Wie der Meme-Pinguin – McGrath rastet nach Meillard-Gold aus und stapft davon
In einer Millisekunde ist alles vorbei: Atle Lie McGrath, im 1. Lauf überragender Leader, fädelt im 2. Lauf des Olympia-Slaloms ein und vergibt damit die sicher geglaubte Medaille. Nach einem schwachen Start wäre es im Kampf um Gold mit Loïc Meillard womöglich ohnehin schwer geworden, auf Henrik Kristoffersen auf dem Bronze-Rang hatte McGrath aber 1,72 Sekunden Vorsprung. Doch die erste Olympia-Medaille war dem 25-jährigen Norweger nicht vergönnt.
Noch vor der ersten Zwischenzeit schied McGrath aus. Ausgerechnet genau da, wo der Schweizer Trainer stand und die nächste Goldmedaille feierte. Danach brach alles in McGrath zusammen. Erst griff er sich an den Kopf, dann schleuderte er seine Stöcke weg, zog die Ski ab und stapfte davon. Unter dem Zaun hindurch in Richtung Wald.
Wie der Pinguin, der in den sozialen Medien seit einigen Wochen viral geht. Erst am Waldrand legte sich McGrath hin und versuchte, seine Enttäuschung zu verarbeiten.
Womöglich brauchte er aber auch einfach noch eine Trainingssession vor den Wettbewerben im Skibergsteigen, das in Mailand und Cortina erstmals olympisch ist und ebenfalls in Bormio stattfindet …
Es kam gar ein Sanitäter auf einem Schneemobil und fragte McGrath, ob dieser Hilfe benötige. Seine Schmerzen waren aber rein psychischer Natur, mit der Enttäuschung und dem Frust wollte er vorerst alleine sein. Einige Minuten später fuhr McGrath dann aber doch ins Ziel und bedankte sich dort bei den Fans.
McGrath selbst äusserte sich nach dem Rennen noch nicht. Dafür fühlten seine Teamkollegen mit ihm mit. «Es tut weh, das zu sehen», sagte Timon Haugan, der als Vierter selbst eine kleine Enttäuschung zu verarbeiten hat, «wir Fahrer wissen, wie schmerzhaft das ist.» Er selbst habe dies zwar noch nicht erlebt, doch sei er in Kitzbühel als Führender gestürzt. «Das ist schrecklich, und man muss es einfach sofort hinter sich bringen. Er tut mir wirklich leid. Das ist wahrscheinlich der Tiefpunkt seiner gesamten Karriere, es muss furchtbar sein, das durchzumachen», so Haugan.
Kristoffersen kann sich noch besser in McGrath hineinversetzen. 2018 führte er im Olympia-Slalom nach dem 1. Lauf und schied dann aus. «So ist unser Sport. Es ist nicht wie beim Langlauf, wo man sich Skier und Stöcke brechen und trotzdem eine Medaille gewinnen kann. Das geht nicht», sagte der 31-Jährige.
Für McGrath ist es innert weniger Tage der zweite schwere Schlag, den er zu verarbeiten hat. Während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele ist sein Grossvater verstorben. Mit diesem verband McGrath eine sehr enge Beziehung. «Es ist unbeschreiblich schmerzhaft, diese Worte schreiben zu müssen», schrieb der 25-Jährige am Tag danach auf Instagram, «gleichzeitig bin ich so glücklich, dass ich den besten Grossvater hatte und so viel Zeit meines Lebens mit dir verbringen durfte.»
Wegen des Verlusts seines Grossvaters fuhr McGrath bei den Olympischen Spielen mit einem Trauerflor. Im Riesenslalom wurde er Fünfter, im Slalom ging er trotz des starken 1. Laufs ebenfalls leer aus. Dies macht es dem jungen Norweger sicher nicht einfacher, die Trauer zu verarbeiten.
Es ist ihm zu wünschen, dass er bald wieder nach vorne blicken kann. Denn als Leader im Slalom-Weltcup könnte Atle Lie McGrath bald doch noch einen grossen Erfolg feiern.
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