Novartis baut ab, Lonza baut aus: Hoffnung für geschasste Mitarbeitende
Novartis, Lonza, DSM, BASF, Syngenta: Auf dem Sisslerfeld im Aargauer Fricktal haben sich namhafte Firmen niedergelassen. Und es sollen noch mehr werden. So will das Biotechunternehmen Bachem eine Fabrik auf der grünen Wiese für 750 Millionen Franken hochziehen. Auch der Auftragsfertiger Lonza baut aus und investiert 500 Millionen Franken.
Während das Life-Science-Areal boomt, herrscht derzeit in einem Werk Katerstimmung: bei Novartis. Der Basler Pharmariese hat angekündigt, in Stein AG seine dortige Produktion von Tabletten und Kapseln sowie die Verpackung von sterilen Arzneimitteln einzustellen. Der Schnitt erfolgt Ende 2027 und trifft 550 Festangestellte. Das ist ein Drittel der Belegschaft. Hinzu kommen 150 Temporärangestellte. Der Konzern begründete die Entlassungen damit, dass Tabletten und Kapseln im Hochlohnland Schweiz nicht mehr kostendeckend produziert werden könnten.
Hunderte neue Jobs entstehen
Doch für die betroffenen Mitarbeitenden gibt es Hoffnung, wie auf dem Campus verschiedentlich zu hören ist. Die Rede ist von einer «idealen Lösung». Denn nur einen Steinwurf entfernt von der Novartis-Fabrik baut Lonza eine neue Abfüll- und Veredelungsanlage für Medikamente. Diese soll bei voller Auslastung rund 400 neue Jobs schaffen, namentlich in den Bereichen Produktion, Prozesse oder Qualitätskontrolle. Hinzu kommt eine spezialisierte Fertigungslinie für Antikörperprodukte. Diese soll nochmals 115 Stellen generieren. Beide Anlagen nehmen nächstes Jahr den Betrieb auf.
Bei Lonza entstehen durch den Ausbau ähnliche Jobs in der Produktion, wie sie Novartis nun ins Ausland verlagert. Das Ziel von Lonza ist es, auf dem Areal Medikamente von Grund auf herzustellen, vom Wirkstoff bis zur Abfüllung und der Verpackung im grossen Stil. Lonza betreibt auf dem Areal bereits eine Produktion für sterile, klinische Arzneimittel.
Auf Anfrage von CH Media sagt eine Lonza-Sprecherin, man rekrutiere «aktiv für verschiedene Positionen, um unsere laufenden Aktivitäten und unser zukünftiges Wachstum zu unterstützen». Das klingt zwar noch nicht nach einer koordinierten Anwerbung der Novartis-Mitarbeitenden, die bald ihren Job verlieren. Dennoch ist die Botschaft von Lonza klar: Bewerbungen aus der unmittelbaren Nachbarschaft sind willkommen. «Unser Rekrutierungsprozess steht allen qualifizierten Kandidatinnen und Kandidaten offen», sagt eine Sprecherin. Derzeit beschäftigt Lonza in Stein 340 Mitarbeitende.
Lonza mit Sitz in Basel ist einer der weltweit grössten Auftragsfertiger für die Pharmaindustrie. Das Unternehmen übernimmt die Produktion von Medikamenten für seine Kunden. Diese können sich so auf ihre Forschung konzentrieren. Oft sind das kleine Biotechunternehmen, aber auch Konzerne greifen auf die Hilfe von Auftragsfertigern zurück. Eine gewisse Bekanntheit in der Öffentlichkeit erlangte Lonza durch die Covid-Pandemie. Lonza stellte im Auftrag von Moderna den Impfstoff in Visp VS her. Dieser Auftrag fiel zwar 2023 weg, doch mittlerweile ist Lonza wieder auf Erfolgskurs. Für das letzte Jahr vermeldete das Unternehmen einen Umsatz von 6,5 Milliarden Franken (+19%) und einen Gewinn vor Steuern von 1,2 Milliarden Franken (+36%).
Verhandlungen mit Gewerkschaften laufen
Bei Novartis heisst es auf Anfrage, man arbeite mit den Arbeitnehmervertretungen an Lösungen für die Betroffenen. Dazu gehörten die Unterstützung durch Jobcenter, die Möglichkeit der Frühpensionierung und ein Sozialplan. Der Konsultationsprozess läuft noch. Die Personalkommissionen haben der Novartis-Führung Vorschläge gemacht. Dazu, so ist zu hören, gehört auch eine Übernahme der Angestellten durch die Lonza. Die beiden Firmen seien miteinander in Kontakt, sagt eine involvierte Person. Auf die Vorschläge der Personalkommissionen muss Novartis nun antworten.
Keine Rede ist bei Novartis von der Fortführung der Produktion, wie sie kürzlich die Gewerkschaft Unia gefordert hat. Sie erklärte, Novartis müsse die Verantwortung für die Weiterbildung und Umschulung der Beschäftigten übernehmen, sodass mit der bestehenden Belegschaft weitergearbeitet werden könne.
Ob sich der Konzern darauf einlässt, ist fraglich. Denn er hat bereits anderweitige Alternativen in seinem globalen Produktionsnetzwerk im Auge. Als Optionen für die Verlagerung der Stellen aus dem Aargau gelten bestehende Werke in Italien oder in Slowenien. Immerhin: Für einige Novartis-Angestellte dürfte sich bei Lonza, nur wenige Meter von ihrem aktuellen Arbeitsort, eine neue Chance auftun.
