Bissegger ist einer der «Auserwählten», die das Supertalent Seixas beschützen
Stefan Bissegger bekam in der vergangenen Woche hautnah mit, wie die Französinnen und Franzosen schon jetzt mit ihrem «Wunderkind» Paul Seixas mitfiebern. Am Donnerstag wurde der 27-jährige Thurgauer vom Rennstall «Decathlon» nach Evian-les-Bains beordert, um zusammen mit Seixas die 16. Etappe der diesjährigen Tour de France zu rekognoszieren. Es geht um ein Einzelzeitfahren über 26 Kilometer. Bissegger ist ein Spezialist für solche Prüfungen und vermittelte seinem jungen Captain Tricks und Kniffs, um auf der Strecke nach Thonon-les-Bains schnell zu sein.
Das eine ist die Sache mit dem Velo, das andere der Rummel um die Person Seixas wie jüngst am Genfersee. «Alle wollten etwas von ihm. Auch der Koch des Restaurants, in dem wir assen, wünschte ein Foto mit ihm. Das ist schon verrückt. Ich würde nicht tauschen wollen mit Seixas. Das wäre kein Leben für mich», sagt der in Eschlikon wohnende Bissegger. Seixas nahm auch viele andere Teilstücke der Tour 2026 vor Ort unter die Lupe.
Schon am Sonntag ging es für die Decathlon-Athleten in ein erstes Höhentrainingslager. Vom 7. bis 14. Juni bestreitet der französische Rennstall die Tour Auvergne-Rhône-Alpes, die ehemalige Dauphiné-Rundfahrt. Es geht über acht Etappen, inklusive einem Mannschaftszeitfahren. «Wir wollen möglichst in der gleichen Formation wie an der Tour de France starten», sagt Bissegger.
Acht Fahrer umfasst eine Equipe an der Tour de France; Bissegger ist also einer der sieben «Auserwählten», die Seixas an der Tour 2026 begleiten dürfen, aber vor allem beschützen müssen. «Vielleicht können wir mit meinem taktischen Wissen etwas Positives bewirken. Neben der Leistungsfähigkeit auf dem Velo natürlich.»
Noch stehen zehn Athleten auf der Liste Decathlons, die für einen Start an der Tour de France am 4. Juli in Barcelona infrage kommen. Bissegger kann aber schon jetzt mit der Teilnahme rechnen. Nach der Tour Auvergne-Rhône-Alpes steht für Seixas und Co. der nächste Vorbereitungsblock auf dem Programm. «Seixas wird bis zum Start der Tour kaum noch zu Hause sein», sagt Bissegger, der während der UAE-Tour 2025 während einer Woche das Zimmer mit dem neuen Liebling der Franzosen geteilt hatte.
Wie sich das Ziel schlagartig änderte
Seit Anfang der vergangenen Woche ist bekannt, dass Seixas an der Tour de France im Sommer teilnimmt. Er gewann in dieser Saison im grossen Stil die Baskenland-Rundfahrt und die Flèche Wallonne. Mit dem Entscheid Seixas' veränderte sich die Zielsetzung der Decathlon-Equipe schlagartig. «Eigentlich war das Mannschaftszeitfahren unser ultimatives Ziel. Das wollten wir gewinnen», sagt Bissegger. Die 113. Ausgabe der Tour beginnt erstmals seit 55 Jahren wieder mit einem Mannschaftszeitfahren.
Nun müssen Bissegger und Co. zum Auftakt des bedeutendsten Velorennens gewiss schnell sein, aber der Sieg ist freilich nicht mehr das oberste Gebot. Vielmehr gilt es, Seixas über die Tücken der 21 Etappen bis zum 26. Juli sicher nach Paris zu führen. Und zwar so, dass der Franzose in der Gesamtwertung unter die ersten drei fahren kann.
Vor den Massen und Medien abschirmen
Das ist möglich, «aber sicher anspruchsvoll», wie Bissegger sagt. Es komme im Übrigen darauf an, wie es der Teamleitung gelinge, Seixas vor den Massen und Medien abzuschirmen. «Das wird ganz wichtig sein, damit er den Freiraum hat, um gut Velo zu fahren. Man muss ihn abseits der Strasse vor der Öffentlichkeit und deren Interessen schützen.»
Die Gretchenfrage: Kann Seixas dem Topfavoriten und vierfachen Tour-Gesamtsieger Tadej Pogacar ernsthaft Paroli bieten? Teamkollege Bissegger, der am 4. Juli zu seiner fünften Tour de France startet, sagt: «Seixas hat in dieser Saison schon mehrmals bewiesen, dass er es kann. Aber um Pogacar zu besiegen, müsste er schon noch einen Schritt zulegen. Er bestreitet ja seine erste dreiwöchige Rundfahrt.» Seixas wurde in den Eintagesrennen Strade Bianche und Lüttich-Bastogne-Lüttich jeweils Zweiter hinter dem Slowenen Pogacar.
Die eigenen Interessen unterordnen
Für Bissegger selbst wird resultatmässig an der 113. Tour nicht viel zu holen sein. Der Fokus gilt zu 100 Prozent dem Teamleader. Er sagt: «Sich unterordnen können nicht alle. Ich schon, es ist schliesslich mein Job. Und ich leiste lieber Helferdienste für einen, der aufs Podium fahren kann als für einen, der unter die ersten zehn kommt.»
Eine Tour-Etappe zu gewinnen, sei für einen schwereren Fahrer wie ihn oder Stefan Küng ohnehin schwierig, sagt der Zeitfahr-Europameister von 2022. «In den Flachetappen drücken die Sprintermannschaften auf das Tempo, in einem topografisch etwas anspruchsvolleren Teilstück hat es in einer Fluchtgruppe meistens bessere Bergfahrer als wir es sind.»
Bissegger fährt seit der vergangenen Saison für Decathlon. Seit August 2020 ist er Profi in der World Tour, nachdem er 2019 WM-Zweiter in der U23-Kategorie geworden war. Sein Vertrag mit den Franzosen ist bis zum Ende dieses Jahres datiert, aber es ist davon auszugehen, dass Bissegger auch darüber hinaus für Decathlon fährt. So wie es sich die Franzosen inklusive Staatspräsident Emmanuel Macron von Paul Seixas erhoffen. (aargauerzeitung.ch)
