«Wie im Gefängnis!», beklagen sich die Einheimischen: Wie sich Olympia in Italien anfühlt
Die dezentralen Winterspiele von Mailand und Cortina sind über Hügel und Täler Norditaliens verstreut. Was als nachhaltiges Konzept gedacht ist, verändert die Dynamik: Es gibt nicht den einen Olympia-Ort, sondern viele kleine Schauplätze – mit ganz unterschiedlichen Stimmungen. Eine Reportage.
Cortina: «Ich mag diesen italienischen Style nicht»
Eine Plakette auf dem Dorfplatz verrät uns, dass schon Ernest Hemingway «die Königin der Dolomiten» liebte und «einige der glücklichsten Momente seines Lebens» in Cortina verbrachte. Verehrt wird in diesen Tagen eine andere Königin: Federica Brignone, die sich auf der Olimpia delle Tofane zur Doppel-Olympiasiegerin machte. Am Montagmorgen begegnen wir zufällig dieser Brignone im Dorf. Die Italienerin kann kaum fünf Meter zurücklegen, ohne für Selfies angehalten zu werden. Eine Gruppe junger Männer applaudiert spontan: «Grande, Fede!»
Cortina, dieser Nobelort mit seinen 5000 Einwohnenden, ist in diesen Tagen zum Schmelztiegel geworden. Der olympische Geist weht durch die Gassen. Skipiste, Bobbahn und Curling-Zentrum sind nicht weit voneinander entfernt. Beim Einlass zur Curling-Halle muss eine Frau ihren Rucksack leeren. Sieben Flaggen kommen zum Vorschein, siebenmal Grossbritannien. An der Bushaltestelle versucht ein Asiate, einen Volunteer zu überreden, den jamaikanischen Olympia-Pin zu tauschen. Er bleibt chancenlos.
Weniger beseelt von Olympia ist Anastasia, eine Italienerin kurz vor 40. Sie betreibt in der Fussgängerzone einen Kiosk, unmittelbar neben der Kirche, wo auch das Olympische Feuer brennt. Sie sagt: «Ich bin nicht zufrieden mit der jetzigen Situation.» Der Alltag sei durch die Winterspiele mühsam geworden. «Normalerweise brauche ich vier Minuten, um mit dem Auto nach Hause zu fahren. Gestern hatte ich 45 Minuten. Ich konnte nicht mal meine Einkäufe machen, es ist ein Stress.»
Das Verkehrsproblem ist augenfällig. Autokolonnen bilden sich praktisch zu jeder Tageszeit. Anastasia findet, man habe die Planung verschlafen. «Man begann erst vor einem Jahr, sich richtig vorzubereiten. Das ist eine Schande. Ihr mögt das vielleicht charmant finden. Aber ich mag diesen italienischen Style nicht.»
Die Deutschen fühlen sich hingegen wohl. Christoph, 49, ein Mann aus der Nähe Nürnbergs, ist mit seinen Kollegen angereist. Die Gruppe fokussiert sich auf Curling, fuhr aber auch zum Biathlon nach Antholz und zum Ski nach Bormio. «Hier in Cortina ist das Olympia-Gefühl am besten», sagt er. Schade sei nur, dass es keine Medal Plaza auf dem Dorfplatz gebe. «Das fehlt ganz klar.»
Bormio: Noch weniger Feeling als in Peking
Marco Odermatt spürt es schon kurz nach seiner Ankunft in Bormio. So richtig olympisch wird es hier nicht. «Das fühlt sich sogar noch weniger olympisch an als an den Coronaspielen in Peking», sagt der 28-Jährige.
Das hat viel mit dem dezentralen Konzept dieser Spiele zu tun. In Bormio finden einzig die Skirennen der Männer statt. Und zum Abschluss – wenn die Skifahrer bereits wieder weg sind – die Wettkämpfe im Skibergsteigen.
So bleiben die Skifahrer unter sich. Es fühlt sich vieles an wie im Weltcup. Selbst in der Altstadt begegnet man bekannten Gesichtern. Dabei haben sich die Gastgeber durchaus Mühe gegeben. Vor den meisten Geschäften stehen kleine Holzski mit den olympischen Ringen daran. Den Umsatz steigert das aber nicht automatisch. Der Hotdog für fast zehn Euro wird zum Ladenhüter. Aber immerhin sind die Pizzapreise vielerorts normal.
Auch zwei Festzonen wurden eingerichtet. Trotzdem schallen Schweizer Hits durch die Gassen. Das liegt an der Bar Bormio, einem kleinen Ableger des House of Switzerland mitten in der Altstadt. Polo Hofer statt Zucchero – die Schweizer Fans haben in Bormio aber auch allen Grund zum Feiern.
Franjo von Allmen und Co. haben mit ihren Auftritten verzückt. Dumm nur, dass einige Skifans die Fahrten ihrer Lieblinge gar nicht richtig sehen können, weil die Sicht von gewissen Stehplätzen eingeschränkt ist. Im Riesenslalom fällt dann die Zeitanzeige aus – Rätselraten mit Odermatt.
Mit den technischen Disziplinen kommt immerhin etwas mehr Leben ins Dorf. Im Riesenslalom und Slalom starten auch die sogenannten Ski-Exoten. Plötzlich sieht man Menschen in Jacken aus Jamaika und Mexiko. Ein Hauch von Olympia liegt in der Luft. Und als dann ein Teil der Stadt in eine Langlaufloipe verwandelt wird, entsteht sogar ein Multisport-Gefühl.
Dumm nur, dass der Event gar nichts mit Olympia zu tun hat. Jährlich messen sich die verschiedenen Dorfteile von Bormio im «Palio delle Contrade» im Langlauf und Riesenslalom. Doch dieses Mal fällt der Riesenslalom aus, weil die Skipiste Stelvio für Olympia reserviert ist.
Val di Fiemme: «Wie eine WM, nur komplizierter»
In den Dörfern am Südhang des Val di Fiemme ist der Frühling da. Und auch unten am Avisio, der das Tal auf der Schattenseite durchfliesst, schmilzt der Schnee. Tapfer hält sich die Loipe des Volkslaufs Marcialonga, wo Hobbyläufer auf Olympiaathletinnen treffen.
Im Tal werden die Nordischen Disziplinen ausgetragen. Gerade Langlauf ist hier Alltag. Langläufer aus Holz schmücken die Strassenkreisel. An Türen kleben Sticker vergangener Weltmeisterschaften. Und Strassen in Tesero sind nach Fleimstaler Langläufern benannt (via Zorzi!).
Und doch schüttelt Claudio Caio den Kopf. Vor dem Gemeindehaus sagt der pensionierte Förster aus Tesero, dass Olympia nicht hierher passe. Er half mit, als hier 1991 die erste von drei Nordisch-WM ausgetragen wurde. «Die Freude war grösser», sagt der 67-Jährige und wedelt mit einer olympischen Parkkarte. «Olympia ist wie eine WM, nur komplizierter.» Wer im Gebiet der olympischen Loipen unten am Lago di Tesero wohnt, teilt diese Sicht. Sicherheitskontrollen sind rigoros. «Wie im Gefängnis!», heisst es in der Lokalzeitung «l’Adige».
Alles nicht so schlimm, findet Marco de Florian, Besitzer der Buchhandlung. Er spürt eine entspannte olympische Freude im Dorf. «Klar, an der WM half auch der Musikverein mit, dies ist nun undenkbar», sagt der 48-Jährige. Aber das Tal profitiere. Strassen wurden saniert. Bilder aus Tesero gehen um die Welt. Und das Publikum sei internationaler als sonst, auch wenn die Skandinavier – natürlich – dominieren.
Die Skispringer und Langläufer bleiben im Tal unter sich, das klassische Olympia-Gefühl mit einem zentralen Athletendorf fehlt. Das scheint aber niemanden zu stören. Einen Hauch von olympischer Verbundenheit sollen die Grossbildschirme auf die Plätze von Tesero und Predazzo bringen, wo Ski alpin oder Curling läuft. Vergeblich.
Am Abend haben sich die meisten Fans längst in die Hotels der Dörfer und Seitentäler verzogen, sodass immer ein Platz frei ist in einem Restaurant im Tal. Wenn man sich zu anderen gesellt, ist das Thema gesetzt: Langlauf. Kläbo. Andersson. Und – man erhält aufmunternde skandinavische Schulterklopfer – Nadja Kälin.
Mailand: Wo geht's hier zum Hockey?
Der alte Philosoph Nietzsche, der Norditalien gut kannte, hätte es auf den Punkt gebracht: «Mann, gehst du in Mailand zu Olympia, vergiss den Kompass nicht.» Das olympische Grundrauschen, wie es zuletzt in Paris im Alltag spürbar war, das olympische Fieber oder den olympischen Geist – all das gibt es in Mailand nicht.
Die olympische Spur, wie sie etwa in Paris auf die Strassen gemalt worden ist und nur von offiziellen Olympiafahrzeugen benutzt werden durfte – die dann selbst bei grössten Verkehrsaufkommen praktisch freie Fahrt hatten – auch nicht. Die beiden Hockeystadien stehen sowieso draussen vor der Stadt.
Im Grossraum Mailand leben fast so viele Menschen wie in der Schweiz. Es gibt genug Fans, die aus dem Ausland anreisen oder Neugierige, die einmal dieses seltsame Spiel auf rutschigem Eis sehen wollen, um zwei Stadien trotzdem zu füllen. In der Stadt gibt es zwei, drei Shops und bunte Plätze mit Olympia-Jahrmarktsbuden, die auf Passanten wirken wie ein wunderlicher Chilbiplatz. Um sie zu finden, braucht es nur deshalb keinen Kompass, weil es Smartphones gibt.
Ja natürlich wissen die Menschen, dass irgendwo Olympische Spiele stattfinden und Italienerinnen und Italiener Heldentaten vollbringen. Aber doch nicht hier, sondern weit weg in den Bergen. Oder?
Wie exotisch Hockey hier ist, mag eine kleine Begebenheit veranschaulichen: Der kleinere Hockey-Tempel ist kein Hockeystadion. Sondern eine provisorische Eisbahn, eingebaut in eine der riesigen Hallen des Messegeländes, mit zwei Millionen Quadratmetern Fläche eines der grössten der Welt. Daneben eine provisorische Arena für Eisschnelllauf, die gleich wieder abgerissen wird. Vom Eingang des Messegeländes bis zur Hockeyhalle sind es gut 20 Minuten Fussmarsch.
Auf die Frage beim ersten Besuch, wo es hier zum Hockey gehe, fragt eine erstaunte freundliche Helferin: «Hockey? Sie meinen wohl Eisschnelllauf». Nach sturem Beharren auf Hockey fragt sie einen Kollegen in den bunten Helferkleidern. Der weiss Bescheid und kann die Himmelsrichtung anzeigen. Ein Kompass ist nicht erforderlich.
