Wirtschaft
Schweiz

Temu liefert weniger Mehrwertsteuer ab als die Schweizer Konkurrenz

Temu liefert weniger Mehrwertsteuer ab als die Schweizer Konkurrenz – warum das legal ist

Der chinesische Onlineshop Temu setzt mit dem Verkauf von günstigen Produkten aus China mittlerweile jedes Jahr Hunderte Millionen Franken in der Schweiz um. Bei der Mehrwertsteuer hat er einen Vorteil gegenüber Galaxus, Brack und Co. Das soll sich ändern.
04.08.2024, 13:55
Stefan Ehrbar / ch media

Der chinesische Onlineshop Temu ist innert kürzester Zeit zum Schrecken des Detailhandels aufgestiegen. Im vergangenen Jahr kam er praktisch aus dem Nichts auf 300 Millionen Franken Umsatz in der Schweiz. Die Preise sind oft unschlagbar günstig. Wer Temu besucht, wird mit Gratisversand, «Blitzangeboten» mit hohen Rabatten oder der Möglichkeit der kostenlosen Rücksendung umworben.

Temu logo online marketplace ecommerce on a smartphone and computer Stuttgart, Germany - May 1, 2024: Temu logo online marketplace ecommerce on a smartphone and computer in Stuttgart, Germany. Copyrig ...
Günstig und beliebt: Der Onlineshop Temu beschäftigt die Schweizer Händler.Bild: www.imago-images.de

Temu ist der jüngste und am schnellsten wachsende Onlineshop, der aus China direkt an Privathaushalte in der Schweiz liefert. Dieses Geschäftsmodell wird zum immer grösseren Problem für hiesige Händler, die mit den Preisen nicht mithalten können. Die drei grössten chinesischen Händler - Temu, der auf Kleider spezialisierte Shein sowie Aliexpress - setzten vergangenes Jahr zusammen schon fast eine Milliarde Franken pro Jahr in der Schweiz um und dürften hiesigen Onlinehändlern ein Mehrfaches davon an Umsatz abzwacken. Temu ist insofern speziell, als der Shop die Bedürfnisse der hiesigen Kundschaft besonders ernst nimmt und etwa die Bezahlung mit der nur in der Schweiz nutzbaren Bezahl-App Twint ermöglicht.

Die Konkurrenz ist alarmiert. Und sie handelt. So hat sich Temu bereits eine Klage von Schweizer Händlern eingehandelt, über welche das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) brütet. Der Branchenverband Swiss Retail Federation glaubt, dass Temu gegen mehrere Gesetze verstösst, etwa weil viele Produkte hiesige Sicherheitsvorschriften nicht erfüllten oder weil Temu irreführende Behauptungen wie «fast ausverkauft» aufstelle. Doch Temu hat im Kampf der Onlineshops noch einen weiteren Vorteil, wie sich nun zeigt: Der Händler führt wohl deutlich weniger Mehrwertsteuer (MWST) ab, als es seine Umsätze vermuten liessen.

Steuerverwaltung antwortet nicht

Aufgefallen ist dies Leser Peter P.*, der Ware im Wert von über 100 Franken bei Temu bestellte. Auch auf mehrfache Nachfrage konnte der Shop ihm keine Quittung ausstellen, auf welcher der MWST-Betrag einzeln aufgeführt war. Sein Verdacht: Temu drückt sich vor der Steuer - und die Behörden schauen zu.

Die Indizien sprechen zunächst für diese These: Alle Firmen, die Mehrwertsteuern abliefern, sind eigentlich im UID-Register mit ihrer Identifikationsnummer aufgeführt. Weder Temu noch die Muttergesellschaft PDD sind dort zu finden. Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) darf keine Auskünfte zu einzelnen Unternehmen erteilen, bestätigt aber: Wer Mehrwertsteuern abliefert, müsste im Register eingetragen sein.

P. meldete sich bei der Wettbewerbskommission (Weko), die ihn an die Steuerverwaltung verwies. Von dort erhielt er gemäss eigenen Aussagen keine zufriedenstellende Antwort. Dass Temu keine Mehrwertsteuern abliefere und die Behörden untätig blieben, das sei «deprimierend», findet er.

Entgehen Staat 24 Millionen pro Jahr?

Bei einem geschätzten Umsatz von 300 Millionen Franken sollten dem Staat aus dem Temu-Geschäft eigentlich rund 24 Millionen Mehrwertsteuer-Franken zufliessen. Tun sie aber wohl nicht. Die Gründe sind kompliziert.

Temu verschickt viele Pakete mit geringem Warenwert. Bei solchen Kleinsendungen verzichtet das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit auf die Erhebung der Mehrwertsteuer. Betroffen von dieser Regelung sind Pakete mit einem Warenwert von bis zu 62 Franken beim MWST-Normalsatz von 8,1 Prozent. Bei diesen würde der Steuerbetrag weniger als 5 Franken betragen. Der Zoll verzichtet wegen der unverhältnismässigen Verwaltungskosten darauf, solche Kleinbeträge einzuziehen.

Temu-Kritik: Darum sollte man beim Onlineshop vorsichtig sein
Die App von Temu.Bild: imago-images.de

Diese Regel gilt auch, wenn eine teurere Bestellung auf mehrere Pakete aufgeteilt wird. Veranlagt werden die einzelnen Pakete, nicht einzelne Bestellungen im Onlineshop. Auch die Bestellung von P. wurde in mehreren Sendungen ausgeliefert.

Temu fungiert als Plattform

Bei Sendungen, die teurer sind, dürfte alles gesetzeskonform verlaufen: Temu meldet alle Sendungen gemäss eigenen Angaben beim Zoll an und bezahlt diesem die geforderte Steuer. Der Zoll überweise diese der Steuerverwaltung. Rechtlich gesehen fungierten die Kunden als Importeur. Temu muss in diesem Fall nicht zwingend im UID-Register zu finden sein.

Ein grosser Teil der Pakete von Temu dürfte aber weniger als 62 Franken wert sein und deshalb von der Regel für Kleinsendungen profitieren. Eigentlich hat der Gesetzgeber vorgesorgt. Seit 2019 sind alle Onlineshops mehrwertsteuerpflichtig, die im eigenen Namen Waren im Wert von mehr als 100'000 Franken pro Jahr in die Schweiz versenden. Auch solche, die ausschliesslich Kleinsendungen verschicken. Diese Umsatzgrenze hat Temu längst erreicht. Solche Firmen wären im UID-Register zu finden.

Temu profitiert allerdings von einer Regulierungslücke, die mit der Geschäftsform zusammenhängt. Temu fungiert - ähnlich wie in Teilen etwa die Onlineshops von Galaxus oder Amazon - als Plattform. Chinesische Händler nutzen den Onlineshop von Temu, um ihre Ware direkt an europäische Kundschaft zu verkaufen. Diese Händler gelten als Verkäufer, nicht Temu, das die Verkäufer und Käufer lediglich auf dem virtuellen Marktplatz zusammenbringt.

Plattformbetreiber schulden keine Mehrwertsteuer. Diese müssten - wenn schon - die einzelnen Verkäufer entrichten. Ein stichprobenartiger Blick ins UID-Register zeigt: Die meisten der auf Temu vertretenen Händler zahlen wohl keine MWST. Diese bei ihnen einzufordern, dürfte aber so gut wie unmöglich sein - schliesslich haben sie in den seltensten Fällen eine Niederlassung in der Schweiz.

Temu gründet Niederlassung

Die gute Nachricht für die Staatskasse ist: Das Problem wurde erkannt. Im Jahr 2023 hat das Parlament das Mehrwertsteuergesetz geändert. Voraussichtlich ab dem 1. Januar 2025 tritt die sogenannte Plattformbesteuerung in Kraft. Die Rechtslage für die Online-Plattformen wie Temu ändert sich. Auch wenn sie nur Käufer und Verkäufer zusammenbringen, gelten sie ab dann als Leistungserbringer und werden verpflichtet, die MWST abzuliefern. In der Europäischen Union ist eine solche Regel bereits in Kraft.

Temu teilt auf Anfrage mit, dass man sich an diese Regel halten werde. Zu diesem Zweck hätten die Betreiber Anfang Jahr ein Unternehmen in der Schweiz gegründet und eine Mehrwertsteuernummer registriert. Dabei handelt es sich um die Firma Whaleco Switzerland AG in Basel.

Die Schweizer Onlineshops müssen zwar weiterhin mit der Billig-Konkurrenz aus China leben, schliesslich werden deren Produkte in den meisten Fällen auch dann noch unschlagbar günstig sein, wenn in jedem Fall 8,1 Prozent MWST fällig werden. Immerhin der Staat aber kann ab nächstem Jahr stärker vom Boom der China-Shops profitieren - und sich auf zusätzliche Millionen freuen. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
129 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Dragonlord
04.08.2024 12:23registriert Juli 2016
Tja. Ich versuche immer, den Menschen in meinem Umfeld ins Gewissen zu reden, wenn sie mir von Temu, Wish, etc... erzählen. Sie schaden damit der Umwelt, der Wirtschaft und somit auch ihrem eigenen Nachwuchs. Und wofür? Für eine herzige Katzen-LED-Lampe, einen pinken Taschenventilator oder irgenwelchen anderen billigen Krimskrams, den kein Mensch braucht?
13624
Melden
Zum Kommentar
avatar
El Mussol
04.08.2024 13:11registriert Mai 2023
Auch wenn's gleich Blitze hagelt, aber in meinen Augen ist es eine Schande, dass sowas wie Temu in der Schweiz Fuss fassen kann. Denn ich dachte eigentlich, dass der Schweizer Kunde auf eine hohe Produktwertigkeit Wert legt. Und in Anbetracht des recht stark ausgeprägten Patriotismus dachte ich, dass der Schweizer seinem Land nun wirklich keinen Schaden zufügen will.
Falsch gedacht. Manchmal scheine ich sehr naiv zu sein...
12118
Melden
Zum Kommentar
avatar
Fritz Spitz
04.08.2024 12:00registriert Juli 2014
Kann man Temu/Shein irgendwie per Initiative verbieten? Die Schaden der Umwelt und der CH-Wirtschaft, was viele halt nicht kapieren leider. Gegen AirBnB gab es auch mal eine Initiative in Luzern.
13742
Melden
Zum Kommentar
129
    Trumps Zölle bringen die Autoindustrie ins Schleudern
    Donald Trump will am «Tag der Befreiung» umfassende Zölle verhängen. Besonders fixiert ist er auf den Autobau in den USA, doch dabei ignoriert er die Abhängigkeit von Zulieferern.

    Henry Ford hatte eine Vision. In den 1920er Jahren kaufte der amerikanische «Autokönig» ein Stück Urwald im brasilianischen Amazonasgebiet, um eine Kautschukplantage zu errichten. «Fordlandia» wurde das Projekt genannt, mit dem er günstige Pneus fabrizieren wollte. Damals wollten die Autobauer möglichst viel selbst herstellen.

    Zur Story
    129