen dorthin zu vergeben und zu meinen, alles andere entwickle sich dann.

Wäre es nach Olympia nicht mehr als logisch, wenn China einen fixen Platz im Weltcup-Kalender erhalten würde?
Absolut. Man hat sich zu wenig überlegt, wie es nach den Winterspielen mit China weitergeht. Fakt ist, dass die Chinesen derzeit keine Rennen veranstalten, obwohl es der Plan war, Rennen dorthin zu vergeben. Aber offensichtlich war die Nachfrage nach solchen Veranstaltungen in China zu wenig gross – sicherlich auch der Pandemie geschuldet. Covid hat sicherlich nicht geholfen, im Land eine konsequente Wintersport-Strategie zu verankern.

A forerunner tests the alpine skiing downhill course at the 2022 Winter Olympics, Wednesday, Feb. 2, 2022, in the Yanqing district of Beijing. (AP Photo/Robert F. Bukaty)
Ob im chinesischen Yangqing jemals Weltcuprennen gefahren werden, ist unklar.Bild: keystone

2029 gibt es in Saudi-Arabien die ersten asiatischen Winterspiele. Gibt es in Arabien bald auch Skirennen – für uns ein sehr abenteuerlicher Gedanke!
Der Gedanke, je einmal Weltcuprennen in Arabien auszutragen, ist auch für mich auf den ersten Blick sehr abenteuerlich. Wir haben Herausforderungen in unseren Kernmärkten, bevor man so etwas auch nur in Betracht zieht. Ich masse mir aber ohne konkrete Kenntnisse des Projekts nicht an, es als unmöglich zu bezeichnen.

Bei diesen Themen ist der Internationale Verband im Lead. Derzeit scheint die Beziehung zwischen FIS und Swiss Ski ziemlich unterkühlt?
Die Herausforderung ist, dass keine genügend grosse Vertrauensbasis vorhanden ist. In den anderthalb Jahren der neuen Administration hat sich die anfängliche Aufbruchstimmung leider in eine gewisse Enttäuschung umgewandelt. Wir sind als grosser Verband im Schneesport in verschiedene grundlegende strategische Entwicklungen nicht miteinbezogen worden. Darin liegt unsere Kritik.

«Wir fordern von der FIS resolut einen Langzeit-Kalender über drei, noch besser vier Jahre.»

Redet man denn nicht miteinander? Als FIS würde mich die Meinung der Skination Nummer 1 interessieren und als Swiss-Ski-Präsident sollte Urs Lehmann im FIS-Council doch Einfluss nehmen können?
Genau diese Frage stellen wir uns auch. Die positive Seite der aktuellen Situation ist, dass wir mit Ländern wie Österreich, Deutschland, Norwegen und weiteren nationalen Verbänden eine so enge Kooperation haben wie wohl noch nie in der Geschichte des Skisports. Die Unruhe auf Ebene der FIS hat viele nationale Verbände zusammengeschweisst, bei der Weiterentwicklung des Sports, bei der Vermarktung oder bei anderen sportpolitischen Themen.

Dann arbeiten Sie bereits an einer eigenen Rennserie?
Nein (schmunzelt). Unsere Hoffnung ist, dass wir den Rennkalender der FIS weiterentwickeln können. Wir hoffen, dass es sich in eine Richtung entwickelt, wo wir als nationaler Verband auch Gehör finden und ernst genommen werden. Wir wollen gemeinsam einen Schritt weiterkommen. Es hilft niemandem, wenn wir uns bekämpfen.

Was kann Swiss Ski denn tun, um künftig Situationen wie im Dezember zu verhindern, als gleichzeitig Skirennen in St. Moritz, Skispringen in Engelberg und Langlauf in Davos stattfanden?
Das hängt damit zusammen, dass wir erst im Juni einen bestätigten Rennkalender für diesen Winter vorliegen hatten. Wir fordern deshalb resolut von der FIS einen Langzeit-Kalender über drei, noch besser vier Jahre. Das ist für unsere Veranstaltungen zentral, damit Adelboden, Wengen, St. Moritz, aber auch die Veranstalter der anderen Sportarten eine Planungssicherheit erhalten. Dies ist auch wichtig bei der Frage von Investitionen in Infrastruktur oder Beschneiungsanlagen. Wer nicht weiss, ob er im nächsten Winter überhaupt noch im Kalender ist, nimmt sicher kein Geld in die Hand.

Neben Präsident Urs Lehmann sind auch Sie eine wichtige Person im Verband. Wann darf man Ihnen zur definitiven Beförderung zum CEO gratulieren?
Aus meiner Sicht läuft es im Moment bei Swiss Ski sehr gut. Die Organisation mit der Co-Geschäftsleitung ad interim zusammen mit Claudia Lämmli (CFO) funktioniert und wir ergänzen uns gut. Auch können wir auf eine sehr starke Geschäftsleitung zurückgreifen. Wir planen bis zum Ende der Saison daran nichts ändern. Wir überlegen uns auch noch einige organisatorische Anpassungen. Der Verband ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Wir sind viel breiter unterwegs, also wollen wir die aktuelle Situation nutzen, um zu analysieren, wie wir uns richtig aufstellen, um die Herausforderungen der kommenden Jahre meistern zu können.

Sie sind der Marketingexperte: Wie viele Millionen ist ein Marco Odermatt für Swiss Ski wert?
Eine schwierige Frage. Ich kann nur verlieren, wenn ich jetzt etwas Falsches sage (lacht). Marco Odermatt ist unbezahlbar!

Dann fragen wir anders: Würden Sie Odermatt gegen die Mona Lisa eintauschen?
Ich weiss nicht, wie viel Wert das Bild hat. Aber ich habe definitiv mehr Freude an Marco Odermatt als an der Mona Lisa.

epa10394289 Winner Marco Odermatt (top C)of Switzerland and third placed Loic Meillard (top R) of Switzerland celebrate with the Swiss team members in the finish area after the Men's Giant Slalom ...
Schweizer Herrlichkeit in Adelboden: Marco Odermatt bei seinem Triumph 2022.Bild: keystone

Ist er der Prototyp des perfekten Skifahrers?
Er ist eine Ausnahmeerscheinung – auch für Swiss Ski. Einen solchen Athleten in den eigenen Reihen zu haben, ist ein Glücksfall. Und er ist einer der wenigen Athleten, die auch über die eigene Sportart hinaus einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Marco ist für den Schweizer Sport ein Botschafter, der erfolgreich, sympathisch, aber auch bescheiden und unbekümmert ist. So etwas ist auch aus Marketingsicht genial. Aber ich möchte daran erinnern, dass Swiss Ski aktuell über sehr gute Mannschaften verfügt, sehr breit aufgestellt ist – und dies über alle Sportarten hinweg. Manchmal ist es beinahe ein wenig schade, dass andere Topathleten fast ein wenig untergehen im Schatten eines solchen Überfliegers.

Letztes Thema. Soll der Staat Wintersportdestinationen subventionieren?
Ich denke als Mensch grundsätzlich sehr liberal und freiheitlich. Aber man darf die Bedeutung des Wintersports für die Schweiz nicht vergessen. Insbesondere mit dem Blick auf die soziale Nachhaltigkeit und die ganze Thematik der Abwanderung aus den Berggebieten. Der Wintertourismus hat dort einen enormen Stellenwert und Wertschöpfung, generiert eine Vielzahl an Arbeitsplätzen. Dieser Dimension sollte sich die Politik in all den Diskussionen schon bewusst sein.

Aber müssen sich die Bergdestinationen nicht auch bewusst sein, dass Wintertourismus in Zukunft nicht zwingend Schneetourismus sein muss?
Natürlich müssen sich auch diese Tourismusdestinationen weiterentwickeln und diversifizieren. Ich beobachte, dass dies durchaus passiert und die Orte dabei sehr kreativ sind, um neue Standbeine zu finden. Aber aus wirtschaftlicher Sicht betrachtet trägt der Schneesport im Wintertourismus weiterhin einen Grossteil zur Finanzierung bei.

Haben Sie Beispiele für Innovationen?
Sehr viele Destinationen kreieren Synergien zwischen dem Skisport im Winter und zum Beispiel dem Bikesport im Sommer. Nicht vergessen darf man auch den Boom im Langlauf. Wir haben seit einigen Jahren in der Schweiz eine enorme Nachfrage nach Langlauf.

Das ändert nichts daran, dass es viele Orte gibt, wo man vor zehn Jahren dank eines Skilifts noch in Berührung mit dem Skisport kam, wo in Zukunft jedoch kein Schnee mehr liegt. Muss man sich um den Rennsport nicht Sorgen machen, weil der Kreis an potenziellen Nachwuchsfahrern zusammen mit dem Schnee schmilzt?
Ein Riesenthema! Es ist eine riesige Herausforderung, dass im Unterland viele Skilifte in diesem Winter noch keine Minute geöffnet haben und deshalb viele Jugendliche nicht in Berührung mit dem Skisport kommen. Die zweite Herausforderung ist die demografische Veränderung der Bevölkerung. Bei vielen Zuwanderern hat der Schneesport keine grosse Tradition, gehören Ausflüge ins Skigebiet nicht zu den Wochenendaktivitäten.

Also muss man Schwarz sehen?
Nicht unbedingt. Wir sind uns dieser Problematik bewusst und haben verschiedene Initiativen gestartet. Zum Beispiel bieten wir in Kooperation mit der Schneesport-Initiative «Go Snow» Schullager mit einem Rundum-Paket an. Hier fruchten unsere Bestrebungen, möglichst vielen Kindern das Skifahren zu ermöglichen. Für diesen Winter haben sich gegen 20'000 Kinder über die Schneesportinitiative Schweiz für ein Schneesportlager angemeldet. Das ist ein Rekord. Zweitens führen wir mit unserem Partner die Sunrise-Snowdays in der ganzen Schweiz durch. Dort werden Tausende von Kindern in den Schulen abgeholt und für einen Tag ins Skigebiet gebracht – mit Ausrüstung, Essen und Skilehrer. Auch das traditionelle Jugendskilager, das Anfang Januar zum 80. Mal in der Lenk stattgefunden hat, ist eine Erfolgsgeschichte und hilft Jugendliche mit dem Element Schnee in Verbindung zu bringen.

Zum Schluss: Wie sieht der alpine Skisport in 30 Jahren aus?
Ich bin felsenfest überzeugt, dass wir auch in 30 Jahren noch Skifahren werden. Es wird sich vieles verändern. Und wenn man 30 Jahre zurückblickt und den Unterschied betrachtet, wie wir damals lebten und wie wir heute leben, dann kommt bis in 30 Jahren auch noch die eine oder andere Überraschung auf uns zu, an die wir heute gar noch nicht denken. (aargauerzeitung.ch)

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12 Kommentare
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RicoH
11.01.2023 18:31registriert Mai 2019
"Man muss berücksichtigen, dass auch die technologische Entwicklung bei der Beschneiung voranschreitet. Sie wird nicht nur effizienter, sondern auch nachhaltiger."
Wieder ein Beispiel dafür, wie gedankenlos, falsch und ohne Grundlage der Begriff "nachhaltig" missbraucht wird.
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