Dieser Viertelfinal war für Josh Allen auch ein Blick in seine eigene Vergangenheit. Der 28-jährige Quarterback führte seine Buffalo Bills zum 27:25-Sieg über die Baltimore Ravens und hatte dabei Glück, dass sein Gegenüber Lamar Jackson in der Startphase zwei folgenschwere Fehler beging. Zweimal verlor er den Ball an die gegnerische Defensive. In einem solch engen Playoffspiel sind die Konsequenzen noch einmal grösser. Am Ende musste Jackson den Bills um Allen gratulieren – so wie auch dieser in den letzten Jahren immer wieder den Gegnern gratulieren musste.
Postgame mic'd up between Josh Allen and Lamar Jackson 🤝
— NFL (@NFL) January 22, 2025
Greatness respects greatness. #HardKnocks pic.twitter.com/I6Hru2vVYp
Dies auch deshalb, weil Allen zu fahrlässigen Spielzügen neigte und oftmals leichtsinnige Fehler beging. Erst letztes Jahr musste er seine Titelhoffnungen nach einem schwachen Auftritt im Viertelfinal gegen die Kansas City Chiefs begraben. Es war das dritte Mal im dritten Playoff-Duell, dass Allen im Vergleich mit Superstar Patrick Mahomes den Kürzeren zog. In der Nacht auf Montag (0.30 Uhr) kommt es im Halbfinal der NFL nun zu einem Wiedersehen.
Seit dem letzten Aufeinandertreffen ist Allen erneut gereift. Viel seltener versucht er mittlerweile, durch beinahe unmögliche Spielzüge einen Vorteil für sein Team zu kreieren. Dadurch ist er auch deutlich weniger fehleranfällig. Deshalb sehen wir in dieser Saison den besten Josh Allen der Geschichte. Noch nie warf er so wenige Interceptions (6), in fünf seiner bisher sieben Saisons war die Zahl zweistellig. Dem gegenüber stehen 28 Touchdown-Pässe sowie 13 selbst erzielte Touchdowns. In gut anderthalb Wochen dürfte er den MVP-Award für den wertvollsten Spieler der Regular Season erhalten.
Darüber wäre die Freude nicht nur beim Quarterback selbst, sondern auch bei den Fans der Buffalo Bills riesig. Sie lieben ihren Josh nämlich. In einem Podcast versucht «The Ringer», der Faszination von Josh Allen in Buffalo auf den Grund zu gehen. Da erzählen Frauen im Park, dass sie den Quarterback ihrem Partner jederzeit vorziehen würden. Und die Freunde, Verlobten und Ehemänner stehen daneben und sagen, dass sie ebenso handeln würden. Man merkt, dass die Beziehung der Stadt Buffalo zu ihrem Quarterback nicht gewöhnlich ist.
Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass Buffalo seit 1965 auf einen Titel in einer der vier grossen US-Sport-Ligen wartet. Als die Bills damals zum zweiten Mal in Serie Meister wurden, gab es noch zwei Football-Ligen – den Super Bowl haben sie noch nie gewonnen. Auch die Sabres waren seit ihrer Gründung im Jahr 1970 noch nie Champion der NHL.
Wohl auch deshalb ist das Selbstbewusstsein der 275’000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat New York nicht das grösste. Der frühere Bills-GM Buddy Nix sagte vor einigen Jahren gar, dass Buffalo einen «Minderwertigkeitskomplex» habe. Gegenüber «The Ringer» offenbarten einige Fans, sie hätten die Hoffnung, dass ihren Teams mal etwas Positives passieren würde, längst aufgegeben. Und dann kam eben Josh Allen.
2018 wurde das Talent an siebter Stelle von den Bills ausgewählt. Aufgrund seiner am College eher schwachen Genauigkeit bei Würfen gab es viele kritische Stimmen an dieser Wahl. In Allens Rookie-Saison waren diese Schwächen offensichtlich – lediglich knapp 53 Prozent der Pässe kamen beim Mitspieler an. Doch die Verantwortlichen zeigten sich optimistisch, dass diese Probleme beseitigt werden können.
Und dass Allen ein besonderer Spieler mit einer wahnsinnigen Energie ist, war schon da klar. In seinem zweiten Auftritt als Stamm-Quarterback sprang er einfach über einen Verteidiger drüber und führte den krassen Aussenseiter zum 27:6-Sieg über Minnesota. Auch sonst scheute er nie vor einer körperlichen Konfrontation mit den Gegenspielern zurück und spielte sich so in die Herzen der Bills-Fans.
This just in: Josh Allen has ups!#BUFvsMIN #GoBills pic.twitter.com/xv6cxtKu2h
— Buffalo Bills (@BuffaloBills) September 23, 2018
Zumal er sich schnell verbesserte. Seine Passquote stieg von 58,8 Prozent in der zweiten auf 69,2 Prozent in seiner dritten Profisaison. Auch dank seinem neuen Star-Receiver Stefon Diggs warf er 37 Touchdown-Pässe und wurde am Ende Zweiter bei der MVP-Wahl.
Nachdem sich die Beziehung zwischen Quarterback und Receiver immer weiter verschlechtert hatte, schickte Buffalo Diggs im letzten Sommer dann nach Houston. Dies wirkte befreiend auf Allen, der nun keine Pässe mehr zu einem Spieler erzwingen musste, um diesen bei Laune zu halten. Nun kann er einfach tun, was er für am besten hält. Auch deshalb spielt er in dieser Saison so gut wie nie.
In Buffalo dient Allen als perfekte Identifikationsfigur. Dort gibt es kein «Glitzer und Glamour», Stars verirren sich nur selten in die Stadt an der Grenze zu Kanada mit den schneereichen Wintern, in denen das Thermometer gerne auch mal zweistellige Minusgrade anzeigt. Deshalb passt Allen so gut hierhin. Nicht nur, weil der 108 Kilogramm schwere 1,96-Meter-Mann, der einen der stärksten Wurfarme der NFL hat, gut mit der Kälte umgehen kann. Sondern weil er eben das pure Gegenteil eines glamourösen Superstars ist.
Allen ist auf einer Farm im kalifornischen Niemandsland – einem kleinen Dorf namens Firebaugh – aufgewachsen. Baumwolle, Weizen, Melonen und seit letztem Jahr auch Pistazien bauen er und seine Familie dort an. Während der Highschool wurde er für seine landwirtschaftliche Arbeit gar mehrmals ausgezeichnet. Weil er die Schule in seinem Heimatort besuchte, war er danach nicht auf dem Radar der grossen Colleges. Nur über eine kleinere Schule, die als Vorstufe zu den richtigen Colleges gilt, kam er dann nach Wyoming – auch das keine der Universitäten, die für ihr Football-Programm berühmt sind. Und doch vermochte er die NFL-Scouts von seinem Potenzial zu überzeugen.
All das trägt zur Faszination für seine Person bei. Josh Allen wurde nichts geschenkt, die Fans der Buffalo Bills sehen ihn als einen von ihnen. Obwohl Allen mit Schauspielerin Hailee Steinfeld verlobt ist, ist er abseits vom Football-Feld kaum in der Öffentlichkeit präsent. Auch das kommt in Buffalo gut an – gerade im Vergleich zu Travis Kelce von den Kansas City Chiefs, dessen Beziehung zu Sängerin Taylor Swift zeitweise gar die NFL-Berichterstattung dominierte.
Am Sonntagabend wird Allen im Arrowhead Stadium von Kansas City auch Kelce begegnen. Im vierten Anlauf will Josh Allen diese verflixten Chiefs, die er in der Regular Season nun viermal nacheinander bezwungen hat, endlich auch in den Playoffs besiegen. Die Unterstützung vieler Fans, die nach zwei Jahren Kansas City lieber einen anderen Champion hätten, ist ihm dabei sicher. Auch Ravens-Star Marlon Humphrey schrieb nach der Niederlage gegen Buffalo: «Die Bills müssen die Chiefs schlagen. Wir können nicht zulassen, dass sie weiterhin damit durchkommen.» Und die Chancen stehen wohl so gut wie nie.
Dank des bodenständigen Bauernjungen dürfen nun gar die von vielen Enttäuschungen geplagten Buffalonians endlich einmal hoffen. Sollte Josh Allen sein Team gegen den Titelverteidiger tatsächlich zum Sieg führen, wartet im Super Bowl dann entweder Philadelphia oder Washington. Die Bills würden wohl in beiden Fällen als Favorit gelten.
Und wenn Allen in etwas mehr als zwei Wochen in New Orleans tatsächlich die Vince-Lombardi-Trophy in den Händen hält, dürfte ihn die «Bills Mafia», wie sich die Fans nennen, an ein Versprechen erinnern. Im Falle eines Triumphs im Super Bowl wolle er durch mehrere brennende Tische springen, sagte er vor einigen Jahren. Damit wäre er endgültig einer von ihnen.