DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
bild: shutterstock
MoneyTalks

Warum du hemmungslos über Geld sprechen solltest

«In der Schweiz spricht man nicht über Geld». Stimmt das noch? 6 Tipps und einfache Fragen, mit denen du das Geld-Tabu spielend brechen kannst.
28.04.2022, 15:44
Olga Miler
Olga Miler
Folgen

Wann hast du das letzte Mal spontan mit jemandem über Geld gesprochen? Nicht beim offiziellen Lohnverhandlungsgespräch oder bei der Beratung bei der Bank. Sondern so unter Freunden oder zu Hause mit der Partnerin, dem Partner oder mit den Kindern? Gerade erst passiert, schon lange her oder vielleicht noch gar nie gemacht?

Spontan und unbefangen über Geld zu sprechen, fällt vielen von uns nicht so leicht. In der Schweiz gelten wir als besonders verschlossen. Natürlich gibt es auch hier Menschen, die ganz unbefangen über Geld reden, aber schaut man sich z.B. die verschiedenen Blogbeiträge auf Expat-Seiten an, dann findet man Aussagen wie «Fragen Sie mal einen flüchtig Bekannten, wieviel Geld er verdient. In der Schweiz werden Sie sogar bei guten Bekannten auf Granit beissen».

Über den eigenen Kontostand zu reden? Eher nicht. Zu den Gründen sagten Menschen in Video-Interviews, dass dies mit Konfliktvermeidung, Angst vor Neid, anerzogener Diskretion, aber auch Scham, zu wenig oder auch zu viel Geld zu haben, und einer eher allgemeinen Verschlossenheit zu tun hat.

Oder wie es mal jemand in der Kommentarspalte formuliert hat:

«Ich spreche nicht so gern über meinen Lohn. Nicht, weil es wenig wäre, sondern weil es so viel ist. Es ist nicht eine Ablehnung, die einem entgegenkommt, aber Menschen können schlecht damit umgehen. Sie empfinden es als arrogant, wenn man sich so äussert, und sie lehnen es ab. Wenn jemand sehr viel verdient, ist das in unserer Gesellschaft negativ konnotiert.»
watson leser, Frauen & geld

Eine Schweizer Herausforderung?

Überhaupt nicht. Studien in anderen Ländern zeigen, dass z.B. 45% der Deutschen mit Finanzthemen möglichst nicht behelligt werden wollen. In den USA streiten sich 44% der befragten Paare regelmässig um Geld (Fidelity) und 70% sagen, es sei unhöflich, über Geld zu sprechen (Ally Bank). Und in England ist gemäss dem University College London siebenmal wahrscheinlicher, dass Briten einem Fremden sagen, wie viele Sexualpartner oder ob sie eine Affäre hatten, als sich über das Einkommen zu unterhalten.

Warum über Geld sprechen wichtig ist

Auch wenn es für einige von uns vielleicht unbehaglich ist, über Geld zu sprechen, hat es viele Vorteile:

  • Geldgespräche helfen, Stress zu reduzieren und helfen so deiner finanziellen Gesundheit (Financial Health). Verschiedene Studien zeigen eine Wechselwirkung zwischen Finanzstresss und mentaler Gesundheit. So haben z.B. in England fast die Hälfte der Menschen (46%) mit Schulden auch psychische Gesundheitsprobleme. Aus Scham wird über die Situation nicht gesprochen, was zu Isolation und zusätzlichem Stress führt.·
  • Du stärkst deine Finanzbildung mit Informationen und Tipps, die du anders vielleicht nicht hättest. Das hilft für Themen wie Lohnverhandlung, aber auch beim Anlegen und beim Weg durch den Finanzdschungel. Daten zeigen, dass global ca. 1/3 der Menschen für Finanzthemen auf den Rat von Freunden und Familie vertrauen (Global Investor Study, Schoders).·
  • Vermeidung von Konflikten und Überraschungen, z.B. in der Partnerschaft helfen Geldgespräche, Transparenz zu schaffen, Ungleichheiten und Konflikte zu vermeiden. Aber auch in der Familie und mit älteren Verwandten ist es wichtig, über Themen wie Nachlassplanung zu sprechen, um für den Ernstfall entsprechend vorbereitet zu sein.·
  • Du stärkst das Finanz-Selbstbewusstsein deiner Mitmenschen. Dies ist vor allem für Kinder und Jugendliche wichtig, da unsere Geldwerte schon sehr früh, im Alter von 3-7 Jahren, geformt werden. In unserer Studie zu Kindern & Geld haben wir festgestellt, dass Eltern oft zu wenig mit Kindern über Finanzthemen sprechen. So haben in England 1 von 5 Eltern gesagt, dass sie nie oder fast nie mit ihren Kindern Geldgespräche führen und gerade mal 20% vermitteln aktiv Wissen zu Themen wie Investieren.

Trotz all der Vorteile hat über Geld zu sprechen natürlich auch Risiken: Man wird vielleicht anders wahrgenommen, oder als neugierig oder allenfalls aufdringlich empfunden. Und es kann in der Partnerschaft trotz aller guten Bemühungen zu Reibereien kommen.

6 Tipps, wie du’s anpackst

Möglichkeiten, um über Geld zu sprechen, können sich überall ergeben: unter Freunden, im Beruf, in der Partnerschaft, mit Kindern und Bekannten. Hier sind als Inspiration ein paar Tipps und Beispielfragen, die sich für verschiedene Gelegenheiten eigenen.

1. Einfach mal starten, z.B. mit einer Person des Vertrauens: In meinen Finanzkursen bitte ich Teilnehmerinnen, innert einer Woche mit einer Person über Geld zu sprechen – ganz unverfänglich, ohne dass gleich alle Zahlen auf den Tisch gelegt werden müssen. Die Feedbacks sind erstaunlich: «Wir haben sehr gelacht» oder dass man sich besser kennengelernt hat. Unverfängliche Fragen für den Start sind z.B.:

  • Was hältst du eigentlich von …·
  • Ich beschäftige mich gerade mit …, wie machst du das so?·
  • Was sind die 3 besten Investitionen, die du je in deinem Leben gemacht hast?·
  • Von wem oder wo informierst du dich über …, hast du Tipps für mich?·
  • Ich bin auf der Suche nach …, hast du eine Idee oder kannst jemanden empfehlen?

2. Sich vom Bank- und Finanzkauderwelsch nicht einschüchtern lassen: Finanzen haben wirklich eine eigene Sprache mit endlos vielen Abkürzungen und Begriffen. Das Gute ist: Niemand weiss alles über Geld, also gibt es auch keinen Grund, sich einzureden, dass du vielleicht zu wenig weisst, um darüber zu reden. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass der/die Gesprächspartner/in auch nicht alles weiss. Und falls das Gespräch mit Expertinnen stattfindet, z.B. in einer Bank, einfach fragen – dazu sind die Menschen ja da, um etwas zu erklären. Beim Arzt, wenn der die Diagnose mit Fachbegriffen schildert, würde ich ja auch nachfragen😉.

3. Einen geschützten Rahmen schaffen: Wie bei vielen Sachen hilft es, wenn man sich gemeinsam mit anderen in einem Rahmen trifft, der schon ein Ziel vorgibt. Bei Geld kann das z.B. eines der zahlreichen Webinare, welche mittlerweile jede Menge Finanzanbieter anbieten, ein Anlege-Club oder ganz einfach in den verschiedenen Plattformen und bei Posts von Finfluencerinnen geschehen – einfach mal mitdiskutieren.

4. Sich regelmässig Zeit nehmen für die eigne Geldhygiene und für Gespräche mit Partnern und nahen Verwandten. Beides ist wichtig, die eigenen Finanzen brauchen, wie unser Körper auch, regelmässig Pflege. Und mit Partnern und nahen Verwandten sind Geldgespräche unerlässlich, damit Stress und ungewollte Überraschungen vermieden werden können. Für beides kannst du z.B. regelmässige Money Dates einplanen. Wichtig ist vor allem, dass diese Gespräche nicht nur auf Zahlen und allenfalls Schuldzuweisungen beruhen, sondern offen und zukunftsgerichtet sind. Was möchte man gemeinsam erreichen? Welche Sorgen hat der andere? Was sind Sachen, die man anpacken will, und wer macht es?

5. Gut vorbereitet zur Lohnverhandlung gehen. Es ist oft eines der entscheidenden Geldgespräche, das viele von uns jedes Jahr führen. Vorbereitung mit Daten und Argumenten und allenfalls vorher üben hilft enorm. Einen Erklärartikel dazu.

6. Mit Kindern über Geld sprechen: Für Eltern ein Muss, aber auch alle anderen haben z.B. als Gotte oder Götti oder bei verschiedenen Anlässen verschiedene Möglichkeiten. Fragen, die ganz einfach zu stellen sind, sind z.B. worauf das Kind spart, ob es sich für Finanzen interessiert, ob es Taschengeld oder Jugendlohn bekommt, welche Online-Spiele es spielt etc. – viele Kinder wissen aus sozialen Medien und verschiedenen Spielen mehr als wir denken würden über Geld und auch Krypto. Eine andere Möglichkeit ist z.B. Finanzbildung zu schenken mit altersgerechten Büchern, Sparschweinen, Spielen etc.

Wie ihr seht, es gibt ganz viele Möglichkeiten über Geld zu sprechen, und wenn man es tut, kommt oft Unerwartetes dabei raus – also einfach ausprobieren😉. Wie sprecht ihr über Geld und welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

bild: zvg
Olga Miler ...
... war über zehn Jahre in verschiedenen Funktionen bei der UBS tätig, unter anderem hat sie dort das Frauenförderungsprogramm und den UBS Gender ETF aufgebaut. Jüngst gründete sie das Start-up SmartPurse, eine Plattform, auf der sie digitale Kurse und Workshops zum Thema Finanzen für Frauen anbietet. Letztes Jahr schrieb Miler den watson-Blog «Frauen und Geld» und wird uns dieses Jahr mit «MoneyTalks» an ihrer Expertise teilhaben lassen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

10 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Yelina
28.04.2022 17:16registriert Juli 2014
Ich starte am Montag einen neuen Job. Als ich bei den Ex-Kolleg*innen als Begründung u.A. angab, am neuen Ort mehr zu verdienen, wurde ich teilweise auch schräg angeschaut. 🤔
Ich rede recht offen über das Thema Lohn, obwohl ich relativ gut verdiene, Neid schlägt mir insbesondere auch aus der Familie entgegen, aber weshalb sollte ich mich schämen, ich arbeite ja dafür. 🤷🏻‍♀️
241
Melden
Zum Kommentar
10
Indonesien hebt Exportverbot für Palmöl nach Protesten wieder auf

Indonesien will das Exportverbot für Palmöl Anfang nächster Woche wieder aufheben. Das kündigte Präsident Joko Widodo am Donnerstag in Jakarta an. Hunderte Landwirte hatten zuvor gegen den Exportstopp protestiert.

Zur Story