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Wirtschaft
Schweiz

Biodiversität in der Schweiz: So steht es um unsere Flora und Fauna

Biodiversität
Postkartenidylle, aber die Biodiversität leidet in der Schweiz.Bild: Shutterstock

7 Punkte, die zeigen, wie es um die Biodiversität in der Schweiz steht

Nach dem Klimagipfel, jetzt die UN-Biodiversitätskonferenz. Auch in Montreal sind die Ziele hoch gesetzt. Die Frage ist, ob es zu einer guten Lösung kommt. Und wie sieht es mit der Biodiversität eigentlich in der Schweiz aus?
11.12.2022, 17:2512.12.2022, 18:24
Reto Fehr
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Die weltweite Biodiversität nimmt seit Jahren ab. Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen daher vom sechsten Massenaussterben. Die Biodiversität steht durch die Landnutzung und den Verlust der Lebensräume sehr stark unter Druck. Nun kommt der rasche Klimawandel dazu. Beide Krisen wirken sich direkt auf die Lebensgrundlagen der Menschen aus.

Vom 7. bis 19. Dezember findet in Montreal die 15. globale Biodiversitätskonferenz (COP 15) statt. Bei diesem Weltnaturgipfel geht es darum, weltweite Vereinbarungen zum Schutz der Biodiversität zu treffen. Hauptziel ist, dass bis 2030 weltweit insgesamt 30 Prozent der Flächen auf dem Meer und an Land für die Biodiversität gesichert werden («30 by 30»).

Regierungsvertreter aus der ganzen Welt treffen sich dabei. Auch die Schweiz schickt eine Delegation nach Kanada. Man wolle sich für «ambitionierte Ziele und klare Regeln für die Umsetzung von Massnahmen engagieren».

Doch wie steht es bei uns um die Biodiversität? Diese sieben Punkte zeigen den Zustand und die Entwicklungen in der Schweiz.

Der aktuelle Stand

Den aktuellen Stand publizierte das Bundesamt für Umwelt (BAFU) letztmals 2017 im Bericht «Biodiversität in der Schweiz: Zustand und Entwicklung».

Herausforderungen stehen insbesondere für die Landwirtschaft an. Im intensiv bewirtschafteten Mittelland sind viele Tier- und Pflanzenarten unter Druck. So ist zum Beispiel das Rebhuhn 2019 bei uns ausgestorben. Lebensräume verschwinden und Dünger- sowie Pflanzenschutzmittel beeinträchtigen die Biodiversität. Während die Landwirtschaftsfläche seit 1900 leicht abnahm, wurde die Produktion stark ausgebaut.

Die Schweizer Landwirtschaft steht bei den Stickstoff-Verlusten nach Holland und Belgien an dritter Stelle in Europa. Diese Überschüsse aus der Tierhaltung gelangen in empfindliche Ökosysteme und verdrängen seltene Arten. Auch mangelt es an Flächen für die Biodiversität: Nur ein Prozent der Fläche im Ackerland wird heute Bestäubern und natürlichen Schädlingsbekämpfer zur Verfügung gestellt.

Landwirtschaftsfläche und Produktion

Landwirtschaftsnutzung
Bild: BAFU

Gegenüber anderen Ökosystemen ist der Zustand der Wälder insgesamt gut. Die natürliche Waldverjüngung setzt sich durch und die Biodiversität ist hoch. Rund 40 Prozent der Schweizer Arten halten sich vorwiegend im Wald auf, wachsen dort oder sind irgendwann vom Wald abhängig.

Anteil der Waldarten für verschiedene Organismengruppen

Bild
Bild: BAFU

Weniger rosig sieht es bei den Gewässern aus (siehe auch unten). Lebensräume in den Alpen geraten unter Druck und Siedlungsgebiete können Chancen und Risiken beinhalten. Allgemein gilt festzuhalten, dass Generalisten auf dem Vormarsch sind, Spezialisten weniger werden. Die Situation für bedrohte Arten hat sich grundsätzlich nicht verbessert.

Anteil gefährdeter Tiere in der Schweiz

Die Schweiz steht beim Anteil gefährdeter Tierartengruppen (beispielsweise Säugetiere, Vögel, Reptilien, Fische etc.) an der Spitze. Dies zumindest, wenn man die Daten der OECD auswertet und nur Länder berücksichtigt, die für mindestens fünf Artengruppen entsprechende Auswertungen erstellt haben. Diese Auswahl gleicht allenfalls hohe/tiefe Resultate einer einzigen Tierartengruppe aus.

Im Schnitt sind in der Schweiz über 40 Prozent aller Arten pro Artengruppe gefährdet. Damit ist der Anteil rund doppelt so hoch wie im Schnitt der ausgewählten Nationen:

Hier ist die Artenvielfalt am grössten

Um die Lage der verschiedenen Arten zu beurteilen, benötigt es Beobachtungen im Feld. Diese werden von den faunistischen und floristischen Daten- und Informationszentren der Schweiz (Info Species) verwaltet und ausgewertet.

Durch diese Beobachtungen können Angaben zur Verbreitung verschiedener Arten gemacht werden. Es zeigt sich dabei, dass die schwer zugänglichen Gebiete in den Bergen natürlich weniger gut abgedeckt sind. Aber auch im Mittelland wäre teilweise mehr möglich.

Ebenfalls auffallend: Je mehr ein Gebiet untersucht wird, desto eher wird die höchste Kategorie der beobachteten Arten (violett) erreicht.

Rote Liste der Schweiz

Rote Listen zeigen den Gefährdungsgrad von Arten. Im Auftrag des BAFU werden diese durch Fachleute nach Kriterien der Weltnaturschutzunion IUCN erarbeitet und aktualisiert.

In der Schweiz wurden bisher 56'000 verschiedene Arten nachgewiesen. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass mindestens 29'000 weitere mehrzellige Arten in der Schweiz leben. Für rund 20 Prozent (10'844 Arten) der nachgewiesenen Arten existiert eine Gefährdungseinschätzung. Das hört sich zunächst nach nicht sehr viel an, ist aber auch im Vergleich mit anderen Ländern deutlich mehr. 35 Prozent davon gelten als gefährdet oder ausgestorben.

Anzahl Arten mit Gefährdungseinschätzung für verschiedene Organismengruppen.
Anzahl Arten mit Gefährdungseinschätzung für verschiedene Organismengruppen.Bild: Hotspot 46/2022

Damit eine Art auf die Rote Liste kommt, müssen Kriterien wie «abnehmende Populationsgrösse», «kleines Verbreitungsgebiet» oder «kleine Zahl fortpflanzungsfähiger Individuen» erfüllt sein. Danach wird in Kategorien aufgeteilt. Drei davon gelten als «Rote Listen»-Arten.

Anteil der gefährdeten und der ausgestorbenen Arten in verschiedenen Organismengruppen, Stand 2022. Von den 10 844 bewerteten Arten gelten 35 Prozent als gefährdet oder ausgestorben (Rote Linie: Durch ...
Anteil der gefährdeten und der ausgestorbenen Arten in verschiedenen Organismengruppen, Stand 2022. Von den 10 844 bewerteten Arten gelten 35 Prozent als gefährdet oder ausgestorben (Rote Linie: Durchschnitt über alle Arten). In Klammern: Anzahl bewertete Arten.Bild: Hotspot 46/2022

Auen, Moore und Trockenwiesen massiv zurückgegangen

Das Forum für Biodiversität Schweiz, Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) publizierte vor einigen Jahren mit der Broschüre «Biodiversität in der Schweiz» Informationen zum Wandel der Biodiversität in der Schweiz seit 1900.

Darin zeigen zwei Karten, wie sich die Trockenwiesen und -weiden der Schweiz um 1900 bis zum Jahr 2010 verändert haben. 95 Prozent der Flächen gingen in diesem Zeitraum verloren. Seit 1990 betrug der Rückgang allein 30 Prozent.

2010 standen rund 21'000 Hektaren der Trockenwiesen und -weiden unter Schutz. Allerdings nimmt die Qualität der Objekte ab, da Flächen intensiver genutzt werden:

Trockenwiesen und -weiden 1900 und 2010

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image before
bild: Forum Biodiversität der Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT)

Neben Trockenwiesen und -weiden nahm auch der Anteil von Auen (-70 % seit 1850) und Mooren (-82 % seit 1900) massiv ab. Die Erhaltung von Mooren und Auen ist für die Biodiversität mitentscheidend. Seit 1990 wurden hier diverse solcher Flächen unter Schutz gestellt, um die Abnahme zu stoppen:

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Insekten sind massiv unter Druck

Insekten gehören zu den gefährdetsten Arten. Die Studie «Insektenvielfalt in der Schweiz» zeigte dies 2021 deutlich. Viele der Schweizer Insekten sind bedroht und stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Zu sechs Insektengruppen liegen in der Schweiz aktuell Rote Listen vor. 43 Prozent der 1153 bewerteten Insektenarten gelten als gefährdet, weitere 16 Prozent als potenziell gefährdet. 38 Arten sind bei uns schon ausgestorben.

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bild: Scnat

Interessant ist auch ein Blick auf die Schmetterlingsfauna in der Schweiz. Hier dehnten sich in den vergangenen 30 Jahren tendenziell diejenigen Arten aus, welche höher Temperaturen bevorzugen (Wärmezeiger). Solche, die sich eher mit tiefen Temperaturen anfreunden (Kältezeiger) werden seltener.

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bild: csnat

Schweizer Gewässer für Biodiversität entscheidend

Wie eingangs schon erwähnt, sind die Gewässer in der Schweiz besonders unter Druck. Im BAFU-Bericht 2022 der «Gewässer in der Schweiz» wird der Zustand analysiert. Die vielen Wasserressourcen der Schweiz haben eine hohe Wichtigkeit für Gesellschaft, Wirtschaft und Natur. Rund 80 Prozent des Schweizer Trinkwassers stammen beispielsweise aus dem Grundwasser.

Die vielfältige Nutzung von Wasser veränderte das Landschaftsbild und führte zu Verlust von Lebensraum für Tiere und Pflanzen (siehe auch Abnahme der Auen-Landschaften oben). Ein Umdenken findet hier statt. Auch wurden Massnahmen eingeleitet, um die Wasserqualität zu steigern.

So steht es um Schweizer Fisch- und Krebsarten

Fische Biodiversität
Gefährdung aller einheimischen Schweizer Fisch- und Krebsarten gemäss Roter Liste.Quelle: VBGF 2014, Bilder: M. Roggo

Bäche, Flüsse, Teiche und Seen zählen grundsätzlich zu den artenreichsten Lebensräumen. Über 80 Prozent aller bekannten Tierarten kommen in Gewässern und den direkt an sie anschliessenden Ufer- und Auenlebensräumen vor. In der Schweiz sind viele davon bedroht. Gewässerorganismen sind darum überdurchschnittlich stark betroffen. 53 Prozent sind bereits gefährdet oder ausgestorben.

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166 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Doppelpass
11.12.2022 18:05registriert Februar 2014
Resultat einer jahrzehntelang total verfehlten, mit Milliarden subventionierten Landwirtschaftspolitik.
Falsch gewählt, falsch abgestimmt.
Immer wieder auf die Frasen der Agrarlobby reingefallen.
Für welche "Gefahr" muss dringend eine Lösung gefunden werden?
Genau: der Wolf!
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DerRealist
11.12.2022 17:59registriert September 2022
Andere Krisen sind in aller Munde, aber der alarmierende Biodiversitätsverlust scheint kaum jemand zu interessieren. Im Gegenteil, der Schutz wird immer mehr als lästiger Verhinderer für alles Mögliche angesehen und kommt zunehmend unter Druck.
Eine bedenkliche Entwicklung.
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Menel
11.12.2022 18:20registriert Februar 2015
Das wäre ja eigentlich die Schnittmenge von SVP und Grünen; Heimatschutz und Naturschutz...eigentlich...
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