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Bundesliga: Deshalb ist der Einfluss der Fans in Deutschland so gross

09.02.2024 - Fu
Mit Protesten wie diesem provozierten die Fans eine Abkehr der DFL vom geplanten Investoren-Einstieg.Bild: www.imago-images.de

So wurde die Bundesliga zur letzten Bastion gegen Investoren in den Topligen

Die Fan-Proteste gegen den Investoren-Deal versetzten den deutschen Fussball in den letzten Wochen in Aufruhr. Doch weshalb haben die Fussballfans in der Bundesliga im Vergleich zu anderen Top-Ligen einen so grossen Einfluss?
24.02.2024, 09:0024.02.2024, 16:43
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Unter den Topligen ist Deutschlands Bundesliga so etwas wie ein gallisches Dorf. Spielen die Spanier und Italiener ihren Supercupsieger in Saudi-Arabien aus, wird die französische Ligue 1 von einem vom katarischen Staat finanzierten Klub dominiert, und werden in England Geldgeber auch mal von hunderten als Scheichs verkleideten Fans begrüsst, wie in Newcastle nach der Übernahme durch den saudischen Staatsfonds geschehen, wehren sich die deutschen Fans weiterhin wacker gegen solche Investoren.

In den letzten Wochen protestierten Fussballliebhaber von Hamburg bis München und von Köln bis Dresden vehement gegen den Verkauf eines Teils der Vermarktungsrechte an ein Privatunternehmen. Der von der Deutschen Fussball-Liga (DFL) geplante Einstieg eines Investoren hätte den Klubs der 1. und 2. Bundesliga in den nächsten Jahren rund eine Milliarde Euro gebracht. Im Gegenzug hätte der Investor – zuletzt verhandelte die DFL nur noch mit dem luxemburgischen Private-Equity-Unternehmen CVC – bis zu acht Prozent der Einnahmen aus Fernseh- und Werbegeldern der nächsten 20 Jahre erhalten.

Nach den zahlreichen Spielunterbrüchen durch auf den Platz geworfene Tennisbälle oder Schokotaler sowie ferngesteuerte Autos und Flieger, die über das Spielfeld fuhren oder durchs Stadion flogen, knickten die DFL-Verantwortlichen jedoch ein und liessen den Investoren-Deal platzen. Die erfolgreichen Proteste zeigen eine ganz neue Macht-Dimension, welche die Fans in Deutschland haben. Doch woher kommt es, dass die Anhängerschaft der verschiedenen Vereine in Deutschland gerade im Vergleich zu den anderen Topligen einen solch grossen Einfluss hat?

In der Bundesliga muss der Verein das Sagen haben – nicht ein Investor

Anfangen muss man hier mit der «50+1»-Regel, welche ein Alleinstellungsmerkmal der Bundesliga ist. Diese 1998 eingeführte Regel besagt, dass die Stimmenmehrheit – also 50 Prozent plus eine Stimme – immer beim Verein liegen muss. Damit soll verhindert werden, dass Unternehmen oder Privatpersonen die vollständige Kontrolle über Klubs übernehmen können, wie dies in England, Italien und Frankreich bei immer mehr Klubs der Fall ist. Einzig in Spanien befinden sich Topklubs wie Real Madrid oder der FC Barcelona nach wie vor im Besitz der Mitglieder, den sogenannten «Socios». In Deutschland wurde die «50+1»-Regelung im letzten Sommer bestärkt, es sollen auch keine weiteren Ausnahmen hinzukommen.

01.09.2018, Fussball 1. Bundesliga 2018/2019, 2. Spieltag, VfB Stuttgart - FC Bayern M
Die «50+1»-Regel ist den deutschen Fussballfans wie hier in Stuttgart ein grosses Anliegen.Bild: imago sportfotodienst

Somit bleiben das vom Pharma-Unternehmen Bayer finanzierte Leverkusen, Volkswagen-Klub Wolfsburg und Hoffenheim, das SAP-Gründer Dietmar Hopp gehört, die einzigen Klubs, die mehrheitlich in der Hand eines Geldgebers sind. RasenBallsport Leipzig umgeht die Regel mit dem Trick, lediglich 21 stimmberechtigte Mitglieder zu haben, welche dem Energy-Drink-Hersteller Red Bull nahestehen und über die Geschicke im Verein entscheiden. Viele Fans sehen vor allem das Modell Leipzig, aber auch die anderen drei Klubs kritisch.

«In Deutschland blicken die Fans aufs grosse Ganze. Das ist im modernen Fussball nicht sehr oft der Fall.»
Sebastian Stafford-Bloor von The Athletic

Obwohl die «50+1»-Regel grösstenteils verhindert, dass die gesamte Macht bei einer Person oder einem Unternehmen liegt, ist die Mitsprache für die Fans dadurch nicht garantiert. Dies zeigte auch die Abstimmung über den Investoren-Deal, dem 24 der 36 Vereine zustimmten, obwohl der Rückhalt beim Anhang eher gering war, wie sich später zeigte. Ein wichtiger Grund für den Erfolg der Proteste ist daher auch die Präsenz der organisierten Fanszenen und der Ultras in den Stadien.

Hätten die deutschen Fans die DFL durch die ständigen Spielunterbrüche nicht vor ein grosses Problem gestellt, hätten sie ihr Ziel wohl kaum erreicht. Dass sie sich so konsequent gegen etwas eingesetzt haben, was in ihren Augen dem Wohl des Fussballs geschadet hätte, unterscheidet sie ebenfalls von den Fans aus beispielsweise England. So sagt Sebastian Stafford-Bloor, der für «The Athletic» über die Bundesliga berichtet, zu N-TV: «In Deutschland schauen die Fans über das Geschehen in einem bestimmten Spiel hinweg und blicken auf das grosse Ganze. Das ist im modernen Fussball nicht sehr oft der Fall.»

In England steht der sportliche Erfolg über allem

Dem stimmt auch Richard Jolly von «The Independent» im Gespräch mit dem deutschen Nachrichtensender zu. Die deutsche Fankultur würde nicht nur Vereinsinteressen abbilden, während es in England bei Protesten meist um den eigenen Klub ginge. So zum Beispiel, wenn die Fans von Manchester United gegen die Besitzer-Familie Glazer schiessen. «Der einzige koordinierte Protest war damals gegen die Super League», sagt Jolly.

«Es liegt ein grosser Unterschied zwischen dem, was englische und deutsche Fans als existenzielle Bedrohung empfinden.»
Andy Brassell vom Guardian

In jenem Fall ging es für die englischen Fans aber auch um das Wohl ihrer Liga, für das sie sich einsetzten. Dies war nun auch der Antrieb für die Tennisball-Werferinnen und Lenker der ferngesteuerten Autos. Nur liegt eben ein «grosser Unterschied zwischen dem, was englische und deutsche Fans als existenzielle Bedrohung empfinden», meint Andy Brassell vom Guardian und fügt an: «Der englische Fan ist da bei den Investoren nicht annähernd so anspruchsvoll.»

Für Stafford-Bloor ist der Grund klar: «Die Premier League ist ein Produkt, die Fans sind Konsument. Die Kultur wurde bereits verkauft. Es gibt da nichts mehr, worüber man sich wirklich aufregen könnte.» In England begann die Kommerzialisierung deutlich früher, seit der Übernahme des FC Chelsea durch den Russen Roman Abramowitsch im Jahr 2003 stieg der Einfluss ausländischer Investoren immer weiter. Spätestens mit den Bildern vom Oktober 2021 aus Newcastle wurde klar: In England steht der sportliche Erfolg über allem. Natürlich gab es auch Gegenstimmen, doch wurden die in der grossen Masse ertränkt.

epa09528683 Fans of Newcastle outside the stadium before the English Premier League match between Newcastle United and Tottenham Hotspur, Britain, 17 October 2021. EPA/PETER POWELL
So wurden die saudischen Käufer in Newcastle begrüsst.Bild: keystone

Dies kann ebenso gut auf die französischen, italienischen und spanischen Fans übertragen werden. Zwar gefällt es auch Italienerinnen und Spaniern nicht, dass der Supercup in Saudi-Arabien stattfindet, doch wehren sich die wenigsten gegen Investoren. Die spanische und die französische Liga haben bereits Vermarktungsdeals mit dem Unternehmen CVC, das nun auch in Deutschland einsteigen wollte. Die Serie A ist weiterhin offen für einen solchen, obwohl die Vereine CVC 2021 eine Absage erteilten.

Die Proteste beeindruckten auch im Ausland

Eine ähnliche Protestwelle wie in Deutschland gab es nirgendwo. Das beeindruckt auch im Ausland, wie beispielsweise «Guardian»-Korrespondent Brassell erzählt: «Das Ausmass und der immense Einfallsreichtum wie die Schlösser an den Torpfosten in Hamburg, das ist bemerkenswert.»

Heute unterscheidet sich das Publikum in der Premier League fast diametral von jenem in der Bundesliga. Das liegt einerseits an den deutlich höheren Ticketpreisen, und andererseits daran, dass die englischen Behörden in den 1990er-Jahren rigid gegen die damals in den Stadien vorherrschenden Hooligans vorgegangen sind. Anders als in Deutschland oder auch in Frankreich hat sich die aus Italien stammende Ultra-Kultur nie so richtig entwickelt.

09.02.2024, Fussball 2. Bundesliga 2023/2024, 21. Spieltag, Hamburger SV - Hannover 96 , im Volksparkstadion Hamburg. Fanprotest gegen die Investorenpl
In Hamburg musste ein Vorhängeschloss vom Torpfosten entfernt werden – die benötigte Kombination wäre 50 01 gewesen.Bild: www.imago-images.de

Und während sich der Fussball in England immer weiter kommerzialisiert und dadurch von der Basis entfernt, fürchten sich die Deutschen vor einer ähnlichen Entwicklung. In der Bundesliga sollen die zahlenden Konsumenten vor den Bildschirmen aufgrund der immensen Fernsehgelder nicht wichtiger werden als die Fans in den Stadien. Deshalb werden die Fans der 1. und 2. Bundesliga weiterhin vehement für die ihnen wichtigen Werte des Fussballs kämpfen. Gerade, wenn es um weitere Kommerzialisierung geht.

«Wenn es im deutschen Fussball eins zur Genüge gibt, dann ist es Geld. Es ist bloss absolut ungleich und unfair verteilt.»
Thomas Kessen, Sprecher der Organisation «Unsere Kurve»

Denn wie Thomas Kessen, Sprecher der Fan-Organisation «Unsere Kurve», sagt: «Wenn es im deutschen Fussball eins zur Genüge gibt, dann ist es Geld. Es ist bloss absolut ungleich und unfair verteilt.» Das Ziel der Fans ist ein fairer und ausgeglichener Wettbewerb.

Dass der Investoren-Deal dabei geholfen hätte, scheint unwahrscheinlich. Denn sowohl in Frankreich als auch in Spanien herrscht aufgrund der Vereinbarungen mit CVC Unzufriedenheit. So haben die Fans den Verantwortlichen der DFL möglicherweise sogar grosses Leid erspart – was diese derzeit jedoch mit Sicherheit anders sehen.

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5 Kommentare
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Paedu87
24.02.2024 12:04registriert Juni 2017
Ein schöner Sieg in einem Krieg der leider für einen Grossteil der europäischen Liegen bereits verloren ist...
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