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Zwischen Selbstmitleid und Kampfgeist: Sepp Blatter an der Medienkonferenz vom Montag.<br data-editable="remove">
Zwischen Selbstmitleid und Kampfgeist: Sepp Blatter an der Medienkonferenz vom Montag.
Bild: Getty Images Europe
Kommentar

Sepp Blatter sucht die Schuld bei allen – nur nicht bei sich selbst

Joseph S. Blatter will seine achtjährige Sperre nicht akzeptieren. Der gefallene FIFA-Präsident bleibt stur und uneinsichtig. Sein Realitätsverlust macht ihn zur tragischen Figur.
21.12.2015, 12:4421.12.2015, 15:42

Im Nachhinein ist man immer klüger. «Ich hätte nach der erfolgreichen WM 2014 in Brasilien zurücktreten sollen», sagte Sepp Blatter im Interview mit der «Weltwoche», die ihn zum «Schweizer des Jahres» gekürt hat. Stattdessen kandidierte der Walliser im Frühjahr für eine weitere Amtsperiode als FIFA-Präsident, angeblich weil ihn fünf von sechs Kontinentalverbänden – ausser der UEFA – «angefleht» hätten, wie er der russischen Agentur TASS erklärte.

Hätte Blatter rechtzeitig aufgehört, wäre ihm einiges erspart geblieben. Seinen Ruf hätte er kaum retten können, die Ermittlungen der Justiz liefen so oder so. Ein Abgang in Ehren aber wäre ihm sicher gewesen. Nun ist ihm nicht einmal das vergönnt. Die von der FIFA-Ethikkommission verhängte achtjährige Sperre bedeutet, dass er nicht an der Wahl seines Nachfolgers am 26. Februar teilnehmen und sich ein letztes Mal von der FIFA-«Familie» feiern lassen kann.

Blatters letzter Auftritt

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Blatters letzter Auftritt
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Bis zuletzt blieb Blatter stur und uneinsichtig. Die Überweisung von zwei Millionen Franken an UEFA-Präsident Michel Platini, die ihm zum Verhängnis wurde? «Die Zahlung wurde von allen zuständigen Stellen korrekt verbucht», sagte er der «Weltwoche». Während der achtstündigen Befragung durch die Ethikkommission am letzten Donnerstag versicherte er: «Ich habe in meinen 40 Jahren bei der FIFA weder gegen ethische noch juristische Regeln verstossen.» Und dem «SonntagsBlick» sagte er: «Ich hatte am Schluss das Gefühl, die Gerechtigkeit wird obsiegen.»

«Kein gewöhnlicher Funktionär»

Zweckoptimismus? Oder Realitätsverlust? Manches spricht für das Letztere. In den Monaten seit seinem Rücktritt hat sich Sepp Blatter an jeden erdenklichen Strohhalm geklammert, um dem Schicksal zu entfliehen. Die Ethikkommission könne ihn gar nicht suspendieren, weil er kein gewöhnlicher FIFA-Funktionär sei, sondern «der vom Kongress gewählte Präsident», sagte er Ende November in der «Rundschau». Juristen quittierten das Argument mit Kopfschütteln.

Den Gipfel der Absurdität erklomm der 79-Jährige in der «Weltwoche» mit der Behauptung, am FIFA-Kongress müsse «der alte Präsident abtreten, damit der neue antreten kann». Wenn er suspendiert sei, könne er nicht abtreten: «Das geht nicht.» In Sepp Blatters Augen ist der Weltfussballverband offenkundig führungslos. Dabei amtiert der bisherige Vize Issa Hayatou als Interimspräsident, und die Exekutive hat Anfang Dezember weitreichende Reformen beschlossen.

Fehlende Selbstkritik

Man kann über Blatter lachen, aber irgendwie hat sein Verhalten eine tragische Komponente. Was soll man sonst davon halten, wenn er im «SonntagsBlick» über die Medien herzieht mit der Behauptung: «Es ist plötzlich modern geworden, auf Sepp Blatter zu schlagen.» Wie bitte? Schon nach seiner Wahl zum FIFA-Präsidenten 1998 wurde er mit Kritik eingedeckt wegen den ominösen Briefumschlägen voller Geld, die angeblich in der Nacht zuvor an Delegierte verteilt worden waren.

Tschau Sepp – Blatters Karriere in Bildern

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Auch später liessen hartnäckige Journalisten vorab aus Deutschland und England nie locker. Die Schweizer Medien aber behandelten ihn lange pfleglich, vielleicht ein Grund, warum er sich heute über den «Liebesentzug» nervt. Selbstkritik war noch nie seine Stärke. Zu lange drückte er beide Augen zu vor den Machenschaften von Funktionären wie Jack Warner, Nicolas Leoz oder Mohammed Bin Hammam, die ihn im Gegenzug die Stimmen für seine Wiederwahl zuschanzten.

Niemand kann behaupten, Sepp Blatter wäre blauäugig gewesen. Der Untersuchungsbericht zum Konkurs des Zuger Sportvermarkters ISL 2001 hielt fest, dass der FIFA-Präsident von den Schmiergeldzahlungen an korrupte Exekutivmitglieder gewusst haben muss. Durchgegriffen hat er nicht, denn das hätte ihn wohl den Job gekostet. Dieses Risiko wollte Blatter nicht eingehen. Weil er nicht von der Macht lassen wollte? Oder weil er sich ein Leben ohne die geliebte FIFA nicht vorstellen konnte?

Selbstmitleid und Kampfgeist

Nun hat ihm diese FIFA einen Abgang in Unehren beschert. In seiner Medienkonferenz schwankte er zwischen Selbstmitleid und Kampfgeist. «Ich bedauere, dass ich zum Prügelknaben geworden bin», jammerte er und kündigte gleichzeitig an, beim Internationalen Sportgerichtshof Beschwerde gegen seine Sperre einzureichen. Auch vor einem Schweizer Gericht will er klagen.

Die fragwürdigsten Sprüche von Sepp Blatter

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Die fragwürdigsten Sprüche von Sepp Blatter
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Ein Eindruck bleibt haften: Blatter sucht die Schuld an seinem Fall bei allen – nur nicht bei sich selbst. Dabei dürfte die Zukunft noch einiges Ungemach bereit halten. Die in Zürich verhafteten Funktionäre stimmten zuletzt reihenweise einer freiwilligen Auslieferung an die USA zu. Dort werden sie aussagen, als Gegenleistung für Strafminderung. Das FBI ermittelt bereits gegen den gefallenen Präsidenten. Er wird in seinen letzten Jahre wohl im Wallis festsitzen.

Blatter kritisiert, teilt aus – und kämpft gegen die FIFA-Sperre: «Es ist ein Fehlentscheid. Ich werde dagegen ankämpfen»
Sepp Blatter ist nicht das Opfer – er hat aus der FIFA ein Monster gemacht
    FIFA
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Hart für einen, der so gerne mit den Mächtigen der Welt auf Augenhöhe parliert hat. Vielleicht lädt ihn Wladimir Putin zur WM 2018 in Russland ein. Letzte Woche hatte der russische Präsident Blatter für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Man denkt an eine bekannte Redensart: Wozu braucht man Feinde, wenn man solche Freunde hat. Darüber beklagen darf sich Sepp Blatter nicht. Er hat sein Schicksal letztlich selbst gewählt.

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