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Wird sie bald Mami? Belinda Bencic vor den Australian Open im Interview

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Belinda Bencic reiste formstark an die Australian Open.Bild: keystone
Interview

«Wäre definitiv bereit für diesen Schritt» – Bencic und die Frage nach einer Familie

Belinda Bencic spricht vor den Australian Open über ihre Angst vor Veränderungen, wie sie sich ihren Traum vom Grand-Slam-Titel erfüllen will und weshalb sie sich mit Familienplanung beschäftigt.
16.01.2023, 17:48
Simon Häring, melbourne / CH Media
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Die Vorbereitung auf die Australian Open war hektisch. Während Belinda Bencic nach dem Turniersieg in Adelaide mit dem Pokal für die Fotografen posierte, packte Freund und Fitnesstrainer Martin Hromkovic die Koffer, räumte das Hotelzimmer und buchte die Flüge. Kurz vor Mitternacht erreichte Bencic Melbourne.

Noch vor ihrem ersten Training am Sonntag sprach sie über ihre Ziele, ihren neuen Trainer, der sie leiden lässt, den Traum vom Grand-Slam-Titel und Gedanken an die Familienplanung.

Belinda Bencic, Sie haben einen Traumstart ins neue Jahr hingelegt, mit welchem Gefühl gehen Sie nun in die Australian Open?
Belinda Bencic:
Ich bin natürlich sehr glücklich und zuversichtlich. Ich hoffe, dass ich es hier in Melbourne weiterziehen kann und dass es in der Weltrangliste weiter nach vorne geht. Ich hoffe und das ist auch das Ziel, dass es nicht bei diesem einen Titel bleibt. Denn das, was zählt, ist das Turnier hier und generell die Grand-Slam-Turniere. Und dort hat es für mich im letzten Jahr nicht so geklappt wie erhofft.

Haben Sie eine Erklärung dafür gefunden, weshalb das so ist?
Ich will ein Grand-Slam-Turnier gewinnen, und zwar unbedingt. Das ist und bleibt ein riesiges Ziel, seit ich klein bin. Im letzten Jahr habe ich gespürt, dass ich die Fähigkeiten dazu habe und mich dadurch enorm unter Druck gesetzt. Ich will meinen Perfektionismus ablegen und muss tun, was Erfolg bringt, auch wenn das nicht immer schön ist. Ich habe gemerkt, dass es manchmal unangenehm sein muss.

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Bencic posiert mit der Siegertrophäe des Turniers in Adelaide.Bild: keystone

Haben Sie sich deshalb von ihrem Trainer Sebastian Sachs getrennt?
Wir haben beide gespürt, dass es sich nicht mehr richtig anfühlt und dann eine Weile versucht, diese schlechte Phase zu überstehen. Aber nach den US Open haben wir gemerkt, dass es keinen Sinn mehr macht. Er merkte, dass er mich nicht mehr weiterbringen kann. Und das spürte ich auch. Obwohl die Trennung die richtige Entscheidung war, hat sie mich enorm belastet und ich habe mich schlecht gefühlt, weil wir uns sehr gut verstehen. Es war eine traurige Phase für mich.

Sie haben Dimitri Tursunow verpflichtet, von dem Sie erwarten, dass er Sie aus der Komfortzone holt und der über Sie sagt, entscheidend sei, wie sehr Sie zu leiden bereit seien. Wie zeigt sich das?
Jede kann körperlich hart arbeiten und hundert Liegestützen machen. Aber im Tennis ist das Mentale entscheidend. Dimitri ist sehr hart und sehr fordernd. Er verlangt von mir, dass ich die Einstellung habe, dass jeder Ball wichtig ist, auch im Training. Nun gibt es Phasen, in denen ich eine Viertelstunde keinen Ball mehr ins Feld spiele, weil ich so stark gefordert bin. Das ist unangenehm und führt zu Zweifeln, aber ich glaube, es ist das, was ich brauche. Früher wollte ich im Training ein gutes Gefühl haben, aber dadurch verbessert man sich einfach nicht. Dimitri hat mir gezeigt, dass es auch anders sein kann. Er macht es mir schwer, mich gut zu fühlen. Und ich glaube, so muss es sein.

October 15, 2022, GUADALAJARA, MEXICO: Belinda Bencic of Switzerland with coach Dmitry Tursunov during practice ahead of the 2022 WTA, Tennis Damen Guadalajara Open Akron WTA 1000 tennis tournament GU ...
Trainer Tursunow mit Bencic.Bild: www.imago-images.de

Bei früheren Trainern fehlte Ihnen die Bereitschaft zu Veränderungen und es war ein Kriterium, dass sie ihr Spiel nicht verändern wollen. Nun suchen Sie genau das. Was hat Sie zum Umdenken bewogen?
Als ich ein Kind war, sagten viele Trainer, dass nichts aus mir werden würde, wenn ich so spiele, wie ich es gelernt habe. Meine Technik ist anders als bei den meisten und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Trainer das ändern wollen. Mein Papi und Melanie (Molitor, frühere Trainerin und Mutter von Martina Hingis) sind konsequent geblieben und das hat mir auch Erfolg gebracht. Die Angst vor Veränderung hat sich festgebissen. Nun habe ich aber realisiert, dass ich diese Angst ablegen muss, um einen Schritt nach vorne zu machen. Dimitri versteht das. Aber ich vertraue ihm und kann nun besser loslassen.

Tursunow war zuvor Trainer der US-Open-Siegerin Emma Raducanu und führte Arina Sabalenka und Anett Kontaveit an die Weltspitze. War das der Hauptgrund, weshalb Sie ihn verpflichtet haben?
Das war kein Kriterium oder zumindest war das nicht bewusst. Ich hatte viel über ihn gelesen und gesehen, wie er arbeitet. Deshalb war für mich schnell klar, dass ich mit ihm arbeiten möchte. Er war von Anfang an meine Wunschlösung. Als ich ihn kontaktierte, arbeitete er noch mit Emma Raducanu zusammen. Dann meldete er sich bei mir und sagte, dass er verfügbar sie. Er kam dann für zwei Tage nach Bratislava, wo ich trainierte, und im Oktober begleitete er mich ans Turnier in Mexiko. Ich war dann schnell davon überzeugt, dass Dimitri der Richtige ist, um mein Spiel zu verbessern. Er ist ein Glücksfall.

Die Australian Open brachten Ihnen zuletzt hingegen kein Glück. Vor zwei Jahren mussten Sie in Quarantäne, im letzten Jahr waren Sie im Vorfeld des Turniers an Covid-19 erkrankt. Ging diesmal alles gut?
Nein, ich bin schon wieder krank geworden und habe mir gedacht: Das darf doch nicht wahr sein. Etwa zwei Wochen konnte ich nicht so trainieren, wie es geplant war. Aber ich hatte Glück im Unglück, dass die Erkrankung auf den Beginn der Vorbereitung gefallen ist. Wäre es danach gewesen, hätte ich wieder von vor beginnen müssen.

Dennoch ist Ihnen ein Traumstart in die neue Saison gelungen. Die Vorzeichen für einen Exploit bei den Australian Open stehen gut …
… ist die Voraussetzung dafür die Auslosung?

Nein, in erster Linie der Turniersieg und ihre gute Form. Wie stellen Sie sicher, dass Sie sich nun nicht wieder zu sehr unter Druck setzen?
Ich nehme das wahr. Ich spüre ja, dass ich gut spiele und etwas drin liegt. Ich habe meine Schlüsse aus den Erfahrungen im letzten Jahr gezogen, als es bei den Grand-Slam-Turnieren nicht geklappt hat.

Und welche sind das?
Ich will die Spiele abgeklärter angehen, mit weniger Emotionen und noch fokussierter spielen. Der Schlüssel ist es, im Moment zu bleiben, nicht daran zu denken, was passiert, wenn ich gewinne oder verliere. Das versuche ich umzusetzen. Eine Garantie gibt es aber nicht.

Sie arbeiten mit einer Psychologin und Mentaltrainerin an Fragen wie diesen. Wie oft stehen Sie im Kontakt mit ihr und wie hilft sie Ihnen?
Manchmal brauche ich das bei einem Turnier täglich, wenn ich mich nicht gut fühle und nervös bin – zum Beispiel im letzten Jahr während der French Open. Und dann gibt es Wochen, in denen das nicht nötig ist – wie zuletzt während Adelaide, wo ich mich super fühlte. Ich kann sie 24 Stunden am Tag anrufen. Diese Gewissheit hilft bereits sehr.

Bei den Australian Open nicht dabei ist Ashleigh Barty. Sie ist 2022 im Alter von 25 Jahren zurückgetreten, um eine Familie zu gründen. Auch Naomi Osaka wird mit 25 erstmals Mutter. Führt das dazu, dass auch Sie sich Gedanken machen betreffend Familienplanung?
Natürlich mache ich mir als Frau Gedanken dazu. Ich bin zwar erst bald 26-jährig, aber ich habe das Gefühl, dass ich schon ewig dabei bin. Ich fühle mich reifer und älter und wäre definitiv bereit für diesen Schritt. Ich bin nun seit fünf Jahren mit Martin zusammen. Wenn es in zwei, drei Jahren passiert, wäre das absolut in Ordnung für mich, auch wenn es in der Situation, in der ich jetzt bin, noch kein Thema ist.

Würden Sie danach wie Naomi Osaka oder Serena Williams wieder ins Tennis zurückkehren oder wäre ein Kind für Sie ein Rücktrittsgrund?
Wenn es im Alter von 33 oder 34 Jahren passiert, würde ich wohl eher nicht zurückkehren. Aber in meinem Alter könnte mich mir das sehr gut vorstellen. Viele Athletinnen haben bewiesen, dass das geht. Und rein vom Physischen her ist erwiesen, dass es kein Problem darstellt. Natürlich braucht es Zeit, wieder in Bestform zu kommen. Aber die Frage, ob das geht, ist beantwortet: Es geht. Aber natürlich ist das eine grosse und schwierige Entscheidung für Athletinnen. Vielleicht kann man nicht mehr so viel trainieren wie zuvor oder der Fokus fehlt. Andererseits kann es auch sein, dass es genau das ist, was dich stärker macht, weil ein Tennismatch nicht mehr so wichtig ist.

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quelle: keystone / ali haider
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