Sport
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ZURICH, SWITZERLAND - DECEMBER 21: FIFA president Joseph S. Blatter attends a press conference as reaction to his banishment for eight years from all football-related activities by the FIFA ethics committee at FIFA's former headquarters at Sonnenberg in Zurich on December 21, 2015 in Zurich, Switzerland. (Photo by Philipp Schmidli/Getty Images)

Zwischen Selbstmitleid und Kampfgeist: Sepp Blatter an der Medienkonferenz vom Montag.
Bild: Getty Images Europe

Kommentar

Sepp Blatter sucht die Schuld bei allen – nur nicht bei sich selbst

Joseph S. Blatter will seine achtjährige Sperre nicht akzeptieren. Der gefallene FIFA-Präsident bleibt stur und uneinsichtig. Sein Realitätsverlust macht ihn zur tragischen Figur.



Im Nachhinein ist man immer klüger. «Ich hätte nach der erfolgreichen WM 2014 in Brasilien zurücktreten sollen», sagte Sepp Blatter im Interview mit der «Weltwoche», die ihn zum «Schweizer des Jahres» gekürt hat. Stattdessen kandidierte der Walliser im Frühjahr für eine weitere Amtsperiode als FIFA-Präsident, angeblich weil ihn fünf von sechs Kontinentalverbänden – ausser der UEFA – «angefleht» hätten, wie er der russischen Agentur TASS erklärte.

Hätte Blatter rechtzeitig aufgehört, wäre ihm einiges erspart geblieben. Seinen Ruf hätte er kaum retten können, die Ermittlungen der Justiz liefen so oder so. Ein Abgang in Ehren aber wäre ihm sicher gewesen. Nun ist ihm nicht einmal das vergönnt. Die von der FIFA-Ethikkommission verhängte achtjährige Sperre bedeutet, dass er nicht an der Wahl seines Nachfolgers am 26. Februar teilnehmen und sich ein letztes Mal von der FIFA-«Familie» feiern lassen kann.

Blatters letzter Auftritt

Bis zuletzt blieb Blatter stur und uneinsichtig. Die Überweisung von zwei Millionen Franken an UEFA-Präsident Michel Platini, die ihm zum Verhängnis wurde? «Die Zahlung wurde von allen zuständigen Stellen korrekt verbucht», sagte er der «Weltwoche». Während der achtstündigen Befragung durch die Ethikkommission am letzten Donnerstag versicherte er: «Ich habe in meinen 40 Jahren bei der FIFA weder gegen ethische noch juristische Regeln verstossen.» Und dem «SonntagsBlick» sagte er: «Ich hatte am Schluss das Gefühl, die Gerechtigkeit wird obsiegen.»

«Kein gewöhnlicher Funktionär»

Zweckoptimismus? Oder Realitätsverlust? Manches spricht für das Letztere. In den Monaten seit seinem Rücktritt hat sich Sepp Blatter an jeden erdenklichen Strohhalm geklammert, um dem Schicksal zu entfliehen. Die Ethikkommission könne ihn gar nicht suspendieren, weil er kein gewöhnlicher FIFA-Funktionär sei, sondern «der vom Kongress gewählte Präsident», sagte er Ende November in der «Rundschau». Juristen quittierten das Argument mit Kopfschütteln.

Den Gipfel der Absurdität erklomm der 79-Jährige in der «Weltwoche» mit der Behauptung, am FIFA-Kongress müsse «der alte Präsident abtreten, damit der neue antreten kann». Wenn er suspendiert sei, könne er nicht abtreten: «Das geht nicht.» In Sepp Blatters Augen ist der Weltfussballverband offenkundig führungslos. Dabei amtiert der bisherige Vize Issa Hayatou als Interimspräsident, und die Exekutive hat Anfang Dezember weitreichende Reformen beschlossen.

Fehlende Selbstkritik

Man kann über Blatter lachen, aber irgendwie hat sein Verhalten eine tragische Komponente. Was soll man sonst davon halten, wenn er im «SonntagsBlick» über die Medien herzieht mit der Behauptung: «Es ist plötzlich modern geworden, auf Sepp Blatter zu schlagen.» Wie bitte? Schon nach seiner Wahl zum FIFA-Präsidenten 1998 wurde er mit Kritik eingedeckt wegen den ominösen Briefumschlägen voller Geld, die angeblich in der Nacht zuvor an Delegierte verteilt worden waren.

Tschau Sepp – Blatters Karriere in Bildern

Auch später liessen hartnäckige Journalisten vorab aus Deutschland und England nie locker. Die Schweizer Medien aber behandelten ihn lange pfleglich, vielleicht ein Grund, warum er sich heute über den «Liebesentzug» nervt. Selbstkritik war noch nie seine Stärke. Zu lange drückte er beide Augen zu vor den Machenschaften von Funktionären wie Jack Warner, Nicolas Leoz oder Mohammed Bin Hammam, die ihn im Gegenzug die Stimmen für seine Wiederwahl zuschanzten.

Niemand kann behaupten, Sepp Blatter wäre blauäugig gewesen. Der Untersuchungsbericht zum Konkurs des Zuger Sportvermarkters ISL 2001 hielt fest, dass der FIFA-Präsident von den Schmiergeldzahlungen an korrupte Exekutivmitglieder gewusst haben muss. Durchgegriffen hat er nicht, denn das hätte ihn wohl den Job gekostet. Dieses Risiko wollte Blatter nicht eingehen. Weil er nicht von der Macht lassen wollte? Oder weil er sich ein Leben ohne die geliebte FIFA nicht vorstellen konnte?

Selbstmitleid und Kampfgeist

Nun hat ihm diese FIFA einen Abgang in Unehren beschert. In seiner Medienkonferenz schwankte er zwischen Selbstmitleid und Kampfgeist. «Ich bedauere, dass ich zum Prügelknaben geworden bin», jammerte er und kündigte gleichzeitig an, beim Internationalen Sportgerichtshof Beschwerde gegen seine Sperre einzureichen. Auch vor einem Schweizer Gericht will er klagen.

Die fragwürdigsten Sprüche von Sepp Blatter

Ein Eindruck bleibt haften: Blatter sucht die Schuld an seinem Fall bei allen – nur nicht bei sich selbst. Dabei dürfte die Zukunft noch einiges Ungemach bereit halten. Die in Zürich verhafteten Funktionäre stimmten zuletzt reihenweise einer freiwilligen Auslieferung an die USA zu. Dort werden sie aussagen, als Gegenleistung für Strafminderung. Das FBI ermittelt bereits gegen den gefallenen Präsidenten. Er wird in seinen letzten Jahre wohl im Wallis festsitzen.

Hart für einen, der so gerne mit den Mächtigen der Welt auf Augenhöhe parliert hat. Vielleicht lädt ihn Wladimir Putin zur WM 2018 in Russland ein. Letzte Woche hatte der russische Präsident Blatter für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Man denkt an eine bekannte Redensart: Wozu braucht man Feinde, wenn man solche Freunde hat. Darüber beklagen darf sich Sepp Blatter nicht. Er hat sein Schicksal letztlich selbst gewählt.

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • patnuk 21.12.2015 18:54
    Highlight Highlight Haha ein Schweizer eben....Spass beiseite, welcher CEO hat schon seine Fehler sofort zugegeben....
  • Fendant Rüpel 21.12.2015 15:38
    Highlight Highlight Gemäss meinem bescheidenen Wissen muss eine Strafverfolgungsbehörde die Unrechtmässigkeit nachweisen, da noch immer die Unschuldsvermutung gilt. Mit anderen Worten: Vor staatlichen Gerichten muss niemand seine Unschuld beweisen! Dies wird ein Genuss für jeden Anwalt sein, dies beim CAS oder dann sogar beim Bundesgericht anzufechten!
  • Rockola 21.12.2015 15:34
    Highlight Highlight Irgendwie erinnert mich der Sepp an den Formel 1 Chef Bernie Ecclestone zwei macht hungrige alle Männer.
  • dracului 21.12.2015 15:18
    Highlight Highlight Blatter braucht jetzt keinen Kommunikationsberater und keine Juristen. Im Moment braucht er vor allem einen Beistand und psychologische Betreuung. So ein Urteil wie heute, nach über 40 Jahren in der FIFA, verkraftet man sonst nicht. Blatter braucht dringend kompetente Hilfe, dringend.
    • Dubio 21.12.2015 15:25
      Highlight Highlight Der Herr Stöhlker arbeite ja schon für ihn... ;-)
  • NatValCas 21.12.2015 14:24
    Highlight Highlight Wenn man lange genug besticht und lügt, alles nach seinem Gusto zurechtbiegt und Unliebsame aus dem Weg räumt, fängt man an den Überblick zu verlieren und selbst an seine Lügen zu glauben. Denn es ist ja Niemand mehr da, der einem den Spiegel vorhalten kann.

    Blatter ist ein rücksichtsloser Egomane. Die Kritischen wussten es schon immer, die Gläubigen werden auch jetzt nicht aufwachen.

    Schade finde ich nur, dass es wieder mal die Marshallplan Adepten mit ihrer archaischen Monroedoktrin aus Amerika sein müssen, die den Mut aufbringen aufzudecken und zu ahnden was wir alle schon lange wussten!
  • Angelo C. 21.12.2015 14:14
    Highlight Highlight Ich stimme mit dem Autor überein, dass es von Blatter SEHR weitblickend gewesen wäre, 2014 zurückzutreten, was ihm einen Abgang ohne allzuviel Getöse gestattet hätte. Aber da hat der Instinkt das alte Alphatier zugunsten krampfhaften Machterhalts verlassen, was nun einen hohen Preis fordert.

    Rechtlich habe ich zwar meine Mühe im Hinblick auf den fianziellen Platini-Millionentransfer, da er regulär verbucht, auch von Anfang an in keiner Weise je bestritten wurde. Einfach Betrug und Korruption in diesem Fall zu unterstellen, wäre eine Frage von Beweisen.

    Doch wie auch immer : Fall abgehakt...
  • saukaibli 21.12.2015 14:05
    Highlight Highlight Also so langsam tut mir der Sepp leid, immer mehr habe ich das Gefühl, dass er selber wirklich an das glaubt was er sagt. Ohne das abwertend zu meinen, ich denke der Mann braucht dringend psychologische Hilfe. Einen krasseren Fall von narzistischer Verhaltensstörung hat es wohl noch selten gegeben. Er hält sich tatsächlich für eine Art König, der abdanken muss um seinem Nachfolger den Thron zu überlassen. Wirklich lustig und traurig zugleich.
  • SVARTGARD 21.12.2015 13:42
    Highlight Highlight Ein kranker Mensch wird die Schuld immer bei Anderen suchen.
  • Thomas Binder 21.12.2015 13:15
    Highlight Highlight Das Beste an den immer ein katastrophales Selbstwertgefühl aufweisenden schweren Narzissten, 1-3% in der Bevölkerung, in gewissen Kreisen 99.9%: Ihr Ego ist mit heisser Luft irgendwann derart hyperinsuffliert, dass sie sich ganz von selber erledigen.
    • NatValCas 21.12.2015 14:30
      Highlight Highlight @TomasBinder, Was auch der schreckliche Shkreli unlängst erfahren durfte... *Schadenfreude*

      Leider haben vor dem Fall, typischerweise, wieder viele Unschuldige leiden müssen.
    • Thomas Binder 21.12.2015 17:19
      Highlight Highlight Wir wissen viel über die von Sigmund Freud etwa 1915 eingeführte narzisstische / antisoziale Persönlichkeitsstörung / Psychopathie, u.a. dass etwa 1-3% an ihr leiden. Schon Erich Fromm hatte erkannt, dass sie nicht ein übersteigertes Selbstwertgefühl haben sondern ein katastrophales und nicht einmal sich selber lieben können.

      Unser Problem im "Zeitalter des Narzissmus" seit etwa 40 Jahren besteht darin, dass sie nicht wie früher als Könige oder Diktatoren für jeden sofort erkennbar sind, sondern oft unbemerkt und evtl. mit Milliarden versorgt ihre eigensüchtigen unmenschlichen Fäden ziehen.
    • Thomas Binder 21.12.2015 17:25
      Highlight Highlight Ich habe Sepp Blatter nicht als narzisstisch persönlichkeitsgestört sondern als "schweren Narzissten" bezeichnet, weil der schwere "gutartige" Narzisst - eine gewisse Dosis Narzissmus ist in der Tat lebensnotwendig in Form der gesunden Selbstliebe - schlimmstenfalls peinlich ist wie er, und nur der schwere "bösartige" pathologisch und gefährlich, eben persönlichkeitsgestört, ist. Aus der Ferne hat Herr Blatter bei mir nie den Eindruck von "Bösartigkeit" hinterlassen.
  • FrancoL 21.12.2015 13:14
    Highlight Highlight Nur eine kleine Sequenz von Blatter: "Durch Fussball werden wir alle bessere Menschen." Ja das habe ich beim Bespucken Ausbuhen von Messi nach dem Gewinn der diesjährigen Clubweltmeisterschaft in Tokio gesehen! Ein Beispiel keinen Tag alt.
  • R&B 21.12.2015 13:11
    Highlight Highlight Dieser Mann ist einfach nur peinlich. Hatte er überhaupt Freunde? Unbezahlte wahrscheinlich nicht, wenn er nicht selbstkritisch ist.
  • Marc A. 21.12.2015 13:05
    Highlight Highlight Ach hört doch auf mit dem langweiligen Blatter Bashing. Obwohl wahrscheinlich die Ethikkomission nicht ohne gewissen Verdacht Blatter und Platini suspendiert hat - bewiesen ist noch nichts. Und solange gilt die Unschuldsvermutung und alles andere sind Stammtisch-Diskussionen. Die FIFA ist Zentrum von viel Macht und Geld, um dementsprechend auch Spielball von politischen Machtkämpfen und wirtschaftlichen Interessen. Die mediale Hetze kommt vielen doch sehr zugegen. Im Einklang mit dem Traritrara geht vergessen, was er für die FIFA geleistet hat seit Amtsantritt.

Das lange Leiden bis zum kleinen Befreiungsschlag

Die Schweiz hat nach dem 2:0 gegen Irland die EM-Qualifikation in den eigenen Händen. Was der Sieg sonst noch bedeutet – der Kommentar.

Endlich die Erlösung! Endlich fällt das 2:0. Sekunden später ist das Spiel vorbei. «Tous ensemble!», skandiert das Genfer Publikum. Alle zusammen! Schweizer Spieler und Betreuer umarmen sich. Der Jubel ist gross. Es ist ein Jubel der Erleichterung.

Es zählte nur eines gestern: der Sieg. Er ist geglückt. Zwar erkämpft. Mit einem zu langen Leiden. Und ohne jede Leichtigkeit. Aber das 2:0 ist auch nicht glückhaft. Deshalb gilt: Pflicht erfüllt.

Eine erneute Enttäuschung wäre auch ziemlich verwegen …

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