Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Das Pissoir im Shop-Ville unter dem Zuercher Hauptbahnhof, das einzige Gratis-Pissoir im ganzen Bahnhof, aufgenommen am 19. Oktober 1998. Hier ist der Treffpunkt der 'Stricher-Szene'. An die Strichjungen richtet sich das  Projekt 'Herrmann', das vom Zuercher Gemeinderat beschlossen wurde und von der SVP mit dem Referendum bekaempft wird. (KEYSTONE/Roger Doelly)

Bahnhofstoiletten früher: Das Pissoir im Shop-Ville unter dem Zürcher Hauptbahnhof, aufgenommen 1998. Bild: KEYSTONE

«Pissoir Einsfünfzig!» Wie die SBB mit den Bahnhofstoiletten Geld machen

Die SBB privatisierten die Toiletten an den Bahnhöfen in den vergangenen Jahren schrittweise. Jetzt sollen die grossen WC-Anlagen aus einer Hand betrieben werden.

Sven Altermatt / CH Media



Wer mal muss, muss zahlen. Da gibt es kein Pardon. Nicht für den Mittzwanziger, der an diesem Vormittag in die Toilettenanlage des Berner Bahnhofs schleichen will und von der Angestellten sofort zurechtgewiesen wird: «Das kostet! Pissoir Einsfünfzig!»

Kein Pardon gibt es auch für die ältere Dame. Routiniert steckt sie eine 20-Franken-Note in den Wechselautomaten, greift nach den ausgespuckten Münzen und wirft bei der Zugangssperre einen Zweifränkler ein, um dann endlich eine der WC-Kabinen aufsuchen zu dürfen.

Nirgendwo sind öffentliche Toiletten als Erleichterungsorte für Notfälle so gefragt wie an Bahnhöfen, den Schmelztiegeln des öffentlichen Lebens. Und just von hier aus entwickelte sich der Gang aufs WC auch zu einem Geschäftsmodell. Bald ein Vierteljahrhundert ist es her, seit die Bundesbahnen den Wert einer sauberen Toilette erkannt haben.

Im Frühjahr 1995 verwandelten die SBB die renovierte Toilettenanlage im Bahnhof Bern ins «erste moderne Hygienecenter der Schweiz». Endlich sollte das Zeitalter übel riechender Toiletten vorbei sein. Das hatte seinen Preis: Der Zutritt zum Hygienecenter kostete 1,50 Franken, die Benutzung des Urinals einen Franken.

mcclean bahnhof toilette

Bahnhofstoiletten heute: eine McClean-Anlage. Bild: zvg

Neuer Standard punkto Sauberkeit und Komfort

Den Betrieb der Anlage übernahm die McClean AG, eine damals neugegründete Tochterfirma der Keramik-Holding Laufen. Sie bezahlte den SBB eine Miete und übernahm den Bau der Einrichtung. Dafür durfte sie Gebühren kassieren.

McClean versprach einen neuen Standard punkto Sauberkeit und Komfort, eine «Insel der Körperpflege» aus Granit und Chromstahl. Die gepflegten Kabinen wurden von Personal beaufsichtigt und laufend gereinigt. Kunden fanden Annehmlichkeiten wie Schminkplätze und konnten gegen einen Aufpreis sogar duschen.

Trotzdem: Dass fortan in jedem Fall für die Benutzung der Bahnhofstoilette bezahlt werden musste, stiess anfänglich auf Proteste. Manche Männer wichen in die dunklen Ecken des Bahnhofs aus, um Wasser zu lösen. Und Konsumentenschützer schimpften über die «Kommerzialisierung mit Klobürste».

Davon unbeeindruckt wurde aus den vermeintlich öffentlichen Toiletten definitiv eine Geldquelle. Schrittweise privatisierten die SBB ab dem Jahr 1995 ihre Toilettenanlagen. Parallel dazu trieb McClean das WC-Business auf die Spitze.

Auf die erste Anlage in Bern folgten weitere, heute betreibt das Unternehmen für die SBB auch Hygienecenter in weiteren grossen Bahnhöfen. Zudem ist die Hygiene-Kette mit Sitz in Basel im europäischen Ausland tätig. Nach einem Management-Buyout befindet sich McClean heute im Besitz seines Gründerteams.

Wie viel die Toiletten einbringen, ist nicht bekannt. Umsatzzahlen veröffentlicht das Unternehmen keine. Längst sind andere Firmen in das Geschäft eingestiegen. An manchen Zentrumsbahnhöfen arbeiten die Bundesbahnen mit lokalen Reinigungsfirmen zusammen.

Service public? Gebühren fürs WC bleiben

Nach der Kommerzialisierung der Toiletten folgt jetzt quasi die Zentralisierung: Die Hygienecenter an neun grossen Bahnhöfen sollen künftig aus einer Hand betrieben werden. Die SBB haben den entsprechenden Grossauftrag öffentlich ausgeschrieben. Es handle sich um «die erste Ausschreibung in diesem Umfang», bestätigt ein Bahnsprecher.

Man wolle künftig mit einem einzigen Anbieter zusammenarbeiten, weil so «die Qualität an verschiedenen Standorten auf ein ähnliches Niveau gesteigert beziehungsweise gehalten werden kann».

Von der Ausschreibung betroffen sind auch die von McClean betriebenen Hygienecenter in Basel, Bern, Luzern und Zürich. Die Verträge mit dem Unternehmen laufen Ende 2019 aus. Nun muss sich McClean einer öffentlichen Ausschreibung stellen – könnte dafür aber zusätzlich die Anlagen in Biel, Genf, Lausanne, Winterthur und Zug übernehmen.

Laut Brancheninsidern gilt es als ausgemacht, dass sich das Unternehmen um den Auftrag bemühen wird. McClean selbst liess eine Anfrage unbeantwortet.

Dass andere Firmen ebenfalls um den SBB-Auftrag buhlen, ist gut möglich. Auf dem europäischen Markt mit den Bezahltoiletten tummeln sich Grossanbieter wie Sanifair und Hering Interpublic.

Mit der Ausschreibung dürfte überdies klar sein: Die SBB zählen ein kostenloses Angebot an sauberen und beaufsichtigten Toilettenanlagen nicht mehr zu ihrem Service public. Noch im Jahr 2011 stand ein Kurswechsel zur Diskussion. Die damalige SBB-Personenverkehrschefin Jeannine Pilloud prüfte eine Rückkehr zu «kostenfreien, sauberen Bahnhofstoiletten».

Für die Benutzung einer WC-Kabine bezahlen Kunden unterdessen zwei Franken, für das Pissoir 1,50 Franken. Die Gebühren würden von McClean in Absprache mit den SBB festgelegt, erklärt der Bahnsprecher. Bei den anderen Hygienecentern bestimmen die SBB die Gebühren bisher selbst.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Kunst, die du lieber nicht aufm Klo sehen würdest

«Uri-Trottoir» schützt die Hausecken vor Pinkler

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

98 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Knut Knallmann
05.08.2019 11:15registriert October 2015
Top Tip: In grossen Bahnhöfen steht immer minimum ein Zug herum, der längere Zeit auf die Abfahrt wartet. Dort rasch reinspringen, im Zug-WC sein Geschäft erledigen und wieder aussteigen...
Gern geschehen 😇
51735
Melden
Zum Kommentar
Chrigu91
05.08.2019 11:29registriert November 2014
Und ich wette, dass die Angestellten die dort arbeiten einen Hungerslohn haben und von unserem Eintrittsgeld herzlich wenig haben.
40119
Melden
Zum Kommentar
inmi
05.08.2019 11:26registriert February 2014
In Japan sind die Eisenbahngesellschaften zwar privatisiert, aber die Toiletten an den Bahnhöfen sind gratis und sauber.
3718
Melden
Zum Kommentar
98

Schweiz exportiert Waffen für knapp 690 Millionen Franken

In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres haben Schweizer Unternehmen Kriegsmaterial im Wert von knapp 690 Millionen Franken exportiert. In der entsprechenden Vorjahresperiode waren es knapp 500 Millionen Franken gewesen.

Das ist der am Dienstag veröffentlichten Statistik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zu entnehmen. Die grössten Abnehmer von Schweizer Kriegsmaterial waren zwischen Januar und September 2020 Dänemark, Indonesien und Deutschland.

Auf der aktuellen Liste der …

Artikel lesen
Link zum Artikel