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THE SPORTS PAGES, Eugene Levy left, The Heidi Bowl , 2001. Showtime / Courtesy: Everett Collection Showtime Networks Inc./Courtesy Everett Collection ACHTUNG AUFNAHMEDATUM GESCH

Für einen Film wird das Übertragungs-Fiasko im Jahr 2001 nachgestellt. Bild: www.imago-images.de

Unvergessen

Footballfans verpassen eine dramatische Wende, weil der TV-Sender auf «Heidi» schaltet

17. November 1968: Das NFL-Spiel zwischen den Oakland Raiders und den New York Jets dauert nur noch eine Minute. Und die wird es in sich haben. Wirklich sauschade für die eine Hälfte der Amerikaner, dass sie stattdessen ein herziges Mädchen in den Bündner Alpen zu sehen bekommen.



Zwischen Jets und Raiders herrscht eine erbitterte Rivalität. Beide sind hervorragend in die Saison gestartet und gelten als Anwärter für den Triumph im Super Bowl. Letztlich werden ihn die vom legendären Quarterback Joe Namath angeführten New York Jets denn auch gewinnen, 16:7 gegen die Baltimore Colts.

Doch an diesem Sonntag in der Regular Season haben die Raiders zuhause in Oakland das bessere Ende für sich. Sie gewinnen in einem dramatischen Endspurt, den im östlichen Teil der Vereinigten Staaten jedoch niemand sieht – weil dort bereits der Blockbuster «Heidi» gezeigt wird.

Eine Filmszene aus der 26-teiligen Fernsehserie Heidi nach den beiden Buechern der Schweizer Schriftstellerin Johanna Spyri. Auf dem Bild sind die beiden Hauptdarsteller Katja Polletin (Heidi) und Stefan Arpagaus (Geissenpeter) zu sehen, aufgenommen am 28. Juni 1977, Graubuenden, Schweiz. (KEYSTONE/Photopress-Archiv/Str) === === : DIA]

Uns gefällt es natürlich, wenn die schöne Schweiz in den USA gezeigt wird. Footballfans hatten weniger Freude an Heidi und Geissenpeter. Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Das Spiel dauert und dauert

Dem TV-Sender NBC ist sehr wohl bewusst, dass die Footballpartie ein Strassenfeger ist. Aber noch mehr setzt es auf den Film mit dem herzigen Mädchen in den Schweizer Alpen. In den Tagen vorher wird kräftig die Werbetrommel gerührt, das Fernseh-Highlight des Wochenendes soll pünktlich um 19 Uhr New Yorker Zeit ausgestrahlt werden.

Da das Footballspiel drei Stunden vorher beginnt, sollte es keine Probleme geben. So lange dauert eine Partie damals nie. Doch im Oakland Coliseum kommt alles zusammen, was aus Sicht der TV-Macher nicht zusammenkommen sollte. Einerseits punkten die beiden Teams fleissig, andererseits leisten sie sich aber auch viele Fehler – die beiden Quarterbacks kommen gemeinsam auf 31 Incomplete Passes. Auch wegen Verletzungen und insgesamt 19 Strafen muss die Partie häufig unterbrochen werden.

Und so wird irgendwann klar: Es wird eng, damit das Vorhaben von NBC aufgeht. Aufgeregt telefonieren die Fernseh-Bosse hin und her. In einer Zeit, in der es keine Mobiltelefone gibt und Spiele noch nicht mittels Satellitentechnik übertragen werden und in einem Land, das sich zwischen West- und Ostküste über 5000 Kilometer erstreckt, ist die Koordination des Entscheids auch eine technische Herausforderung.

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Protagonisten erinnern sich an ein Spiel, das sie nie vergessen konnten. Video: YouTube/TheRaidersFilmVault

Auf Messers Schneide

Nach drei Vierteln haben die Raiders einen knappen Vorsprung, sie liegen mit 22:19 in Führung. Ein packender Schlagabtausch setzt nun ein. Erst gehen die Jets nach einem 97 Yards langen Drive in Front, dann schlagen die Raiders zurück. Knapp vier Minuten vor dem Ende steht es 29:29 – die Spannung in diesem Spitzenspiel könnte nicht grösser sein.

Um etwa 18.45 Uhr telefonieren Produktionsleiter Dick Cline und NBC-Sportchef Don Connal ein weiteres Mal miteinander. Sie sind sich einig, dass die Partie um 19 Uhr noch nicht beendet sein wird und dass der Sender sie bis zum Schluss zeigen sollte. Doch den Entscheid darüber kann nur einer fällen: Julian Goodmann, der Präsident des Senders. Im Vorfeld hat er klar gemacht, dass «Heidi» in jedem Fall pünktlich beginnen muss, doch nun gibt Goodman nach. Der Film beginnt erst, wenn das Footballspiel vorbei ist.

Eine gute Minute ist noch auf der Uhr, als Jim Turner mit einem Field Goal die Jets in Führung schiesst. Es ist die letzte Aktion, welche die Fernsehzuschauer im Osten der USA sehen. Danach hüpft ein fröhliches Mädchen über Bündner Wiesen.

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Jets und Raiders lassen es krachen. Bild: imago sportfotodienst

Denn die Kommunikation zwischen den TV-Bossen klappt nicht. Ständig sind die Telefone besetzt. So hält sich Produktionsleiter Cline an die Weisung, die ihm im Vorfeld eingetrichtert worden ist. Nicht wissend, dass Präsident Goodman eine Verschiebung des Filmstarts bewilligt hat, wird die Übertragung der Partie abgebrochen.

«Zu schade, dass Amerika es nicht sehen konnte»

Der Stecker ist gezogen – und zahlreiche Fans sind ausser sich. Erbost rufen sie beim Sender an und legen sämtliche Telefonleitungen lahm. «Männer, die sich nicht einmal bei einem Erdbeben aus ihrem Fernsehsessel erheben würden, schnellten hoch, um am Telefon Obszönitäten loszuwerden», stellt Komiker Art Buchwald fest.

Und da wissen die Zuschauer noch nicht einmal, worum sie gerade betrogen wurden. Den Oakland Raiders gelingen tatsächlich noch zwei Touchdowns innerhalb von neun Sekunden. Sie sorgen für eine dramatische Wende und gewinnen 43:32.

Von den aufregendsten zwei Minuten Football, die sie je gesehen hätten, berichten die TV-Kommentatoren Curt Gowdy und Al DeRogatis – um von ihrem Aufnahmeleiter Don Ellis ein sarkastisches «Zu schade, dass Amerika es nicht sehen konnte» zu hören; wobei «nur» die östliche Hälfte des Landes betroffen ist.

NBC macht alles noch schlimmer, indem es auch die «Heidi»-Fans verärgert. Just in der Szene, als die an den Rollstuhl gefesselte Klara auf wundersame Weise wieder einige Schritte gehen kann, blendet der Sender gross das Ergebnis des Spiels ein. Die Footballfans sind nun noch hässiger, weil sie Grosses verpasst haben. Und die Filmfans sind angefressen, weil der Sender ihnen eine herzergreifende Szene versaut hat.

Zu denkwürdigster Partie einer Regular Season gewählt

Die Sendepanne hat weitreichende Änderungen zur Folge. So installiert NBC in der Folge erstmalig eine Zuschauer-Hotline, damit die regulären Telefonverbindungen des Senders künftig nicht mehr zusammenbrechen. Und die NFL ergänzt ihre TV-Verträge mit dem Passus, wonach Partien in voller Länge zu zeigen sind und nicht frühzeitig aus der Übertragung ausgestiegen werden kann.

The english actress Julie Andrews and director Blake Edwards, pictured in Gstaad in the Canton of Berne, Switzerland, on December 21, 1967. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Die Schauspielerin Julie Andrews und ihr neuer Lebenspartner, der Regisseur Blake Edwards (1922-2010) sind am 21. Dezember 1967 in Gstaad unterwegs. Julie Andrews bringt Tochter Emma mit in die Beziehung, Blake Edwards Tochter Jennifer und Sohn Geoffrey. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Heidi in den Alpen: Darstellerin Jennifer Edwards (links) 1967 beim Bummel durch Gstaad. Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

1997 wird das «Heidi Game» als eine der zehn denkwürdigsten NFL-Partien gewählt und als denkwürdigstes Spiel einer Regular Season überhaupt. 2005 schafft es das Fiasko auf Rang 6 einer Hitliste der «100 überraschendsten Momente der Fernsehgeschichte». Und die vielleicht schönste Anekdote liefert Jennifer Edwards, die «Heidi»-Darstellerin: «Auf meinem Grabstein wird dereinst wohl stehen: ‹Sie war ein grosser Sport-Moment.›»

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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