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Tesla-Chef Elon Musk.
Tesla-Chef Elon Musk.Bild: AP/AP

Die irre Geschichte, wie Elon Musk (angeblich) einen Tesla-Whistleblower zerstörte

Der ehemalige Sicherheitschef von Teslas Gigafactory packt aus. Seine Story klingt wie ein abgedrehter Thriller.
13.03.2019, 19:0714.03.2019, 11:36

Tesla-Sicherheitsleute, die persönlich von Elon Musk angeheuert wurden, sollen das Telefon eines Mitarbeiters gehackt, seine Nachrichten ausspioniert und sogar die Polizei über einen möglichen Amoklauf bei Tesla in die Irre geführt haben.

Das zumindest ist die Geschichte von Sean Gouthro, dem Ex-Sicherheitsmanager der gigantischen Tesla-Gigafactory in der Wüste Nevadas. Gouthros Behauptungen sind das Herzstück eines neuen «Businessweek»-Berichts, der aufzeigen soll, wie Musk angeblich versuchte die Reputation eines ehemaligen Mitarbeiters zu ruinieren.

Alles begann am 4. Juni 2018 mit einem Artikel des Wirtschaft-Portals Business Insider. Darin heisst es: «Tesla verschwendet eine atemberaubende Menge an Rohmaterial und Geld, um das Model 3 herzustellen.» Der Artikel zitierte eine anonyme Quelle, die sagte, dass sich in der neuen Fabrik riesige Stapel von Schrott türmten, sehr viel Ausschuss anfalle und diese Ineffizienz Tesla Millionen kosten würde. Tesla antwortete, der Ausschuss sei normal, da man nur die beste Qualität für seine Kunden wolle.

Musk nimmt Rache

Der Artikel wäre nach zwei Tagen gegessen und vergessen gewesen. Aber Musk liess es nicht auf sich beruhen, er startete stattdessen eine interne Jagd auf den Whistleblower. Teslas interne Ermittler spürten den Mann rasch auf. Der Whistleblower hatte sich in einer Datenbank Informationen über die aktuelle Ausschussquote angeschaut, die später im Artikel von Business Insider auftauchten.

Es handelt sich um den 40-Jährigen Martin Tripp. Ein einfacher Fabrikarbeiter, der laut Eigenaussage lediglich auf Missstände in der gigantischen Akku-Fabrik aufmerksam machen wollte, die auch die Sicherheit der Arbeiter bedroht habe. Er habe zunächst seine Vorgesetzten mehrfach auf die Probleme angesprochen, sei aber ignoriert worden. Darum habe er sich schliesslich an die Medien gewandt.

Bei vielen Firmen würde ein enttarnter Whistleblower entlassen und verklagt. Musk ging laut Gouthro, Teslas Ex-Sicherheitsmanager der Gigafactory, gleich mehrere Schritte weiter: Polizeidokumente, Aussagen von ehemaligen Mitarbeitern und interne Tesla-Dokumente sollen beweisen, dass ein wütender Musk den Whistleblower regelrecht zerstören wollte. Musk deutete an, Tripp habe die Informationen nicht nur der Presse, sondern auch «unbekannten Dritten» gegeben, etwa Erdöl-Konzernen, konkurrierenden Autobauern oder Spekulanten, die alle Tesla vernichten wollten.

Teslas PR-Abteilung verbreitete das Gerücht, Tripp sei gemeingefährlich und Teil einer grossen Verschwörung. Musk unterstellte der Journalistin von Business-Insider, sie sei von Börsenspekulanten gekauft worden und hätte Tripp bestochen, um an wertvolle Tesla-Interna zu gelangen.

Am 20. Juni 2018 wurde Tripp von Tesla auf 167 Millionen Dollar verklagt. Gleichentags klopfte die örtliche Polizei bei ihm an. Sie hatte von Tesla den Hinweis bekommen, dass Tripp laut einem anonymen Anrufer einen Amoklauf in der Gigafactory plane. Als die Polizei bei Tripp eintraf, war er unbewaffnet und brach in Tränen aus. Die Polizisten realisierten schnell, dass er harmlos ist.

In der Zwischenzeit soll Musk einem Journalisten der renommierten britischen Zeitung «Guardian» die folgende E-Mail geschickt haben: «Mir wurde gerade gesagt, dass wir einen Anruf in der Gigafactory erhalten haben, dass er zurückkommen und Leute erschiessen wird.» Der Journalist antworte: «Ich hoffe, euch geht es allen gut.»

In der Fabrik liess Tesla einen Flyer mit Tripps Foto aufhängen

«BOLO (be on the lookout) Nicht aufs Gelände lassen: Martin Tripp»
«BOLO (be on the lookout) Nicht aufs Gelände lassen: Martin Tripp»bild: businessweek

Die Polizei informierte Tesla, dass von Tripp keine Gefahr ausgehe. Tesla bat die Polizei, trotzdem eine Medienmitteilung zu verschicken. Als die Polizei dies ablehnte, verschickte Tesla eine eigene Mitteilung, um die angebliche Bedrohung durch Tripp in die Medien zu bringen.

Den Bericht von «Businessweek» ins Rollen gebracht hat Sean Gouthro. Der 32-jährige Ex-Sicherheitsmanager der Tesla-Gigafactory ist ein ehemaliger U.S. Marine. Gouthro hat bei der US-Börsenaufsichtsbehörde einen Whistleblower-Bericht eingereicht. Darin wirft er Tesla unethisches Verhalten bei der Enttarnung von Tripp vor. In ihrem Übereifer hätten Musks Sicherheitsleute Tripps Smartphone abgehört und ihn verfolgen lassen. Gouthro widerspricht auch Musks Andeutungen, Tripp habe Tesla sabotiert oder gehackt. Musk sei es allein darum gegangen, Tripps Reputation mit Falschinformationen zu schädigen. Laut einem von «Businessweek» zitierten Tesla-Sprecher sind Gouthros Aussagen «unwahr und sensationslüstern.»

«Sie hatten die Fähigkeit, Dinge zu tun, von deren Existenz ich nicht einmal wusste. Es hat mich zu Tode erschreckt.»
Sean Gouthro, Ex-Sicherheitsmanager in Teslas Gigafactory

Chaos in Gigafactory

Streikposten demonstrierten schon 2016 vor der Gigafactory gegen Dumpinglöhne in der Akku-Fabrik.
Streikposten demonstrierten schon 2016 vor der Gigafactory gegen Dumpinglöhne in der Akku-Fabrik. Bild: AP/The Reno Gazette-Journal

Laut Gouthro war Teslas neue Gigafactory, eines der weltweit grössten Gebäude der Welt, zu dieser Zeit «ein chaotischer Ort». Es seien in kurzer Zeit so viele neue Arbeiter eingestellt worden, dass die Fabrik beinahe unmöglich zu kontrollieren gewesen sei. Anfang 2018 habe er bemerkt, dass viele Arbeiter, von denen einige in den Ecken des Industrieparks aus dem Auto lebten, Kokain und Meth auf den Toiletten nahmen. Andere hatten angeblich Sex in Teilen der Fabrik, die sich noch im Bau befanden. Gouthro behauptet auch, allerdings ohne dies beweisen zu können, dass Tesla-Sicherheitsleute ein Gerät in der Gigafactory installiert hätten, das es erlaube, die private Kommunikation der Arbeiter zu überwachen.

Teslas Akku-Fabrik in der Wüste Nevadas geriet auch 2018 wegen schlechter Arbeitsbedingungen in die <a target="_blank" href="https://www.zeit.de/2018/16/tesla-elon-musk-elektroauto-arbeiter-autoindustrie">Schlagzeilen</a>.
Teslas Akku-Fabrik in der Wüste Nevadas geriet auch 2018 wegen schlechter Arbeitsbedingungen in die Schlagzeilen.bild: CC BY-SA 4.0/wikipedia

Gouthro wurde im Dezember wegen angeblich schlechter Arbeitsleistung entlassen. Tripp lebt heute mit seiner Familie zurückgezogen in Ungarn. Musk stellt morgen sein neues Auto vor.

(oli)

Wie Elon Musk mit Tesla durchstartete

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Wie Elon Musk mit Tesla durchstartete
quelle: getty images north america / joe raedle
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