Maler führen den Pinsel, Schriftsteller formulieren Sätze, Architekten kreieren Bauwerke. Ihre Schaffenskraft erlischt erst mit dem Lebensende. Für Sportler ist der Körper ein limitierender Faktor. Er hindert sie, ihre Leidenschaft für die Dauer ihres Daseins auf höchstem Niveau auszuüben.
Sportler sterben zweimal: das erste Mal, wenn sie ihren Sport nicht mehr ausüben können. Das zweite Mal halt noch ganz.
Andy Murray ringt seit Jahren mit dem aufgezwungenen Ende. Fünf Jahre ist es her, da kündigte er den Rücktritt ein erstes Mal an. Und doch spielt der 37-Jährige noch immer, inzwischen mit zwei künstlichen Hüftgelenken. Zur Weltspitze gehört der dreifache Grand-Slam-Sieger und zweifache Olympiasieger im Einzel schon lange nicht mehr. Auf sechs Siege kommt der Schotte 2024, in der Weltrangliste wird er noch im 115. Rang geführt.
In diesem Sommer will der vierfache Vater einen Schlussstrich ziehen, so zumindest äusserte sich Murray. Vielleicht nach Wimbledon, vielleicht nach den Olympischen Spielen. Wie einst bei Roger Federer, wie nun bei Rafael Nadal ist das Ziel, auf einem Tennisplatz Abschied zu nehmen.
2013 hatte Murray als erster Brite seit Fred Perry 1936 das Männereinzel in Wimbledon gewonnen. Nun wollte er nicht nur im Einzel, sondern mit seinem älteren Bruder Jamie auch im Doppel beim Rasenturnier antreten. Doch nachdem er letzten Mittwoch in der zweiten Runde von Queen's im ersten Satz hatte aufgeben müssen, schien dieser Traum geplatzt zu sein.
Die britische Zeitung «The Telegraph» berichtete, Murray habe sich eine Zyste an der Wirbelsäule entfernen lassen und müsse rund sechs Wochen pausieren. Damit wäre auch eine Olympia-Teilnahme kaum mehr möglich. Angesichts der langen Verletzungsgeschichte Andy Murrays konnte diese Nachricht niemanden überraschen. Doch offenbar ist sie nicht ganz richtig.
Murrays Mutter Judy jedenfalls liess verlauten, es sei enttäuschend, dass persönliche medizinische Details an die Medien weitergegeben worden seien. Und zwar von «einer Person, von der du geglaubt hast, ihr vertrauen zu können». Und übrigens: Ob Murray auf Wimbledon verzichten müsse, sei noch offen. Noch habe ihr Sohn sich nicht vom Turnier zurückgezogen.
Für zusätzliche Konfusion gesorgt hatte die Profiorganisation ATP, die in den sozialen Medien auch berichtet hatte, Murray verpasse Wimbledon. Kurze Zeit später war der Beitrag zwar entfernt worden, der Schaden aber war angerichtet, die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
Das Lager von Murray sah sich am Montag zu einem Dementi gezwungen. Nach seiner Operation am Samstag würden seine medizinischen Betreuer und er an der Rückkehr arbeiten. Noch sei offen, wann das der Fall sein werde. Doch: «Zu diesem Zeitpunkt ist noch keine Entscheidung gefallen.»
Nach seiner Aufgabe in Queen's sagte Murray, er leide schon seit längerer Zeit unter Rückenbeschwerden, die eine Kettenreaktion auslösen. «Ich hatte Schmerzen im rechten Bein, war motorisch eingeschränkt, hatte keine Koordination», resümierte er. Er habe sich kaum bewegen können.
Er habe sich schon beim Einspielen unwohl gefühlt. Als er die Treppe zum Platz hochgegangen sei, habe er keine Kraft im Bein gehabt und feststellen müssen, dass er wohl nicht imstande sein würde, die Partie zu bestreiten. «Im Nachhinein wünschte ich, ich wäre gar nicht auf den Platz gegangen. Es war für alle Beteiligten eine unangenehme Situation», sagte Murray.
Murray gewann 2012 die US Open, 2013 und 2016 in Wimbledon. 2012 in London und vier Jahre später in Rio de Janeiro holte er Olympia-Gold im Einzel. Ende 2016 stiess er erstmals an die Spitze der Weltrangliste vor, die er während 41 Wochen anführte. Er gewann 46 Turniere und führte Grossbritannien 2015 zum ersten Davis-Cup-Sieg seit 79 Jahren.
Am Tag vor der Aufgabe in Queen's bestritt Murray das 1000. Spiel seiner Karriere, in dem er sich über den ersten Sieg seit drei Monaten freuen konnte. Für ihn als Sportler sind es mit die letzten Atemzüge. Ob Andy Murray es noch einmal nach Wimbledon schafft, bleibt hingegen offen. (aargauerzeitung.ch)