So könnte der Gold-Plan von Nadine Fähndrich im Olympia-Sprint aufgehen
«Mir wäre am liebsten, es wäre schon Mittwoch.» Als Nadine Fähndrich diesen Satz vor ein paar Tagen in der Lobby des Teamhotels in Predazzo sagt, stutzt man kurz. Ihr grosser Tag ist doch der Dienstag, wenn im klassischen Sprint um Olympiamedaillen gelaufen wird.
Doch die Eigenthalerin meint es genau so. So sehr sie sich auf ihren Auftritt freut und die Aufregung mag, so sehr sehnt sie den Moment danach herbei – den Mittwoch, wenn für kurze Zeit ein wenig Ruhe einkehrt. Die Tage vor dem Rennen, diese Mischung aus Vorfreude, Anspannung und Nervosität, nennt Fähndrich eine «Hassliebe». Ein Gefühl, mit dem sie in den vergangenen Jahren umzugehen gelernt hat. In einer Sportart, in der Stürze und Positionskämpfe dazugehören, ist mentale Robustheit Voraussetzung.
Qualifikation (09.15), Viertelfinals (11.45 ), Halbfinals (12.45), Final (13.13 Uhr). Schweizerinnen: Nadine Fähndrich, Lea Fischer, Alina Meier, Anja Weber.
Männer, Sprint (klassische Technik)
Qualifikation (09.55), Viertelfinals (12.15), Halbfinals (12.57) und Final (13.25 Uhr). Schweizer: Valerio Grond, Noe Näff, Janik Riebli.
Vielleicht hilft ja zusätzlich, dass Skispringer Gregor Deschwanden gestern den Medaillenreigen für die Schweizer Ski-Nordisch-Abteilung eröffnet hat. Umso mehr, als er demselben Skiklub angehört wie Nadine Fähndrich – dem SC Horw.
Der Zeitpunkt ist gut für eine Olympiamedaille
Fähndrich gehört im Klassischsprint zu den Favoritinnen. Alleine im vergangenen Monat stand sie in dieser Disziplin zweimal auf dem Podest. Die grösste Konkurrenz ist aus dem schwedischen Team um Johanna Hagström zu erwarten. Doch Fähndrich zählt insgesamt sechs, sieben Medaillenkandidatinnen auf. «Das Rennen ist extrem offen, wie zuletzt die Sprintwettkämpfe im Weltcup», sagt sie. Aber sie habe ihre Chance, und diese wolle sie packen; dies im Wissen, dass sie mit ihren 30 Jahren wohl in der Blüte ihrer Karriere steht. An der WM vor einem Jahr gewann sie in Trondheim zweimal Bronze – im Skating-Einzelsprint wie auch im Teamsprint zusammen mit Anja Weber.
Allen Unwägbarkeiten des Langlaufsprints zum Trotz: Fähndrich malt sich bereits jetzt den perfekten Tag aus. Sie will möglichst vorne weglaufen in ihren Heats, um Risiken zu vermeiden. Und sie will möglichst jenen Läuferinnen aus dem Weg gehen, die für Unvorhergesehenes und Stürze bekannt seien, Fähndrich zählt unter anderen die Finnin Jasmi Joensuu dazu.
Und sollte es für den Finaleinzug reichen, sieht sich Fähndrich bereits jetzt, wie sie im Schlussanstieg den Rücken von Hagström sucht. «Ich werde sie etwas ziehen lassen müssen, komme dann ganz oben, wo es flacher wird, wieder heran.» Dass sie die Schwedin dann auf der Zielgeraden besiegen kann, erwähnt sie nicht explizit – sie hat es aber bewiesen. Vor einem Monat, als sie die Schwedin auf dieser Strecke übersprintete, aber nicht mehr an der Finnin Jasmi Joensuu vorbeikam.
Fähndrich macht ihre detaillierten Renn-Visualisierungen am Medientreffen mit einem Lächeln. Natürlich: Planbar sei so ein Wettkampf kaum. «Ich kann auch mit anderen Rennverläufen umgehen.»
Vor vier Jahren in Peking ging Fähndrichs Plan nicht auf. Im Skatingsprint erreichte sie zwar den Final, war dort aber chancenlos und wurde Fünfte. Ein bitterer Moment, Tränen inklusive – auch weil sie sich technisch und taktisch nichts vorwerfen konnte. Die Enttäuschung wog umso schwerer, als Skating damals ihre klare Paradedisziplin war und Olympiasprints zwischen klassischer und freier Technik wechseln. Heute ist dieser Makel Geschichte. Die Luzernerin ist auch klassisch konkurrenzfähig.
Valerio Grond mit Trainingsrückstand
Fähndrich verbrachte die Vorbereitungstage im Goms und zu Hause im luzernischen Knutwil, während sich die Teamkolleginnen in Seefeld auf die Winterspiele vorbereiteten. Diesen «Extrazug» mit Trainer Ivan Hudac fährt sie zusammen mit Bruder Cyril seit über einem Jahr unverändert, und dieser Plan ist bislang aus ihrer Warte gut aufgegangen.
Nebst Fähndrich wird auch Anja Weber auf ihre Chance lauern, die zuletzt in Tesero ebenfalls in den Final lief. Zudem gehen Lea Fischer und Alina Meier an den Start. Bei den Männern ruhen die Hoffnungen auf Valerio Grond, Janik Riebli und Noe Näff. Wobei der Davoser Grond zuletzt mit einem viralen Infekt zu kämpfen hatte. Er wittert dennoch eine Chance. «Ich finde meist schnell zurück zu meiner Form.»
Sicher ist: Fähndrich, Grond und Co. werden mit viel Unterstützung aus der nahen Schweiz rechnen können. Der eine oder andere Fanclub hat sich bereits am Vortag im Tal bemerkbar gemacht. (aargauerzeitung.ch)
