Der potenzielle neue Fed-Chef ist reich – sehr reich
Ein sogenanntes «Financial Disclosure», also ein Offenlegen der finanziellen Einnahmen und Vermögen, ist Pflicht für alle, die in den USA Notenbank-Chef oder -Chefin werden wollen. Kevin Warsh erhielt von Donald Trump die Nomination, um Jerome Powell als Chef der Federal Reserve (Fed) zu beerben.
Warsh hat damit gute Chancen auf den Posten, er muss jedoch zuerst vor dem Bankenausschuss des US-Senats vorstellig werden. Erst wenn dieser die Nominierung gutheisst, wird im Senat über Powells Nachfolge abgestimmt. Für einen Entscheid zugunsten Warshs braucht es eine einfache Mehrheit.
Powells Amtszeit endet Mitte Mai 2026. Der Senat hat somit einen knappen Monat Zeit, um den Nominierten in öffentlichen Hearings zu befragen, einen Background Check durchzuführen – und Warshs «Financial Disclosure» genauer anzuschauen. Das dürfte jedoch so schnell nicht gehen: Ganze 69 Seiten beinhaltet die Liste an Angaben über Warshs Einnahmen, Beteiligungen, Hypotheken und so weiter.
Das Dokument, das am Dienstag von der Behörde für Regierungsethik (Office of Government Ethics, OGE) veröffentlicht wurde, zeigt: Der Mann ist zwischen 130 und 200 Millionen US-Dollar schwer und wäre damit der reichste Fed-Chef der bisherigen Geschichte.
Fonds, KI-Aktien – und Kryptos
Warsh gab dabei Hunderte von Investitionen an. Der grösste Posten, mehr als 100 Millionen Dollar, ist in zwei Positionen eines Hedgefonds mit dem Namen «Juggernaut Fund LP» investiert. Der Fonds ist mit dem Duquesne Family Office verbunden, der privaten Investmentgesellschaft des bekannten Milliardärs und Investors Stanley Druckenmiller.
Warsh erhielt im vergangenen Jahr vom Duquesne Family Office ausserdem Beratungshonorare in Höhe von 10.2 Millionen Dollar. Hinzu kommen mehr als 1.5 Millionen Dollar für weitere Honorare: vor allem für Vorträge, darunter 750'000 Dollar vom Hedgefonds Brevan Howard für drei verschiedene Anlässe.
Der mögliche Powell-Nachfolger hält zudem Beteiligungen an Dutzenden von Start-up-Unternehmen, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz, sowie an mehreren Unternehmen im Bereich Kryptowährungen. So hält Warsh Anteile an Flashnet, einer Bitcoin-Handelsplattform. Im Gegensatz zum US-Finanzminister Scott Bessent oder dem Vizepräsidenten JD Vance hält er damit keine direkten Anteile an Kryptowährungen oder an ETFs (börsengehandelte Fonds, die einen Markt nachbilden). Dennoch zeigt es, wo Warsh in puncto Krypto etwa steht.
Was ist ein (Bitcoin)-ETF?
ETF, «Exchange-Traded Fund», heisst übersetzt «börsengehandelter Fonds». Ein Fonds ist eine Art Topf, in den eine Vielzahl von Anlegern Geld einzahlen kann. Die Manager des Fonds kaufen dann mit diesem Geld bestimmte Wertanlagen/Waren und verwalten diese. Nimmt der Preis für die erstandene Ware mit der Zeit zu, profitieren die Anleger.
Bei einem ETF gibt der Fonds zusätzlich Investmentzertifikate heraus, die wie Aktien an Börsen gehandelt werden können. Der Preis dafür steigt und fällt mit dem Kurs der darunterliegenden Güter. Im Falle eines Bitcoin-ETFs also mit dem Bitcoin-Kurs. (tog)
Dass der 56-Jährige Kryptowährungen nicht abgeneigt ist, war bereits zuvor bekannt – ganz zur Freude der Krypto-Community. So bezeichnete er Bitcoin vor einigen Jahren als das «neue Gold für Menschen unter 40».
Rund 60 weitere Beteiligungen wurden von Warsh aufgrund von Vertraulichkeitsvereinbarungen nicht offengelegt.
Warshs 69 Seiten sind beispiellos. Dabei ist schon sein Vorgänger kein mittelloser Mann: Jerome Powells jüngste Offenlegung offenbarte ein Nettovermögen von mindestens 19.5 Millionen US-Dollar. Das Dokument umfasst jedoch «nur» 14 Seiten.
Strenge Ethikregeln
Was heisst das nun für Warshs Nomination?
Wer Fed-Chef oder schon nur Vorstandsmitglied werden will, unterliegt strengen Ethikregeln. Der Grund: Mit ihren Entscheidungen beeinflussen Notenbanker wichtige Schalthebel der Wirtschaft, weshalb Interessenkonflikte verhindert werden sollten. Oder, etwas anders gesagt: Notenbanker sollen so entscheiden, dass es für die gesamte Wirtschaft gut ist – und nicht für ihre eigenen Portfolios.
Die Ethikregeln werden auch für Warsh gelten. Er verpflichtete sich deshalb auch mit der Offenlegung seiner Finanzen, einen Grossteil davon – auch die über 100 Millionen im «Juggernaut Fonds» – zu veräussern, bevor er sein Amt antritt. Er sagte ausserdem zu, von mehreren Ämtern zurückzutreten, darunter bei UPS, sowie von seinen Verbindungen zur Stanford-Universität und vielen anderen Beratungsfunktionen. Gemäss einer OGE-Mitarbeiterin würde er danach die zentralen Ethikregeln einhalten. Ob es das Bankenkomitee des Senats auch so sieht, wird sich noch zeigen müssen.
Viele dieser Ethikregeln gelten generell für hochrangige Staatsangestellte, einige gehen im Falle der Notenbank jedoch darüber hinaus. So dürfen Fed-Angestellte je nach Anstellungsgrad keine finanziellen Geschenke annehmen oder müssen sie zumindest offenlegen. Hochrangigen Vertretern der Federal Reserve ist es untersagt, in einzelne Anleihen, Wertpapiere von staatlichen Stellen, Kryptowährungen, Rohstoffe oder Fremdwährungen zu investieren. Ebenso wenig dürfen sie Derivatekontrakte abschliessen oder Leerverkäufe tätigen.
Diese Regeln gelten sowohl für die Angestellten selber, aber auch für deren Kinder unter 18 Jahren sowie deren Ehepartner. Brisant: Warshs Ehefrau ist noch viel reicher als er selbst. Jane Lauder ist eine Enkelin der Kosmetik-Pionierin Estée Lauder. Sie sitzt im Vorstand des Kosmetikunternehmens und hält Anteile an dem von ihrer Familie gegründeten Unternehmen. Gemäss Forbes besitzt Jane Lauder ein Nettovermögen von etwa 1.9 Milliarden US-Dollar. Lauders Vermögenspositionen wurden deshalb auch in Warshs Offenlegung aufgelistet.
Während das Halten bestimmter Einzelaktien erlaubt ist, dürfen andere (zum Beispiel Bankaktien) gar nicht behalten werden – oder es gelten weitere Restriktionen: Gemäss einer 2022 verschärften Regelung müssen Ehepartner geplante Käufe und Verkäufe von zulässigen Wertpapieren mit einer Frist von 45 Tagen im Voraus ankündigen und eine ethische Genehmigung einholen. Zudem müssen die meisten Anlagen mindestens ein Jahr lang gehalten werden.
Ehemaliger Investmentbanker
Kevin Warsh selbst verdiente sein Geld zunächst an der Wall Street: Er begann seine Karriere als Investmentbanker bei der Grossbank Morgan Stanley. Später wurde er wirtschaftspolitischer Berater unter George W. Bush und zwischen 2006 und 2011 war er bereits Mitglied des Board of Governors (des zentralen Leitungsgremiums) des Federal Reserve Systems – als jüngste Person überhaupt. Später war Warsh ausserdem für die konservative Denkfabrik Hoover Institution der Stanford-Universität tätig.
Mit seinem akkumulierten Reichtum wäre der 56-Jährige unter der ausgesprochen wohlhabenden zweiten Trump-Regierung kein Einzelfall: Neben dem Präsidenten selbst sind dies zum Beispiel Finanzminister Scott Bessent, der zuvor als Hedgefonds-Manager tätig war (geschätztes Nettovermögen von etwa 600 Millionen US-Dollar), Handelsminister Howard Lutnick (7.2 Milliarden) oder Steven Witkoff, Sonderbeauftragter für den Nahen Osten (2.3 Milliarden).
Republikaner könnten mit Nein stimmen
Doch noch ist Kevin Warsh nicht oberster Notenbanker der USA. Was ihm – neben den wohl tiefergehenden Fragen zu seinem Vermögen und dem seiner Ehefrau – am ehesten im Weg stehen dürfte, ist ausgerechnet ein Vorhaben der Trump-Regierung.
Wegen angeblich falscher Behauptungen rund um die Renovation des Fed-Gebäudes leitete das Justizministerium Anfang Jahr eine Untersuchung gegen Noch-Fed-Chef Jerome Powell ein. Die Vorwürfe gelten als ziemlich haltlos, trotzdem könnte die Untersuchung die Nomination eines neuen Fed-Chefs verzögern.
Die Republikaner haben zwar die Mehrheit sowohl im Banken-Komitee, welches die Anhörung nächste Woche durchführen wird, als auch im Senat, allerdings eine sehr dünne. Und es sind nicht nur Demokraten, sondern auch einige Republikaner, denen die Untersuchung gegen Powell missfällt.
Der republikanische Senator aus North Carolina, Thom Tillis, ist Mitglied des Banken-Komitees und gab bereits an, seine Stimme nicht für Warsh zu geben, solange die Untersuchung gegen Powell liefe:
Während die Republikaner im Senat über eine Mehrheit von 53 zu 47 Sitzen verfügen, ist es im Bankenkomitee nur eine Stimme. Sie wären also auf Tillis angewiesen. Aber auch im Senat ist Tillis nicht der einzige Republikaner, der der Meinung ist, die Untersuchung sei ein Versuch Trumps, die Fed in ihrer Freiheit einzuschränken, Zinssätze frei von politischem Druck festzulegen.
Allerdings: Die US-Staatsanwältin von Washington, D.C., Jeanine Pirro, deren Behörde die Ermittlungen gegen Powell leitet, zeigt sich unnachgiebig: Sie werde sich für die Fortsetzung der Ermittlungen einsetzen, selbst wenn dies bedeute, dass Warsh keine Zustimmung erhalte.
Sollte Warsh im Komitee oder im Senat die Mehrheit verpassen, müsste ein neuer Kandidat oder eine neue Kandidatin nominiert werden. In diesem Fall würde Powell über das Ende seiner Amtszeit hinaus Fed-Chef bleiben. Donald Trump hat Powell derweil bereits gedroht: Er würde ihn entlassen, sollte er nicht von selbst gehen.
