Pogacar und das fehlende Monument – wenn der Überflieger mal nicht der grosse Favorit ist
Mathieu van der Poel oder Tadej Pogacar? Tadej Pogacar oder Mathieu van der Poel? Vor der 123. Austragung von Paris-Roubaix rechnet alle Welt mit dem erneuten Duell der beiden Topstars, die sich schon vor Wochenfrist an der Flandern-Rundfahrt um den Sieg balgten.
Pogacar triumphierte in Oudenaarde. Er hat nun vier der fünf Monumente das Radsports gewinnen können, nur eines fehlt ihm noch: Paris-Roubaix.
Alle fünf Monumente …
Der Slowene würde Geschichte schreiben als erst vierter Fahrer mit Siegen in allen fünf Rennen (nach Rik Van Looy, Eddy Merckx und Roger De Vlaeminck). Und er hätte erst noch alle fünf nacheinander gewonnen. Die Serie startete vergangene Saison bei Lüttich-Bastogne-Lüttich und der Lombardei-Rundfahrt, Pogacar setzte sie heuer bei Mailand-Sanremo und der Flandern-Rundfahrt fort.
… oder vier Mal Roubaix in Folge?
Van der Poel konnte in Flandern nicht ganz mithalten, er wurde Zweiter. In der «Hölle des Nordens» bei Paris-Roubaix gewann der Niederländer in den letzten drei Jahren. Triumphiert er heuer auf der Rennbahn in Roubaix erneut, würde er mit dem vierten Sieg zu den bisherigen Rekordhaltern De Vlaeminck und Tom Boonen aufschliessen. Aber vier Erfolge hintereinander schafften weder der eine, noch der andere.
Das ist die Ausgangslage: Der Gigant, der siegt, schreibt damit Geschichte.
Strecke spricht für van der Poel
Mathieu van der Poel ist der Favorit. Er ist Titelverteidiger, er ist in Topform und er ist als achtfahrer Weltmeister im Radquer technisch der bessere Fahrer. Über die Kopfsteinpflaster im Norden Frankreichs ist das ein wesentlicher Faktor.
Gegen Tadej Pogacar spricht zudem die Topographie des Rennens. Paris-Roubaix hat im Gegensatz zur Flandern-Rundfahrt keinerlei Anstiege, an denen er sich mit seinem Punch von seinem Dauerrivalen in den Klassikern absetzen kann. Der 31-jährige van der Poel ist grösser, schwerer und kräftiger, sein Körperbau scheint prädestiniert zu sein für die Fahrt über die Rüttelpisten.
Pogacar schiebt Favoritenrolle weg
Doch es wäre töricht, Pogacar abzuschreiben. Der beste Velorennfahrer der Gegenwart – und dereinst womöglich der Geschichte – startet mit drei Siegen bei drei Rennen mit einer makellosen Bilanz 2026. Der 27-Jährige vom UAE-Team strotzt vor Selbstvertrauen. «Es ist kein Geheimnis, dass Paris-Roubaix eines meiner grossen Ziele ist in dieser Saison», sagte Pogacar. Die Favoritenrolle wies er von sich: «Die Motivation ist gross, aber der Druck ist klein.»
Im letzten Jahr trat Pogacar erstmals zu Paris-Roubaix an und wurde gleich Zweiter. Er fuhr sehr aktiv, griff mehrfach an und befand sich 46 Kilometer gemeinsam mit van der Poel als Duo an der Spitze. Kurz darauf endete der Traum vom Sieg beim Debüt, als Pogacar in einer Rechtskurve stürzte.
54,6 km über Kopfsteinpflaster
Das zeigte ihm, dass auf den 258,3 Kilometern eine kleine Unaufmerksamkeit ausreichen kann, um das Rennen zu verlieren. In diesem Jahr müssen, auf 30 Sektoren aufgeteilt, insgesamt 54,6 Kilometer auf Kopfsteinpflaster zurückgelegt werden. Die härtesten, mit fünf Sternen ausgezeichneten Pavé-Abschnitte sind der Wald von Arenberg knapp hundert Kilometer vor dem Ziel, Mons-en-Pévèle und der Carrefour de l'Arbre. Bei jedem Stein kann die Pannenhexe unbarmherzig zuschlagen.
Vor einem Sturz oder einem Materialschaden sind auch die beiden Superstars nicht gefeit. Drama gibt es fast immer – Paris-Roubaix ist oft unberechenbar und auch deshalb ein so schwierig zu gewinnendes Rennen. Für viele Fans ist es das Highlight des Jahres. Wie in den letzten Tagen soll es auch während des Rennens trocken bleiben.
Van der Poel will «nach Gefühl» fahren
Pogacars Taktik könnte es sein, schon früh aufs Tempo zu drücken, um die Gegner ans Limit zu bringen. «Dieses Rennen ist vielleicht etwas schwerer für ihn zu gewinnen, aber es gibt kein Rennen, von dem man sagen könnte, dass er es nicht gewinnen kann», sagte van der Poel über Pogacar. «Er braucht ein bisschen Glück, aber er hat letztes Jahr gezeigt, dass er dazu fähig ist.» Der Sieger der Ausgaben 2023, 2024 und 2025 kündigte an, «wie immer nach Gefühl» zu fahren.
Und was ist mit allen anderen? Kampflos wollen sie den beiden Überfliegern den Sieg nicht überlassen. Der Däne Mads Pedersen wurde zuletzt zwei Mal Dritter, der Belgier Wout van Aert schaffte es ebenfalls scho zwei Mal aufs Podest und auch der Italiener Filippo Ganna zählt zum Kreis der Favoriten.
Pflasterstein für Meilenstein
Ohne den verletzten Stefan Küng stellt die Schweiz lediglich drei Starter. Als aussichtsreichster geht Stefan Bissegger (Decathlon) ins Rennen, im Vorjahr wurde der Thurgauer starker Siebter. Johan Jacobs (Groupama-FDJ) könnte möglicherweise versuchen, in die Fluchtgruppe des Tages zu gelangen, um ein gutes Ergebnis einzufahren. Für Fabian Lienhard sind im Tudor-Team Helferaufgaben vorgesehen.
Den Pflasterstein des Siegers wird am späten Nachmittag kaum einer aus dem Schweizer Trio in den Himmel von Roubaix stemmen. Er scheint reserviert zu sein für einen der grössten Fahrer der Geschichte – denn das sind sowohl Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel schon jetzt. Ganz egal, wer seinem Palmarés den nächsten Erfolg hinzufügt.
Die Bernerin Marlen Reusser muss verletzungsbedingt passen. Elise Chabbey, die den Pavé-Klassiker 2022 als Vierte beendet hatte und 2025 in den Kampf um Platz 3 involviert war, dürfte im Rennen über 143,1 km die höchste Schweizer Trumpfkarte sein. (ram/sda)
