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Plausch-Mätchli für die Fotografen: Daniil Medwedew schlägt vor dem Jet d'Eau ein paar Bälle mit Denis Shapovalov.
Plausch-Mätchli für die Fotografen: Daniil Medwedew schlägt vor dem Jet d'Eau ein paar Bälle mit Denis Shapovalov.Bild: keystone

Medwedew: «Ich verstehe den Entscheid, Russen von Wimbledon auszuschliessen»

Daniil Medwedew ist der grosse Star beim Geneva Open. In Wimbledon ist die Nummer 2 der Welt als Russe hingegen unerwünscht. Etwas überraschend zeigt er sogar Verständnis dafür.
17.05.2022, 14:59

Als Russe hat man es derzeit nicht leicht. Die Tennisspieler haben dabei noch Glück, denn im Gegensatz zu vielen anderen Sportlern dürfen sie ihren Beruf weiter ausüben. So gibt Daniil Medwedew, der Ende Februar für drei Wochen sogar die Nummer 1 war, beim ATP-Turnier in Genf sein Comeback und Saisondebüt auf Sand nach einem Leistenbruch.

Ausgerechnet beim wichtigsten Termin im Tenniskalender, in Wimbledon, darf der 26-jährige Moskauer aber nach dem Ausschluss aller Russen und Belarussen nicht antreten. Medwedew ist ein blitzgescheiter und eloquenter Mensch. Am Sonntag in Genf wich er auch unangenehmen Fragen nicht aus und berichtete in fliessendem Englisch und Französisch über seine Gefühlslage.

«Wo zieht man die Linie?»

Als der Bann von Wimbledon beschlossen wurde, befand er sich im Aufbautraining. «Ich habe deshalb noch nicht persönlich mit anderen Spielern gesprochen.» Gedanken gemacht hat er sich aber natürlich schon.

Ist der Entscheid, die Russen von Wimbledon auszuschliessen unfair oder verständlich? Medwedew überlegt kurz und antwortet sehr differenziert: «Es ist beides. Unfair, weil wir Russen auf der ATP-Tour Einzelkämpfer sind und andere Russen in England auch arbeiten dürfen.» Es sei «tricky», stellt er aber auch fest. «Wo zieht man die Linie, wann Spieler ausgeschlossen werden? Ich kann den Entscheid von Wimbledon deshalb auch verstehen.» Zu den Ereignissen in der Ukraine sagt Medwedew nur: «Es ist traurig.»

Alles andere als ein Sandhase

Für den Moment versucht er, das Beste aus der Situation zu machen. «Wenn ich in Wimbledon spielen könnte, wäre ich glücklich, denn ich liebe das Turnier. Wenn nicht, spiele ich woanders und versuche, mich auf das nächste Jahr vorzubereiten, wenn ich hoffentlich wieder dabei sein kann.» Zunächst steht aber noch eine verkürzte Sandsaison an.

Medwedew nahm die Wildcard für das Geneva Open an, um vor dem am Sonntag beginnenden French Open noch etwas Spielpraxis zu sammeln. «Hoffentlich mehr als ein Spiel», wie er schmunzelnd betont. «Ich hatte immer Mühe, auf Sand meinen Rhythmus zu finden.»

Tatsächlich ist Sand die schlechteste Unterlage für den ehemaligen Mathematik-, Physik- und Wirtschaftsstudenten. Keinen seiner 13 ATP-Titel gewann er auf dem roten Belag, nur einer von 23 Finals – 2019 in Barcelona gegen Dominic Thiem – war auf Sand. «Es ist wichtig, nicht gleich mit Best-of-5-Matches wie beim French Open einzusteigen.»

Nach einem Training versuchen Fans in Genf, sich ein Autogramm zu ergattern.
Nach einem Training versuchen Fans in Genf, sich ein Autogramm zu ergattern.Bild: keystone

Zwar spielt Medwedew erstmals in Genf, er kenne und schätze die Stadt aber und habe nur Gutes über das Turnier gehört. Die Anreise vom Wohnort Monte Carlo war auch nicht weit. Im Falle des Turniersieges würde der Fan von Bayern München zudem wieder bis auf 430 ATP-Punkte an den Weltranglistenersten Novak Djokovic heranrücken.

«Die Nummer 1 kann mir keiner mehr nehmen»

Auch sonst besteht eine reelle Chance, dass Medwedew bis Wimbledon wieder die Nummer 1 sein könnte. Er hat in Paris «nur» 360 Punkte für den letztjährigen Viertelfinal zu verteidigen, Djokovic als Titelverteidiger deren 2000. Es wäre vermutlich erneut ein kurzes Gastspiel an der Spitze, da er ja in Wimbledon zwangsläufig leer ausgehen wird.

Das erste Mal wurde er nach nur drei Wochen – und einer Drittrunden-Niederlage in Indian Wells – wieder verdrängt. Medwedew zeigt sich stolz über die Nummer 1 («Das kann mir keiner mehr nehmen»), so richtig genossen hat es der US-Open-Champion des letzten Jahres und Finalist beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres in Australien aber nicht. «Es war ja nur kurz, und so richtig gut gespielt habe ich in der Zeit nicht», stellt er fest. Aber immerhin gebe es genügend Legenden des Tennis, die dies nie geschafft hätten.

Medwedew küsst die Siegertrophäe der US Open 2021.
Medwedew küsst die Siegertrophäe der US Open 2021.Bild: keystone

Er habe die Pause danach auch gebraucht, um den Kopf wieder frei zu kriegen. Mit dem Davis-Cup-Sieg Russlands endete die letzte Saison spät, die Vorbereitung auf die aktuelle war entsprechend (zu) kurz. Nun zeigt sich Medwedew aber wieder frisch und topmotiviert.

Farbenlehre mit Dr. Medwedew

Und nun wird er auch sicher wieder mit seinen Berufskollegen über die Situation von sich und anderen Spitzenspielern aus Russland und Belarus wie Andrej Rublew, Aryna Sabalenka oder Viktoria Asarenka sprechen. Medwedew macht sich keine Illusionen. «Ich habe ja keinen Einfluss auf den Entscheid von Wimbledon. Ich kann nur meine Meinung sagen.» 100 Spieler würden wohl 100 verschiedene Meinungen dazu haben.

Darüber streiten will Medwedew nicht. Er zieht einen bemerkenswerten Vergleich: «Wenn ich 100 Leuten einen Tennisball zeige, gibt es sicher ein paar, die sagen, er sei grün. Ich denke, er ist gelb, aber ich werde deswegen keine Diskussion anfangen.» In Genf kann er sich immerhin darauf verlassen, dass die Bälle tatsächlich gelb und die Plätze rot sind. (ram/sda)

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8 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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FrancoL
17.05.2022 15:14registriert November 2015
Diplomatische Antworten, aber ich finde es gut dass er für den Ausschluss in Wimbledon Verständnis hat.
Hätte aber bezüglich dem Krieg in der Ukraine, der sicherlich sehr traurig ist, doch eine etwas "klarere" Antwort erwartet.
Aber ich kann mir gut vorstellen, dass er wohl auch an seine Leute zu Hause gedacht hat.
Ich wüsste nicht wie ich reagieren würde, wenn ich den selben Druck auf meine Familie zu spüren bekäme.
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