Ein Blick weit zurück zeigt uns, welch schicksalsschwerer Tag der letzte Sonntag im Bernbiet war. Am 22. August 2010 wird der Kanton Bern an einem heissen Sommertag endlich wieder eine Monarchie. Kilian Wenger besteigt im Rahmen des Eidgenössischen Schwingfestes in Frauenfeld den Thron. Von diesem Tag an haben die Bernerinnen und Berner nach den Rücktritten von Adrian Käser (1999) und Silvio Rüfenacht (2004) endlich, endlich wieder einen König
Es gibt im Schwingen keine Ex-Könige oder ehemalige Könige. Wer König ist, bleibt König und wird als König respektiert. Deshalb hat der «Betriebsunfall» von Pratteln (der Innerschweizer Joel Wicki wird nach einem Sieg über den Emmentaler Matthias Aeschbacher König) die Berner Sägemehlkultur nicht erschüttert. Mit Kilian Wenger hatten sie ja weiterhin einen König, zu dem alle aufschauen konnten.
Aber am letzten Sonntag hat sich Kilian Wenger (34) beim Berner Kantonalen in Burgdorf in der Mittagspause vom Publikum verabschiedet. Die Monarchie im Bernbiet ist also nach 14 Jahren mit vier Königen (Kilian Wenger, Matthias Sempach, Matthias Glarner, Christian Stucki) wieder abgeschafft worden. Alle vier sind nicht mehr aktiv.
Bis weit in den Nachmittag hinein scheint es, dass die Monarchie so schnell nicht wieder erneuert werden kann. Denn welcher der «bösen» Berner (im Schwingen sind die «Bösen» die Guten) ist dazu in der Lage, den Thron zurückzuerobern? Fabian Staudenmann (24)? Aber der beste, charismatischste Berner hat beim letzten ganz grossen Hosenlupf, beim Unspunnen-Fest in Interlaken vor einem Jahr gegen den zwei Jahre jüngeren Samuel Giger so wuchtig verloren, dass ihm nur 8,50 Punkte notiert worden sind. Dieser Samuel Giger ist ein Titan, der selbst für den «bösesten» Berner unbesiegbar scheint. Wie soll Fabian Staudenmann der nächste König werden, wenn er Samuel Giger nicht zu bodigen vermag?
Nun wissen wir, warum der letzte Sonntag ein so schicksalsschwerer Tag für die Berner war. Im vielleicht besten Schlussgang in der Geschichte des Berner Kantonalen (seit 1901) gelingt es Fabian Staudenmann den Giganten Samuel Giger zu bodigen. Er täuscht einen Übersprung an und erwischt seinen Gegner mit einem explosiven Kurzzug und anschliessendem Fussstich. Im Ansatz, in der Ausführung und in der Vollendung in Zwilchhosen verpackte Präzision. Weltklasse. Im 7. Aufeinandertreffen vermag er Giger endlich zum ersten Mal zu bodigen. Fast ein Jahr genau nach der Niederlage im Anschwingen des Unspunnen-Schwingets, die ihn so sehr belastet hatte.
Dass Fabian Staudenmann dazu in der Lage ist, an einem der heissesten Tage des Jahres in den letzten zwei Sekunden eines auf zwölf Minuten angesetzten Kampfes noch so explosiv zu ziehen, mag die athletische Verfassung und Kondition der grossen Berner Hoffnung zeigen. Dabei hatte er befürchtet, gar nicht antreten zu können. Er litt an einem Magen-Darm-Infekt, «Ich fragte mich noch am Freitag, ob es Sinn macht, anzutreten. Das es jetzt so funktioniert hat, ist unfassbar.»
Nicht einmal ganz «zwäg» und doch Samuel Giger bezwungen. Dass er den ersten Sieg eines Gastes seit 2005 (Martin Grab) verhindert hat, ist eigentlich Nebensache. Viel wichtiger: Der Bann ist gebrochen. Die Zuversicht ist gross, dass Fabian Staudenmann in einem Jahr König werden kann. Joel Wicki fürchtet im Bernbiet sowieso keiner mehr. Den hat Fabian Staudenmann bereits im letzten Jahr beim Oberaargauischen im Schlussgang in den Senkel gestellt und auf den Rücken gelegt.
Ja, wer ist eigentlich Fabian Staudenmann? Seine Bewunderer sind sich einig: Der kompletteste Schwinger seit Jörg Abderhalden. Das will etwas heissen. Immerhin ist der Toggenburger dreifacher König. Tatsächlich gehört Fabian Staudenmann zu den wenigen «Bösen», die in den Griffen und im Bodenkampf zu siegen vermögen. Er ist durch gesalzene Niederlagen wie vor einem Jahr beim Unspunnenfest gereift. Er weiss nun aus bitterer Erfahrung, dass eine Niederlage nur ein Betriebsunfall auf dem Weg nach ganz oben ist. Er hat jetzt das Selbstvertrauen, das einer braucht, wenn er der nächste König werden und die Monarchie im Bernbiet wieder einführen will.
Eigentlich wäre es logisch, wenn nun auf der Schwägalp Fabian Staudenmann am Sonntag im ersten Gang erneut gegen Samuel Giger antreten müsste. Es wäre die Revanche für Burgdorf. Aber nun muss er ausgerechnet gegen den zwei Jahre jüngeren Werner Schlegel Griff fassen. Auch diese Einteilung macht Sinn: Der Sieger des Teilverbandsfestes der Ostschweizer (NOS) gegen den Sieger des Berner Teilverbandsfestes.
Diese Paarung gegen den Aufsteiger der Saison aus der Ostschweiz ist brisant. Seine Bewunderer sagen, er könne der nächste Jörg Abderhalden werden. Nicht nur wegen der Herkunft (auch ein Toggenburger) sondern ebenso wegen seinen schwingerischen Qualitäten. Fabian Staudenmann ist mit ihm bereits viermal in die Hosen gestiegen und hat nie verloren: Zwei Siege, zwei Gestellte. Eine erste Niederlage ausgerechnet gegen einen Ostschweizer, den viele bereits jetzt als Geheimfavorit fürs nächste Eidgenössische sehen? Auch wenn das Selbstvertrauen von Fabian Staudenmann nach dem ersten Sieg über Samuel Giger frisch gebürstet und gekämmt ist: eine Niederlage könnten tief in seiner schwingerischen Seele die Dämonen des Zweifels wecken.