Trump einigt sich mit Novartis und Co. – was das für die Schweiz bedeutet
Am Freitag haben sich weitere neun Pharmakonzerne verpflichtet, ihre Medikamentenpreise in den USA zu senken. US-Präsident Donald Trump zeigte sich bei der Verkündigung des vorweihnächtlichen Deals im Weissen Haus sichtlich zufrieden und betonte die grossen Fortschritte, die er angeblich im Kampf gegen die hohen Arzneimittel-Preise in den USA erzielt habe. Und er lobte die anwesenden Pharma-Manager wie den Novartis-Boss Vasant Narasimhan und Ashley Magargee, die Chefin der Roche-Tochter Genentech dafür, dass sie Verständnis für seine Forderungen gezeigt hätten. «Sie lieben unser Land».
Doch welche Folgen hat der Deal für die Schweiz, für die hiesige Pharmaindustrie, die Patienten und die Prämienzahler?
Was konkret haben Roche und Novartis versprochen?
Gemäss der vom Weissen Haus veröffentlichten Mitteilung wird Roche respektive sein US-Ableger Genentech den Preis des Grippenmedikamentes Xofluza von heute 168 Dollar auf 50 Dollar senken. Das entspricht einem Preisnachlass von gut 70 Prozent. Novartis wiederum will den Preis für das Multiple-Sklerose-Medikament Mayzent von 9987 Dollar um knapp 90 Prozent auf 1137 Dollar herabsetzen. Die Reduktionen gelten aber nur für Patienten, welche die Arzneien über die vom US-Präsidenten ins Leben gerufene Plattform TrumpRx kaufen.
Hinzu kommen weitere Preisnachlässe bei den Medikamenten, die über die staatlichen Medicaid- und Medicare-Programme für Bedürftige verkauft werden.
Wie stark schmerzen die Preisnachlässe?
Angesichts ihrer Jahresumsätze von rund 60 Milliarden Franken (Roche) respektive 50 Milliarden Dollar (Novartis) dürften die Einbussen für die beiden Schweizer Pharmakonzerne marginal ausfallen. Die «Finanz und Wirtschaft» spricht von «Peanuts»: So habe Roche in den ersten neun Monaten in den USA mit Xofluza 32 Millionen Franken eingenommen, während der Konzern im gleichen Zeitraum allein in den USA mit seiner Pharmasparte 18,8 Milliarden Franken Umsatz erwirtschaftet habe.
Sprich: Die Preisnachlässe treffen nicht die Blockbuster von Roche und Novartis, sondern eher umsatztechnisch weniger wichtige Arzneien.
Die Aktien der beiden Konzerne reagierten am Freitag im Vorfeld der Ankündigung positiv – und mussten auch am Montag keine grösseren Verluste hinnehmen.
Viel Lärm um nichts also?
Nein. Trump hat den Pharmakonzernen durchaus Zugeständnisse abgerungen. Angesichts der von ihm geschürten Erwartungen ist das Resultat aber eher überschaubar. Doch er dürfte den Druck bei den Medikamentenpreisen auch in Zukunft hochhalten und bei der Lancierung neuer Medikamente gut darauf achten, dass die Konzerne in den USA nicht höhere Preise ansetzen als in anderen Industriestaaten.
Entsprechend werden die Pharmakonzerne versuchen, die Medikamentenpreise in den acht Vergleichsländern möglichst hoch anzusetzen – konkret handelt es sich hier um Dänemark, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien, Japan, Kanada und die Schweiz. Denn: Je höher die Preise in diesen Ländern sind, desto höher sind sie dann auch in den USA, dem wichtigsten Markt der Pharmabranche.
Steigen nun die Medikamentenpreise in der Schweiz?
Nein. Jedenfalls nicht unmittelbar. Aber bald, wenn es nach der Pharmabranche geht. Roche-Chef Thomas Schinecker räumte im Interview mit der «Sonntagszeitung» ein, dass der Deal «zunächst» keine Folgen haben werde, da die Abmachungen nicht rückwirkend gelten würden. «Die Therapien, die momentan auf dem Markt sind, würden also nicht teurer.» Aber in Zukunft müssten die Preise steigen, «nicht von einem Tag auf den anderen», aber «schrittweise mit jeder Neulancierung in den nächsten Jahren».
Schineker betont, dass die von den USA erkorenen Länder «einen auf ihrem Wohlstand und ihrer Kaufkraft basierenden Preis zahlen» sollten. «Im Fall der Schweiz wäre dies mehr, im Fall von Italien weniger als in den USA.» Damit würden alle Volkswirtschaften einen in Relation zur Kaufkraft vergleichbaren Beitrag an den Investitionen leisten, um eine neue Therapie zu entwickeln.
Steigen nun die Medikamentenpreise in der Schweiz?
Hierzulande sind – wie in den anderen Vergleichsländern – die Preise der Medikamente, die von der obligatorischen Grundversicherung bezahlt werden, staatlich reguliert. Diese Preise werden heute anhand von drei Kriterien ermittelt: Wirksamkeit (medizinischer Nutzen), Zweckmässigkeit (klinische Relevanz) und Wirtschaftlichkeit (Kosten-Nutzen-Verhältnis). Zudem fliesst auch ein Auslandspreisvergleich mit ein, zu dem Staaten mit hoher Kaufkraft und Staaten mit vergleichbarem Pharmastandort gehören.
Namentlich sind das Belgien, Grossbritannien, Dänemark, Finnland, die Niederlande, Deutschland, Frankreich, Österreich und Schweden. «Die Kaufkraft wird somit bei der Preisfestsetzung in der Schweiz über den Auslandspreisvergleich mit Ländern mit hoher Kaufkraft berücksichtigt», hält das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Anfrage fest. Zudem vergüte die Schweiz «bereits die höchsten Preise und Kosten für Medikamente in Europa».
Die Preisregulierung in der Schweiz ist laut BAG von den US-Medikamentenpreisen unabhängig. Die Medikamentenpreise in den USA hätten «keine direkten Auswirkungen» auf die Schweiz, weil die Preise aus den USA bei der Preisfestsetzung in der Schweiz nicht berücksichtigt werden. Die Schweiz lege ihre Medikamentenpreise auch weiterhin eigenständig fest.
Steigen nun wegen Donald Trump die Schweizer Krankenkassenprämien?
Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider stemmt sich dagegen: «Die Prämienzahler in der Schweiz können und müssen nicht mit ihren Krankenkassenprämien für Preissenkungen in den USA zahlen», verspricht die Gesundheitsministerin immer wieder. Der Bundesrat arbeite aber gemeinsam mit der Pharmabranche daran, die Bedingungen in der Schweiz weiter zu verbessern, insbesondere bezüglich Marktzugang, klinischer Forschung und durch geregelte Beziehungen zur EU.
Roche-Chef Schinecker freilich sieht seine Branche nicht in der Verantwortung für allfällige Prämienschübe. «Die Schweiz würde ihr Problem der Gesundheitskosten, die insgesamt über 100 Milliarden» Franken «betragen, selbst dann nicht lösen, wenn sie für innovative Medikamente, für die man 3,5 Milliarden ausgibt, gar nichts mehr zahlen würde.»
Die von Schinecker genannten 100 Milliarden als Referenzgrösse umfassen die gesamten Gesundheitsausgaben. Entscheidend für die Krankenkassenprämien sind aber die Ausgaben der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Diese belaufen sich auf «nur» gut 42 Milliarden Franken.
Die Medikamente sind dabei für 22 Prozent der Ausgaben verantwortlich und mit gut 9,2 Milliarden Franken einer der grössten Kostenblöcke. Gemessen daran sind die von Schinecker erwähnten 3,5 Milliarden Franken also gar nicht mehr so wenig. «Es sind die neu lancierten Therapien, die die Prämien treiben», sagt deshalb die abtretende CSS-Chefin Philomena Colatrella dem «Tages-Anzeiger».
Was passiert, wenn die Medikamentenpreise in der Schweiz nicht angehoben werden?
Das ist schwierig abzuschätzen. Doch die Pharmabranche kritisiert schon länger den «einseitigen Blick auf die Kosten» des BAG. «Denn dieser verschlechtert die Versorgungssituation», sagte jüngst René Buholzer, der Chef des Branchenverbands Interpharma, im Interview mit CH Media. «Wir sind leider auch an einem Punkt angekommen, an dem Firmen bereits Medikamente aus dem Schweizer Markt nehmen, weil der Preis ein inakzeptabel tiefes Niveau erreicht hat.» Der Bund müsse das Gleichgewicht zwischen Qualität, Versorgungssicherheit und Kosten wiederherstellen.
Buholzer will seine Aussagen nicht als Drohung verstanden wissen. Aber: «Wir müssen sagen, was Sache ist. Wenn die Preise fallen, dann lohnt es sich für eine Firma irgendwann nicht mehr, das Medikament anzubieten. Dann wird es aus dem Markt verschwinden. Oder gar nicht erst eingeführt.»
