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Analyse

Der Weltwirtschaft droht eine lange Rezession – oder gar eine Depression

In den USA explodieren die Arbeitslosenzahlen, Chinas Wirtschaft kommt nur langsam auf Touren, Europäer streiten sich über Coronabonds und den Schwellenländern droht Massenelend. Ökonomen beginnen, schwarz für die Weltwirtschaft zu sehen.
03.04.2020, 10:07

Robert J. Samuelson gehört zu den erfahrensten wirtschaftlichen Kommentatoren in den USA. Als er in den Siebzigerjahren zu schreiben begann, hat er sich geschworen, niemals das Wort «Depression» in den Mund zu nehmen. Zu unwahrscheinlich schien es ihm, dass es jemals wieder zu einem Absturz der Wirtschaft kommen würde, der eine Arbeitslosenquote von über 20 Prozent und ein Schrumpfen des Bruttoinlandprodukts von gegen 50 Prozent zur Folge haben und der jahrelang dauern würde.

Nun hat Samuelson seinen Schwur gebrochen. In seiner jüngsten Kolumne in der «Washington Post» schreibt er:

«Unsere Situation gleicht zunehmend den Zuständen in den Dreissigerjahren. In der Vergangenheit gesicherte Erkenntnisse bilden nicht mehr die Realität ab. Die Trennlinie zwischen einer schweren Rezession und einer Depression ist im besten Fall verschwommen geworden. Sollten wir noch nicht in einer Depression sein, so sind wir näher daran als je seit dem Zweiten Weltkrieg.»

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Politiker gelernt, Abschwünge der Wirtschaft mit den Instrumenten von John Maynard Keynes aufzufangen. Die Notenbank senkte die Zinsen und der Staat erhöhte seine Ausgaben. Damit kam man mehr oder weniger schmerzlos über die Runden.

Wegen der Coronakrise haben die Staaten in den entwickelten Ländern Hilfspakete in der Höhe von Milliarden, ja Billionen geschnürt. Die Notenbanken fluten die Märkte geradezu mit Geld. Der Erfolg hält sich in Grenzen. Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und Co-Autor des in der Finanzkrise einflussreichen Buches «This Time is Different», gibt in der «New York Times» zu Protokoll:

«Ich habe den Eindruck, die Finanzkrise von 2008 sei bloss ein Testlauf gewesen für das, was wir jetzt erleben. Schon jetzt zeichnet sich der tiefste Fall für die Weltwirtschaft seit 100 Jahren ab. Alles hängt davon ab, wie es weitergeht. Sollte es jedoch noch länger so bleiben, dann wird das die Mutter aller Finanzkrisen werden.»

Es gibt bisher kaum Indizien, die auf ein rasches Ende der Coronakrise hindeuten. Inzwischen haben fast alle Länder Bleibt-zuhause-Regeln aufgestellt und diese Regeln bis mindestens Ende April verlängert. Weil damit die Wirtschaft in ein künstliches Koma versetzt wird, schnellen die Arbeitslosenzahlen steil in die Höhe, während die Börsenkurse in den Keller rasseln.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Volkswirtschaften der beiden Supermächte.

In den USA sieht es noch zappenduster aus. Letzte Woche sind über drei Millionen Gesuche für Arbeitslosenunterstützung eingetroffen. Diese Woche waren es doppelt so viel, 6,6 Millionen.

Dabei ist der Höhepunkt der an Covid-19 Erkrankten noch lange nicht erreicht. Im Bundesstaat New York, dem Epizentrum der Epidemie, wird er nicht vor zwei Wochen erwartet. Landesweit ist die Zahl der Infizierten deutlich über 200’000, die Zahl der Toten über 5000 geklettert.

Sanitäter bringen einen Covid-19-Patienten in ein Spital in Brooklyn.
Sanitäter bringen einen Covid-19-Patienten in ein Spital in Brooklyn.
Bild: EPA

Selbst Präsident Trump scheint nun den Ernst der Lage erkannt zu haben. Die nächsten zwei Wochen würden sehr hart werden, erklärte er jüngst an seiner täglichen Pressekonferenz. Anthony Fauci, das Gewissen der Coronakrise, sprach derweil von 100’000 bis 240’000 zu erwartenden Toten.

Offiziell gibt es in China kaum neue Infizierte. So richtig glauben mag man es jedoch nicht. Der wirtschaftliche Schaden ist jedoch bereits jetzt immens. In der «Financial Times» stellt Diana Choyleva, Chefökonomin der Enodo Economics in London, fest:

«Die reale Arbeitslosenquote in China wird wahrscheinlich höher sein als zehn Prozent. Das Wirtschaftswachstum wird auch im zweiten Quartal schwach sein, denn die Unterbrechung der Produktion zeigt Nachwirkungen. Und was noch wichtiger ist: Es gibt keine Nachfrage aus dem Ausland.»

Im ersten Quartal ist das chinesische BIP um 9,4 Prozent gesunken, im zweiten wird mit einem Minus von 2,1 Prozent gerechnet. Obwohl auch in China alles unternommen wurde, um die Jobs zu sichern, lag die Arbeitslosenquote Ende Februar bei 6,2 Prozent.

Soziale Distanz ist in Wuhan, dem Ursprungsort von Covid-19, nach wie vor angesagt.
Soziale Distanz ist in Wuhan, dem Ursprungsort von Covid-19, nach wie vor angesagt.
Bild: AP

Düster sieht die Lage auch in Europa aus. In Italien und Spanien wütet die Epidemie besonders heftig. Es ist absehbar, dass die Volkswirtschaften dieser Länder nur mit massiven Hilfspaketen wieder auf die Beine gebracht werden können. Dazu braucht es auch die Solidarität der übrigen Euroländer. Davon ist nichts zu spüren. Deutschland und Holland wehren sich mit Händen und Füssen gegen sogenannte Coronabonds.

Am schlimmsten werden jedoch die Schwellenländer leiden. Das ausländische Kapital nimmt Reissaus und die Rohstoffpreise sacken ab. Dazu kommen finanzielle Verpflichtungen. Gemäss einem Report der Uno-Handelsabteilung müssen die Schwellenländer bis Ende Jahr gesamthaft Schulden in der Höhe von 2,7 Billionen Dollar zurückerstatten.

Glücklich der Italiener, der einen Hund besitzt. Er darf nach draussen.
Glücklich der Italiener, der einen Hund besitzt. Er darf nach draussen.
Bild: EPA

Normalerweise wäre dies mit Umschuldungen zu stemmen gewesen. Nun ist dies sehr unsicher geworden. UN-Vertreter Richard Kozul-Wright befürchtet daher in der «New York Times», dass diese Länder «von einem Wirtschaftsschock getroffen werden noch bevor der Gesundheitsschock zuschlägt.»

Zu Beginn der Coronakrise bestand die Hoffnung, dass die Wirtschaft kurzeitig in ein künstliches Koma versetzt werden müsse, um das Virus zu besiegen. Danach würde sie sich jedoch rasch wieder erholen und kräftiger denn je zurückkehren.

Dieses Szenario ist immer noch möglich. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass die Weltwirtschaft massiv geschwächt aus dem Koma erwachen wird, und dass wir Glück haben müssen, dass sie nicht in eine langjährige Depression verfällt.

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