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Lange Zeit galt Beatrice Scalvedi als eines der grössten Skitalente. Doch dann verhinderten Rückenprobleme eine Profikarriere.
Lange Zeit galt Beatrice Scalvedi als eines der grössten Skitalente. Doch dann verhinderten Rückenprobleme eine Profikarriere.Bild: keystone

«Leer und verloren» – Beatrice Scalvedis harter Weg nach dem Rücktritt mit 23 Jahren

Skifahrerin Beatrice Scalvedi muss mit 23 wegen Rückenproblemen den Spitzensport aufgeben. Doch die Probleme enden damit nicht. Was tun, wenn ein Hilferuf ungehört verhallt? Hier erzählt sie ihre Geschichte.
01.12.2021, 16:15
Etienne Wuillemin / ch media

Es gibt viele Geschichten im Sport, die von Glücksgefühlen handeln, die ein Leben lang unvergesslich bleiben. Jene von Skifahrerin Beatrice Scalvedi hätte eine solche werden können. Mit 21 gewinnt sie ihr erstes Rennen im Europacup. Wird Vize-Weltmeisterin in der Abfahrt. Als Belohnung folgt der Aufstieg in den Weltcup. Ein Werdegang wie Marco Odermatt – warum nicht?

Aber diese Geschichte ist anders. Die Träume bleiben unerfüllt. Anstatt auf der Piste kämpft Scalvedi gegen den eigenen Körper. Immer wieder ­Rücken-Probleme. Nach zwei Jahren des ständigen Leidens muss sie kapitulieren. Im April 2018, Scalvedi ist 23-jährig, tritt sie vom Leistungssport zurück. «Ob Sitzen, Liegen, Schlafen oder Gehen – ich konnte nichts tun, ohne zu leiden. Immer wieder hoffte ich, dass sich meine Situation verbessert, dass ich ­irgendwann wieder Rennen fahren kann. Aber ich musste realisieren: es geht nicht mehr.»

Verletzung. Rücktritt. Neues Leben. Auch dies könnte eine Geschichte sein wie viele andere. Schliesslich gibt es im Spitzensport neben wenigen Siegern tatsächlich viele unerfüllte Träume. Doch das wirkliche Leiden von Scalvedi beginnt erst.

«Ich bin überzeugt, es gibt viele, die versteckt leiden»

Der Traum der Spitzensport-Karriere ist geplatzt. Was nun? «Unmittelbar nach dem Rücktritt bekam ich ein paar Anrufe. Man wünschte mir viel Glück. Aber ich fühlte mich leer, verloren und alleine gelassen.» ­Scalvedi versucht, stark zu sein. Doch es funktioniert nicht. Wenn sie weinen muss, tut sie das möglichst für sich alleine, ohne dass es jemand merkt. Ein paar Monate später, es ist jetzt August 2018, merkt sie aber: Es geht nicht, professionelle Hilfe muss her.

Scalvedi nimmt all ihren Mut zusammen. Sie meldet sich telefonisch bei Swiss Olympic. In der Hoffnung, psychologische Betreuung zu erhalten. Doch am Telefon bekommt die damals 23-Jährige zu hören: «Eine Nach-Karriere-Betreuung empfehlen wir erst über 30. Aber Sie sind ja noch so jung. Ihnen stehen alle Ausbildungswege ­offen. Machen Sie sich keine Sorgen!»

Scalvedi wird 2016 in der Abfahrt der Junioren-Weltmeisterschaften Zweite. Der Sprung in den Weltcup steht bevor. Doch Rückenschmerzen verhindern den Durchbruch.
Scalvedi wird 2016 in der Abfahrt der Junioren-Weltmeisterschaften Zweite. Der Sprung in den Weltcup steht bevor. Doch Rückenschmerzen verhindern den Durchbruch.Bild: keystone

Scalvedi nimmt die Zurückweisung hin, beginnt, an sich zu zweifeln. Denkt, es müsse etwas mit ihr nicht stimmen. Das Gefühl der Leere und des Allein-Seins verstärkt sich. Irgendwie gelingt es ihr, sich aufzuraffen. Sie beginnt ein Psychologie-Studium. Merkt aber bald, dass die Leere bleibt. Dazu kommt der Stress der Prüfungen. Er bereitet Scalvedi grosse Mühe. «Ich dachte: Wer bin ich eigentlich? Ich muss doch auf dem Schnee stehen, nicht hier sein.»

Die Wende zum Guten gelingt, als sich Scalvedi für ein Modul «Stress-Management» einschreibt. Dort lernt sie eine Psychologin kennen, «endlich konnte ich darüber sprechen, was mich alles belastet.»

Drei Jahre ist das alles her. Nun hat Beatrice Scalvedi den Mut gefunden, ihre Geschichte ­öffentlich zu erzählen. Sie tut das gestern an einem Sportsymposium in Bern mit dem Titel «Psychische Belastungen im Leistungssport». Auch, weil sie überzeugt davon ist, dass sich im Schweizer Sport noch immer vieles verändern muss – auch im Jahr 2021. Ein Appell ist ihr besonders wichtig: «Sportlerinnen und Sportler sind Menschen – keine Erfolgsmaschinen. Sie dürfen auch Schwierigkeiten haben.» Scalvedi ist überzeugt: «Es gibt viele, die versteckt ­leiden.»

Sie ruft Verbände und Klubs dazu auf, den Menschen hinter der Fassade zu sehen. «Wer zuhört, anstatt einen einfach zu ­ignorieren, macht bereits einen ersten wichtigen Schritt – ganz egal, ob während oder nach einer Karriere.» Scalvedi ist es wichtig, nicht rückblickend nach Schuldigen zu suchen. Aber sie sagt auch: «Es wäre wichtig, dass Swiss Olympic als Dachverband für den Schweizer Sport ein Hilfsangebot kreiert, das einfach zugänglich ist.»

Roger Schnegg ist Direktor bei Swiss Olympic. Auch er hat am Sportsymposium einen Auftritt. Angesprochen auf den Fall der verweigerten Hilfeleistung für Beatrice Scalvedi sagt er: «Ich kann nichts dazu sagen, der Fall ist mir nicht bekannt.» Und er hält fest, dass Swiss Olympic zu wenig Fachkompetenz habe, um Athletinnen und Athleten selbst zu betreuen. «Wir können einfach unser Netzwerk zur Verfügung stellen.» Ein bisschen offensiver könnte man das durchaus tun. (aargauerzeitung.ch)

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