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Eine «bescheuerte» Neuerung im Weitsprung schlägt hohe Wellen

6 AUG 1992: MIKE POWELL OF THE UNITED STATES SAILS THROUGH THE AIR AS HE ATTEMPTS A JUMP DURING THE MENS LONG JUMP COMPETITION AT THE 1992 BARCELONA OLYMPICS. POWELL WON THE SILVER MEDAL WITH A JUMP O ...
Mike Powell, hier bei den Spielen in Barcelona, hält seit 1991 den Weltrekord im Weitsprung (8,95 m).Getty Images Europe

Eine «bescheuerte» Neuerung im Weitsprung schlägt hohe Wellen

World Athletics plant eine grosse Veränderung auf das Jahr 2026 hin. Viele Athleten sind empört und befürchten, dass ihre Sportart zum Schlechteren verändert wird.
24.02.2024, 15:31
Julien Caloz
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Um ein grösseres und jüngeres Publikum anzulocken, denken viele Sportarten über Änderungen des Formats und/oder der Regeln nach. Im Tennis wurde eine Stoppuhr eingeführt, um die Spieler beim Aufschlag weniger Zeit zu geben, und im Radsport stehen zweiwöchige (statt dreiwöchige) Grand Tours im Raum. Im letzten Jahr wurde zudem bekannt, dass junge Menschen nicht mehr die Geduld haben, 90 Minuten lang ein Spiel anzuschauen.

Jede Sportart hat ihre eigenen Ideen, um ihre Zuschauer zu halten und im Idealfall neue zu dazuzugewinnen, aber der Handlungsspielraum ist begrenzt: Puristen monieren, dass der Geist ihres Sports auf dem Altar des öffentlichen Interesses geopfert wird. Im Weitsprung scheint diese Woche eine Grenze überschritten worden zu sein.

Das ist zumindest die Meinung vieler Stars der Szene. Sie kritisieren die neueste Anpassung von World Athletics, die ihrem Sport mehr Dynamik zu verleihen soll.

Um zu verstehen, wie es zu diesem Interessenkonflikt zwischen Organisatoren und Athleten kam, muss man bis zu den Weltmeisterschaften in Budapest im letzten Jahr zurückgehen. Bei dieser Veranstaltung wurden 32,1 Prozent der 240 ausgeführten Sprünge für ungültig erklärt, weil der Athlet übertreten hatte.

Simon Ehammer of Switzerland competes for the men's long jump final during the IAAF World Athletics Championships, at the Hayward Field stadium, in Eugene, United States, Saturday, July 16, 2 ...
Am Ende der Anlaufbahn ist deutlich das Absprungbrett (in weiß) zu erkennen.Image: KEYSTONE

Der Weltverband der Leichtathleten ist der Meinung, dass zu viele Übertretungen dem Sport schaden, weil einige grossartige Sprünge einfach gestrichen wurden. Und nicht nur das: Der Weltrekord im Weitsprung der Männer ist 33 Jahre alt (Mike Powell mit 8,95 m), der der Frauen 36 Jahre (Galina Cistjakova mit 7,52 m). Daher die Frage, die La Repubblica in ihrer Donnerstagsausgabe stellte:

«Was soll man tun? Die Mittelmässigkeit der heutigen Athleten und die Überlegenheit der früheren offiziell zugeben oder das Format ändern?»
La Repubblica

Der Generaldirektor von World Athletics, Jon Ridgeon, hat sich für die zweite Option entschieden. Er denkt darüber nach, das Absprungbrett durch eine viel grössere «Absprungzone» zu ersetzen, innerhalb derer alle Sprünge gültig sind. «Wir werden von dem Punkt messen, an dem der Athlet abhebt, bis zu dem Punkt, an dem er im Sandkasten landet. Das wird dem Wettbewerb mehr Spannung verleihen», sagte er im Podcast «Anything But Footy».

In der obigen Grafik sieht man die Messung, wie sie bisher durchgeführt wird (oberes Bild) und wie sie in Zukunft durchgeführt werden könnte (die «Absprungzone» ist in Gitternetzlinien dargestellt). D ...
In der obigen Grafik sieht man die Messung, wie sie bisher durchgeführt wird (oberes Bild) und wie sie in Zukunft durchgeführt werden könnte (die «Absprungzone» ist in Gitternetzlinien dargestellt). Der Athlet kann seinen Fuss innerhalb dieses Bereichs überall aufsetzen, wobei der Sprung von seinem Absprungpunkt aus gemessen wird.

Ein weiterer Vorteil wäre, dass die Wartezeit für die Athleten und das Publikum erheblich verkürzt würde, was im Einklang mit der von World Athletics angestrebten Begrenzung der Leerlaufzeiten steht. «Wir suchen nach Möglichkeiten, sofortige Sprungergebnisse zu erhalten, ohne wie bisher 20 bis 30 Sekunden zu warten, bis das Ergebnis angezeigt wird», sagte Ridgeon.

Dem Generaldirektor ist bewusst, dass es schwierig wird, alle Parteien zu überzeugen. «Man kann keine Veränderungen in einem Sport vornehmen, der vor 150 Jahren erfunden wurde, ohne eine gewisse Polemik zu provozieren», räumte er ein.

«Diese Reform wird nicht vor 2026 in Wettkämpfen eingeführt. Wir wollen sie in den nächsten zwei Jahren testen».
Jon Ridgeon

Unmittelbar nach seinen Äusserungen reagierten viele ehemalige und aktuelle Weitspringer in den sozialen Netzwerken mit heftigen Reaktionen. Unter ihnen war auch der viermalige Olympiasieger und zweifache Weltmeister Carl Lewis. «Der Weitsprung ist der schwierigste Wettkampf in der Leichtathletik, und mit dieser Reform würde das heikelste technische Element verschwinden», betonte die amerikanische Legende (zitiert von Eurosport). Lewis ging noch weiter:

«Sollen wir den Basketballkorb vergrössern, weil viele Spieler ihre Freiwürfe verfehlen?»
Carl Lewis
Los Angeles, CA - 1984: Carl Lewis, Men's long jump competition, Memorial Coliseum, at the 1984 Summer Olympics, August 6, 1984. (Photo by Ken Regan /Disney General Entertainment Content via  ...
Lewis an den olypmpischen Spielen 1984.Image: Disney General Entertainment Con

Auch andere aktuelle Stars, wie der griechische Weltmeister und Olympiasieger Miltiadis Tentoglou oder die serbische Weltmeisterin Ivana Vuleta, äusserten Bedenken.

«Es ist nur ein Vorschlag und ich hoffe, dass er nicht umgesetzt wird», sagte Jules Pommery (Bronzemedaillengewinner bei den Europameisterschaften 2022) zur «L'Equipe». «Es ist eine völlig bescheuerte Idee und die vorgebrachten Argumente sind nicht stichhaltig. Niemand hat uns gefragt.»

«Beim Weitsprung geht es nicht nur darum, sich in den Sand zu werfen. Man hat Präzisionszwänge, ein Anlaufmanagement und Markierungen»
Jules Pommery zur «L'Equipe»

Der Franzose ist überzeugt: «Wenn die Reform durchkommt, wäre es nicht mehr dieselbe Disziplin».

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55 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Chanti10
24.02.2024 16:00registriert Juli 2023
Der menschliche Körper hat nun Mal Grenzen. Es kann nicht immer höher, weiter, schneller werden. Das muss man akzeptieren.
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Schoggistängel
24.02.2024 16:36registriert April 2021
Dafür gibt's zwischen dem Absprung und der Landung noch ein kurzes Powerbreak für die Werbung.
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Weiss
24.02.2024 16:47registriert November 2015
Eine völlig bescheuerte Idee.

Es ist ja heute schon so, dass man einen Absprungbereich hat: den Balken.
Niemand muss ans Limit gehen und einen Übertritt riskieren.
Mit der Reform wäre es halt einfach fast egal, wo ich abspringe. Kaum mehr Technik, nur noch Kraft und Schnelligkeit.

Das wäre etwa so, wie wenn beim Hochsprung einfach die Höhe des Sprungs gemessen würde und es egal wäre, ob die Latte fällt oder nicht.
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