Marco Odermatt: «Wusste, dass ich nicht mit 100 Prozent zu Olympia komme»
Hinter Marco Odermatt liegen intensive Wochen. Nach seinem letzten Olympia-Einsatz kann er zum ersten Mal seit Langem richtig abschalten. Mit Freunden feiert er bis spät in die Nacht. «Das war sehr schön», sagt er, als er am Morgen danach zum Interview mit einigen Journalisten erscheint.
Sie haben an diesen Olympischen Spielen insgesamt drei Medaillen gewonnen. Trotzdem sagen jetzt einige: «Gold fehlt!» Nervt Sie das?
Marco Odermatt: Ein Stück weit habe ich für alles Verständnis. Es ist auch meiner Position geschuldet. Wenn man der beste Skirennfahrer der Welt ist, entsteht schnell das Gefühl, dass nur Gold zählen kann.
Das tut es aber nicht?
Wenn man bedenkt, dass Olympische Spiele nur alle vier Jahre stattfinden, sind drei Medaillen super. Es ist nicht wie im Weltcup, wo in der Regel eine Woche später bereits die nächste Chance kommt.
Sie formulieren Ihre Ziele erfrischend offen. Wird das in solchen Momenten, wenn es um Ihre Leistungen geht, zu einem Problem?
Natürlich könnte ich auch sagen, mein Ziel sei es, Fünfter zu werden, um etwas Druck zu nehmen. Nur würde mir das niemand glauben. Die Fans nicht, die Journalisten nicht – und ich mir auch selbst nicht.
Waren die Erwartungen in diesem Jahr so hoch wie noch nie?
Das habe ich nicht so empfunden. Vielleicht war das von aussen so. Ich habe jetzt zwei Wochen lang nichts über mich gelesen. Fakt ist, dass ich in jedes Rennen mit dem Ziel starte, es zu gewinnen. Dass es nicht immer funktionieren kann, sollte allerdings ebenso klar sein.
Würden Sie Ihre Medaillen eintauschen gegen Gold in der Abfahrt?
(Überlegt.) Ich glaube nicht. Drei Medaillen an einem Grossanlass zu gewinnen, ist etwas Grosses. Wenn ich nicht Gold aus Peking hätte, wäre es vielleicht anders. Dann würde ich es mir vielleicht überlegen, um sagen zu können: «Ich bin Olympiasieger!» Aber das bin ich ja.
Jetzt kehrt kurz etwas Ruhe ein. Wie froh sind Sie?
Sehr froh. Zwar ist jede Saison streng. Aber das war bisher mein strengster Winter – vor allem die vergangenen eineinhalb Monate.
Wie zeigte sich das?
Es tönt jetzt ein wenig blöd: Aber ich habe noch nie so wenig gefeiert wie in dieser Saison. Ich konnte meine Erfolge in Adelboden und Wengen gar nicht richtig auskosten, weil ich meine Energie bündeln wollte, weil ich wusste, jetzt kommen noch Kitzbühel und Olympia.
War Ihr Programm zu streng?
Ich habe gewusst, dass ich nicht mit 100 Prozent an die Olympischen Spiele komme. Einige denken jetzt wohl, wieso ordnet er den Spielen nicht alles unter? Aber für mich ist der Weltcup genauso wichtig, ich habe auch dort meine Ziele und bin nicht bereit, Abstriche zu machen.
Geht das bei der Einordnung Ihrer Leistungen vergessen?
Ich habe an diesen Olympischen Spielen vier Rennen bestritten und fuhr viermal in die Top 4. Ich hatte keine Aussetzer, wie ich sie überhaupt kaum habe. Wenn man meine letzten vier, fünf Saisons anschaut, sieht man, dass ich konstant meine Leistung bringen kann.
Dazu kommt der Erwartungsdruck. Anders als beispielsweise bei Franjo von Allmen wird bei Ihnen in jedem Rennen der Sieg erwartet.
Franjo erinnert mich oft an mich selbst vor einigen Jahren. Er erlebt jene Unbekümmertheit, in der man nichts muss, aber alles kann. In dieser Phase macht alles Spass, alles ist etwas frischer, spannender und neuer. Daraus kann dieser Flow entstehen, den er gerade erlebt.
Wünschen Sie sich diesen Zustand manchmal zurück?
Nein, nicht unbedingt. Ich würde auch nichts aus meiner bisherigen Karriere eintauschen. Es gehört zum Prozess und zur Entwicklung vom jungen Lausbuben zu einem professionellen Spitzensportler.
Finden Sie selbst noch Momente der Unbekümmertheit?
Ja, schon. Wenn man aber das tausendste Mal an einem Tisch sitzt und ein Interview gibt, ist es einfach ein Unterschied verglichen mit dem fünften Mal. Früher fanden die Leute auch bei mir noch jeden Spruch lustig. Aber irgendwann kannst du die Sprüche nicht mehr bringen. Irgendwann denken die Leute: «Das habe ich ja alles schon gehört.»
Im vergangenen Sommer machten Sie sich auch Gedanken, ob Sie – gemessen an Ihren Erfolgen – eigentlich nur noch verlieren können. Kamen diese Gedanken in den vergangenen Wochen nochmals auf?
Nein. Also im Januar sicher nicht. Jetzt hier an den Olympischen Spielen vielleicht wieder ein wenig mehr. Vielleicht war das der Grund, warum ich in der Abfahrt nicht ganz frei im Kopf gefahren bin.
Vor einem Jahr feierte das Schweizer Skiteam der Männer an der WM ein rauschendes Skifest. Wie war die Stimmung jetzt hier in Bormio?
In Saalbach hatten wir alle im Team etwas zu feiern. Der Teamgeist war damals sicher grösser als jetzt, das lässt sich nicht wegreden. Dazu kommt, dass sich mit den Erfolgen auch die Erwartungshaltung verändert hat. Nehmen wir den Olympia-Super-G: Franjo gewann das Rennen und ich fuhr auf Rang drei. Danach hiess es im Team bei vielen: «Cool … Aber auch schön, dass wir jetzt nach Hause können.»
Macht das Teamleben weniger Spass?
Ein bisschen vielleicht schon. Wenn alles wiederkehrend ist, dann ist es nicht mehr so cool wie beim ersten Mal. Das spürt man jetzt sicher.
Wie wichtig sind Ihnen Emotionen?
Ich bin ein sehr emotionsgetriebener Mensch. Und viele Emotionen erlebt man am Ende gemeinsam mit dem Team oder im Rennen, wenn man ins Ziel kommt und mit seiner Leistung zufrieden ist.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie nicht in Führung gehen?
Das ist sehr situativ. Logisch – wenn man das Gefühl hat, es war gut, ist es natürlich nicht das, was man will. Dann sind es keine positiven Emotionen. Aber ich durfte mich ja schon sehr oft im Ziel freuen.
Ist es schwieriger oder einfacher, wenn ein Teamkollege gewinnt?
Am Ende sind wir alle Einzelsportler, jeder will gewinnen und sein Bestes geben. Unmittelbar nach den Rennen ist es völlig egal, wer neben einem auf dem Podest steht. Im Nachhinein ist es aber natürlich schon schön, Erfolge gemeinsam im Team zu feiern.
Im Ziel schauen viele nur auf Sie. Können Sie Ihre wahren Gefühle überhaupt zeigen oder müssen Sie sich manchmal zurückhalten?
Ich glaube schon, dass ich das kann. Ich denke sehr selten an die Kameras. Und ich hoffe nicht, dass mal etwas komisch gewirkt hat.
Nein, das hat es nicht.
Da bin ich froh.
Apropos Aufmerksamkeit: Gibt es Momente, in denen Sie gerne mit jemandem tauschen würden, der nicht überall von allen erkannt wird?
Natürlich gibt es Momente, in denen ich das gerne würde. Aber die Aufmerksamkeit gehört einfach dazu. Ich wäre ja auch nicht bereit, im Gegenzug die vielen schönen Erlebnisse oder Erfolge einzutauschen.
Aber ist es nicht komisch, wenn immer alle «Odi, Odi, Odi» rufen?
Jetzt rufen die Fans zum Glück ja auch den Namen von Franjo (lacht).
Wann kamen Ihnen Fans zuletzt zu nahe?
In Bormio ist alles sehr zivilisiert abgelaufen. Generell spüre ich aber, dass sich viele Fans nicht bewusst sind, wie unsere Tage aussehen. Wenn sie mich sehen, haben viele das Gefühl, dass sie gerade die einzigen Menschen auf der Welt sind, die etwas von mir wollen. Dass ich zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht einmal meine Freundin oder Familie gesehen habe, ist vielen Menschen gar nicht bewusst.
Sie haben vor Kurzem gesagt, dass Sie sich aufgrund des strengen Programms vorstellen können, den Riesenslalom irgendwann wegzulassen. Sahen wir Ihren letzten olympischen Riesenslalom?
Das habe ich mir noch gar nicht so überlegt. Aber jetzt, wo Sie das sagen, sind die Chancen tatsächlich gross, dass dies mein letzter Olympia-Riesenslalom war. Das macht die Medaille noch spezieller.
Haben Sie einen konkreten Plan, wann Sie Ihr Programm reduzieren?
Nein. Ich weiss einfach, dass ich ein Programm wie in diesem Winter nicht mehr vier, fünf Jahre machen kann und will – das steht für mich fest. Wie das dann genau ausschauen wird, weiss ich bisher nicht. Vielleicht nehme ich mir zwei, drei Riesenslaloms raus, weil ich weiss, dass mich der Riesenslalom auch im Speed schnell macht. Vielleicht fahre ich dann noch Sölden und Adelboden. Und vielleicht qualifiziere ich mich trotzdem für Olympia und fahre den Riesen – keine Ahnung.
Aber dabei sein werden Sie an den nächsten Spielen?
Hoffentlich schon. Es ist zwar noch weit weg und man weiss nie, was in vier Jahren alles passieren wird. Aber die Chancen, dass ich in vier Jahren irgendeine Disziplin bestreiten werde, sind sehr, sehr gross.
