Nach Hintermanns Rücktritt – wie viel Angst ist im Skisport erlaubt?
Die Worte von Niels Hintermann lassen tief blicken. «Sobald ich am Start stehe, zittert der Körper.» Oder: «Ich habe eine Panik-Attacke nach der anderen.» Oder: «Ich bin nicht mehr bereit, das Leben so zu riskieren, wie ich es müsste.» So erklärte der 30-jährige Abfahrer am letzten Freitag seinen sofortigen Rücktritt vom Spitzensport.
Dass Hintermann in dieser Saison überhaupt noch einmal an die Weltspitze zurückkehrte, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Im Oktober 2024 machte er seine Krebserkrankung öffentlich. Von der letzten Bestrahlung bis zu seinen Top-Ten-Plätzen in Val Gardena und Kitzbühel ist nur ein Jahr vergangen. Nachvollziehbar also, wenn Hintermann sagt: «Ich habe ein zweites Leben geschenkt bekommen mit der ganzen Therapie – und mit diesem möchte ich nicht mehr so leicht spielen.»
So verständlich, mutig und ehrlich Hintermanns Aussagen auch sind, sie werfen wieder einmal eine grundsätzliche Frage auf: Ist die Angst ständiger Begleiter von Abfahrern? Und welche Strategien gibt es, um sie zu überwinden?
Adrian Brüngger hat über drei Jahre hinweg eng mit Hintermann zusammengearbeitet. Brüngger ist spezialisiert auf Hypnose-Coaching. Er bearbeitet damit ein Feld, das im Spitzensport nicht zum täglichen Arsenal des Trainings gehört: die Emotionen. Für CH Media gibt Brüngger – nach Rücksprache mit seinem Klienten – einen Einblick in die Arbeit mit Hintermann.
Mit Schmerz oder Angst: So stoppt einen das Unterbewusstsein
Überraschend kam für Brüngger der Rücktritt von Hintermann selbstredend nicht. Auch in der Woche vor den Rennen in Courchevel sassen die beiden noch einmal zusammen. Wie ist es zu Hintermanns Entscheid gekommen? Brüngger erklärt: «Es gibt Bereiche beim Menschen, die sich im Unterbewusstsein abspielen. Die wichtigste Funktion des Unterbewusstseins ist der Selbstschutz. Das war das Thema bei Hintermann. Wenn das Unterbewusstsein zum Schluss kommt: «Stopp! Zu gefährlich!», dann tut es alles, um dich davon abzuhalten. Dafür gibt es zwei Werkzeuge: Schmerz oder Angst.»
Nun gibt es verschiedene Ängste. Brüngger unterscheidet zwischen rationalen und irrationalen Ängsten. «Wenn jemand zum Beispiel Flugangst hat, dann ist die Angst unbegründet. Fliegen ist erwiesenermassen sicher. In einem solchen Fall lässt sich die Angst mit Hypnosetherapie sehr einfach aus dem Unterbewusstsein entfernen und die Person kann danach ohne negative Emotionen fliegen.» Bei Hintermann ist die Angst jedoch durchaus begründet. «Stürze gehören beim Skirennsport dazu. Und es ist ja leider nicht so, dass nur ganz unerfahrene oder überforderte Fahrer dazugehören. Auch die Besten der Welt sind betroffen – siehe Sarrazin, Kilde, Schwarz, Vonn.»
Chefarzt Frey: «Man braucht das Unzerstörbarkeitsgefühl in sich»
Für Brüngger ist klar: «Wer mit Angst im Starthaus steht, der hat es schwierig. Die Emotion muss schon vorher neutralisiert werden.» Weil: «Ein bisschen Risiko ist im Skisport schwierig.» Wie hat Swiss-Ski-Chefarzt Walter O. Frey im Interview mit CH Media kürzlich gesagt?: «Jeder Athlet hat den Anspruch, gesund ins Ziel zu kommen. Und jeder ist überzeugt, dass dies gelingt. Sonst könnte man gar nicht zum Starttor hinaus. Man muss eine Art Unzerstörbarkeitsgefühl in sich tragen.»
Dieses Gefühl der Unzerstörbarkeit hat Hintermann nicht mehr. Darum ist für Brüngger klar: Er hat den richtigen Entscheid getroffen. «Sein Rücktritt ist konsequent. Chapeau, wie offen und ehrlich er damit umgeht. Eines ist mir ebenfalls wichtig zu betonen: Wenn man mit dem Unterbewusstsein arbeitet, macht es keinen Sinn, etwas erzwingen zu wollen, das würde nur noch mehr Widerstand erzeugen. Darum sind wir auch von Anfang an mit offener Haltung bezüglich des Ausgangs in die Sitzungen gegangen.»
Ex-Fahrer Caviezel: «Kann gefährlich sein, stets über das Risiko zu reden»
Mauro Caviezel weiss, wie es ist, plötzlich aufzuhören. Der Bündner Speedspezialist musste im Januar 2023 nach dem zweiten Schädel-Hirn-Trauma innert zwei Jahren zurücktreten. Er erinnert sich im Gespräch mit CH Media: «Ich sass mit meiner Frau in einem Restaurant auf dem Berg, sagte ihr: ‹Ich gehe jetzt frei fahren – danach machen wir eine Pro-Contra-Liste mit allen Faktoren.› Die Liste enthielt ganz viele Pros, warum ich weitermachen sollte. Aber eine Frage überwog: ‹Kann ich mir die Garantie geben, dass alles gut kommt?› Das konnte ich nicht. Darum hörte ich auf. Von den Emotionen her würde ich auch heute noch auf Rennen brennen.»
Angstzustände, wie sie Hintermann beschreibt, hatte Caviezel nicht. «Aber ich rede natürlich nur für mich.» Darum glaubt er auch nicht, dass die Angst bei allen mitfährt. «Ich würde Angst und Respekt unterscheiden. Die Folge von Angst ist Passivität auf dem Ski, da passiert rasch etwas. Respekt hingegen braucht es unbedingt. Und es kommen immer wieder Zweifel auf, die dich triggern.»
Wie sehen die Strategien aus, um damit umzugehen? Caviezel sagt: «Ich wollte nie den Konjunktiv brauchen, mir sagen müssen: hätte ich doch dies und jenes besser gemacht … Wer in Bormio, Wengen oder Kitzbühel am Start steht, der kann sich nicht einfach sagen: ‹Ich bin ready, heute ist mein Tag!› Da hilft das Wissen, im Sommertraining alles gemacht zu haben.» Das Bewusstsein, dass Skirennfahren ein Hochrisikosport ist, brauche es. «Aber da wächst ein Junger auch rein. Allzu sehr darüber zu reden oder daran rumstudieren, ist nicht zielführend. Im Gegenteil: Es kann sogar gefährlich sein, stets über das Risiko zu reden.» Zudem fügt Caviezel an: «Es geht niemand ohne Training auf den Mount Everest. Das wäre auch blauäugig. Aber durch jahrelanges Training gewöhnt man sich an die Umstände.»
Auch für den mittlerweile 37-jährigen Caviezel kam Hintermanns Rücktritt überraschend. «Wie so häufig im Leben sieht man vieles erst, wenn sich der Vorhang öffnet.» In einem Punkt sind sich Caviezel, Brüngger und vermutlich alle Skirennfahrer dieser Welt einig: Noch immer fehlt ausserhalb des Ski-Zirkus manchmal das Bewusstsein, was es bedeutet, die pickelharten, steilen Pisten bei Tempi von über 120 Stundenkilometern hinunterzustürzen.
Bis ein Direktbetroffener sagt: «Ich bin nicht mehr bereit, mein Leben zu riskieren.» (aargauerzeitung.ch)

