Wie Federers Erfolge die allgemeine Wahrnehmung von Bencic beeinflussen
Sie lebt in der Slowakei und in Monte Carlo, wenn sie gerade nicht irgendwo auf der Welt ein Turnier spielt, «aber die Schweiz trage ich im Herzen», sagt Belinda Bencic nach ihrem 6:0, 7:5-Startsieg bei den Australian Open gegen die Britin Katie Boulter (29, WTA 113).
Tatsächlich feierte Bencic ihre grössten Erfolge immer dann, wenn sie nicht nur für sich, sondern auch für die Schweiz spielte: Das war 2021 in Tokio so, als sie Olympiasiegerin im Einzel wurde und Silber im Doppel holte.
Bencic spielt «für Team Switzerland»
Das war im Jahr darauf so, als sie die Schweiz zum erstmaligen Sieg im Billie Jean King Cup führte. Und das war nun im Januar so, als sie im United Cup mit neun Siegen in neun Tagen massgeblichen Anteil am Finaleinzug hatte. Dort bezwang Bencic gar die sechsfache Grand-Slam-Siegerin Iga Swiatek (WTA 2).
Tatsächlich habe sie sich schon überlegt, das ganze Jahr über in Rot-Weiss zu spielen, «nun habe ich eine Flagge auf der Tasche und die Schweiz im Herzen», sagte Bencic und fügte an, sie spiele in Melbourne «für das Team Switzerland».
Wobei ihre Leistungen gerade dort oft nur wenig Beachtung finden.
Etwas mehr als ein Jahr nach ihrer Rückkehr nach der Mutterschaftspause steht Bencic wieder in den Top Ten der Weltrangliste. Anfang 2025 wurde sie im 489. Rang geführt. Sie gewann zwei Turniere, in Abu Dhabi und in Tokio, und erreichte in Wimbledon erstmals den Halbfinal. Dafür wurde sie als «Comeback Spielerin des Jahres» ausgezeichnet, zum zweiten Mal nach 2019.
Keine Nomination für Sports Awards
Jüngst wurde sie in der Schweiz aber nicht einmal für die nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana verschobenen Sports Awards nominiert. Die Sportlerin des Jahres 2021 verpasste sogar die Vorauswahl von 15 Athletinnen. Das entschied der Wahlausschuss, bestehend aus Swiss Olympic, der Athletenkommission von Swiss Olympic, Sportjournalistinnen und der Veranstalterin SRG.
In der Schweizer Tennisszene sorgte dieser Entscheid für Kopfschütteln. «Dass sie nicht nominiert wurde, war ein Schock und eine Enttäuschung für uns alle, inklusive Belinda», sagte Bencics Manager Marijn Bal im Blick. Er bezeichnete die Entscheidung als «für uns schwer verständlich».
Federer hier, Federer da, Federer überall
Dass Bencics Leistungen nur selten als aussergewöhnlich wahrgenommen werden, hat viel mit der Überfigur im Schweizer Tennis zu tun. Roger Federer hat das Bild von Erfolg so sehr geprägt, dass alles darunter als unvollständig gilt. Wer nicht dominiert, verzaubert und Geschichte schreibt wie er, wird hierzulande zwar respektiert – aber nicht gefeiert.
Auch zum Auftakt der Australian Open zeigt sich das wieder. Dreieinhalb Jahre nach dem Rücktritt kehrte Roger Federer nach Melbourne zurück, wo der 44-Jährige sechs Mal gewonnen und 2018 seinen 20. und letzten Grand-Slam-Titel holte. Er war Teil der Eröffungszeremonie am Samstag.
Nur Martina Hingis war erfolgreicher
Dabei geht vergessen, dass sich mit Federer (22), Stan Wawrinka (3) und Martina Hingis (5) nur zwei Schweizer und eine Schweizerin Grand-Slam-Sieger im Einzel nennen dürfen. Hingis’ letzter Triumph in Australien liegt 27 Jahre zurück. Vor und nach ihr erreichte keine Schweizerin den Final eines Major-Turniers.
Mit Manuela Maleeva (1992 und 1993 bei den US Open), Timea Bacsinszky (2015 und 2017 in Paris), Patty Schnyder (2004 in Melbourne) und Bencic schafften es vier weitere zumindest einmal in die Halbfinals. Wobei Bencic dies mit den US Open 2019 und Wimbledon im vergangenen Jahr bei zwei verschiedenen Grand-Slam-Turnieren gelang.
Grand-Slam-Sieg als Massstab
Bencic hatte einst einen rasanten Aufstieg an die Weltspitze hingelegt. Mit 15 gab sie ihr Profidebüt, mit 16 war sie die beste Juniorin der Welt und gewann die French Open sowie Wimbledon. Mit 17 erreichte sie bei den US Open den Viertelfinal, mit 18 war sie die Nummer 7 der Welt. Verletzungen und die Abnabelung vom Elternhaus bremsten ihre Entwicklung danach.
Möglicherweise hängt die fehlende Wertschätzung auch damit zusammen, dass Bencic bereits als 15-Jährige den Gewinn eines Grand-Slam-Turniers schon als Ziel und nicht nur als Traum bezeichnete. Daran wird sie bis heute gemessen. Und bei jedem Anlauf, bei dem sich die Hoffnungen der 28-Jährigen nicht erfüllen, sehen sich ihre kritischen Beobachter bestätigt.
Einmalige Chance als Mutter
Emma Raducanu, Jelena Ostapenko, Sofia Kenin, Flavia Pennetta, Bianca Andreescu oder Marketa Vondrousova verfügen zum Teil über ein weitaus weniger beeindruckendes Palmarès als Belinda Bencic. Doch eines haben sie ihr voraus: Sie alle haben ein Grand-Slam-Turnier gewonnen.
Belinda Bencics Karriere deswegen als unvollendet zu betrachten, greift zu kurz. Mit 28 Jahren bleibt ihr noch Zeit, sich diesen Traum zu erfüllen. Sie wäre dann die erste Frau in der Geschichte, die als Mutter ihren ersten Grand-Slam-Titel gewinnt.
Als nächstes trifft sie in der 2. Runde am frühen Donnerstagmorgen (Schweizer Zeit) auf die Tschechin Nikola Bartunkowa (19, WTA 126). Eines gilt aber unabhängig der nächsten Wochen und Monate: Schon jetzt ist sie die bestklassierte Tennismutter der Welt. Roger Federers Schatten hin oder her.
