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Teslas Cybertruck. Bild: tesla

Was es mit der Meldung auf sich hat, dass Tesla 6 Jahre Vorsprung hat



Die Konkurrenz zerlegt jedes neue Auto von Tesla. Und mit «zerlegen» ist der wörtliche Sinn gemeint. Nicht der von Deutsch-Rappern à la Kool Savas.

Als Tesla Ende 2017 die ersten Model 3 auslieferte, sicherte sich auch ein deutscher Hersteller für umgerechnet 185'000 Euro eines der ersten Exemplare. Noch lange vor den ersten öffentlichen Einfuhren in Europa. Das erfuhr die Süddeutsche Zeitung. Die Manager des nicht beim Namen genannten Premiumherstellers durften den Wagen auf Herz und Nieren testen. Danach wurde er in seine Einzelteile zerlegt.

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Kein deutscher, aber ein japanischer Ingenieur arbeitet sich durch einen Tesla. bild: project.nikkei.co.jp

Doch das Zerlegen von Teslas ist auch ein Geschäft. Ein Geschäft, in dem es um Milliarden geht.

Eine Firma, die sich auf technische Analysen dieser Art spezialisiert hat, ist Munro & Associates in den USA. Technische Gerätschaften aller Gattungen werden auf Herz und Nieren geprüft. Am Ende erscheint ein umfassendes Gutachten. Dieses hilft der Konkurrenz in der Industrie, aber auch Grossanlegern bei ihren Überlegungen, in eine Firma zu investieren.

Auch das Model 3 wurde 2018 so unter die Lupe genommen. Das entsprechende Gutachten von M&A ist 2400 Seiten stark und kostete zu Beginn 87'000 Dollar (heute 60'000 Dollar).

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Sandy Munro hat sich dank der Autoline-Network-Videos zu einem veritablen YouTube-Star gemausert. Bild: Autoline network

Den gesamten Begutachtungs-Prozess durch Munro & Associates begegleitete das Autoline Network. Noch bevor der komplette Report erhältlich war, wurden davon Videos veröffentlicht. Sehr früh, bereits im Februar 2018, wurde CEO Sandy Munro gezeigt, wie er das Model 3 ein erstes Mal begutachtete. Der ältere Herr war gar nicht amused und bemängelte diverse Sicherheitsaspekte. Die Spaltmasse seien vom Mars aus sichtbar und er hasse die Türgriffe: «Seit den 90er-Jahren habe ich keine mühsameren Kofferraumtüren mehr geschlossen.» Die beiden Profi-Nörgler Statler und Waldorf aus der Muppet Show können sich nicht nur in Sachen Schnauz von Munro eine Scheibe abschneiden. Gleichzeitig gibt sich der Motzki als Mechanik-Snob zu erkennen.

Wenn Sandy Munro eine erste Expertise abgibt, dann hat das Gewicht. Seine Mängelliste wurde zum Mantra vieler Tesla-Gegner. Nicht wenige Spekulanten, welche auf einen Absturz der Tesla-Aktien wetteten (Shortseller), zitierten immer wieder diese ersten Munro-Kritiken.

Doch die Shortseller bezahlten einen hohen Preis. Bekanntermassen explodierte die Aktie in den letzten Monaten und die Verluste der Pessimisten gingen in die Milliarden.

Etwas mehr Geduld hätte sich ausgezahlt. Bereits bei den Fahrtests zeigte sich Munro zurückhaltender mit der Kritik. Das Fahrverhalten sei exzellent und das Fahrzeug beinhalte viele kleine coole Dinge.

So richtig in Fahrt kam der Experte aber ein halbes Jahr später, als der Zerlegungsprozess bis zu den elektrischen Komponenten vorgedrungen war: «Die Elektronik, die Dichte, ist nicht von dieser Welt. Die Layouts sind wunderbar – eine Symphonie an Ingenieurskunst.» Auch die Batterie gefiel Munro: «Ursprünglich dachte ich, LG habe die besten Batterien, dann kam Samsung raus, LG verbesserte sich noch weiter, aber jetzt – sorry Jungs – ist das die beste Batterie. Sie gibt 50 Prozent mehr Leistung mit nur 20 Prozent mehr Volumen.»

Munros Fazit: Das Model 3 ist profitabel – und zwar mit einer unglaublichen Marge von 30 Prozent.

In das Loblied auf die Tesla-Elektronik stimmte jüngst nun auch eine japanische Firma ein. Sie zerlegte im Auftrag des Verlags «Nikkei Business Publications» ebenfalls ein Model 3. Das schlagzeilenträchtige Fazit:

«Tesla ist seinen Mitbewerbern VW und Toyota sechs Jahre voraus.»

Wie das?

Auch die Japaner sind grosse Fans der elektronischen Komponenten von Tesla, vor allem der sogenannten «Hardware 3», der zentralen Steuerungseinheit des Wagens. Sie ist eine Eigenentwicklung von Tesla und kann sowohl die riesigen Datenmengen des Autopiloten wie auch alle anderen elektronischen Bedürfnisse von Fahrer und Wagen prozessieren. «Sowas können wir nicht bauen», zitiert «Nikkei Asian Review» einen Ingenieur eines japanischen Konkurrenten. Und das hat tiefliegende Wurzeln.

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Der selber kreierte Computer von Tesla, der die Daten für den Autopiloten prozessiert. bild: project.nikkei.co.jp

Das eigentliche Problem der herkömmlichen Autobauer ist nicht technischer Natur. Einige davon könnten in ein paar Jahren selbst eine ähnliche Steuerungseinheit bauen. Der japanische Ingenieur glaubt, dass es 2025 so weit sein könnte – deshalb die 6 Jahre Vorsprung. Die grösseren Herausforderungen sind allerdings struktureller Art.

Die herkömmliche Autoindustrie ist abhängig von einem Geflecht von spezialisierten Zulieferern, Einzelkomponentenherstellern, Ersatzteillieferanten und Zwischenhändlern. Wer gegen einen Gegner kämpft, der 30% Marge hat und den Preis, wenn nötig, stark reduzieren kann, der kann sich dieses Geflecht und die Loyalität gegenüber den Partnern nicht mehr leisten. Der Ballast muss abgeworfen werden. Es geht um hunderttausende Jobs.

Noch sind herkömmliche Marken noch immer Autobauer, die Elektronik einbauen. Tesla aber ist ein Konzern für Elektronik, der darum herum ein Auto baut und dann ohne Zwischenhändler verkauft. Es ist ein Paradigmenwechsel. Und er erklärt die enormen Vorteile von Tesla bei der Marge, bei der Batterieeffizienz, beim Autopiloten und bei den noch immer exklusiven Softwareupdates on Air. Er erklärt aber auch die immer wieder kritisierte Verarbeitungsqualität, die vor allem die ersten Exemplare der Auslieferung betraf.

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Der Autopilot zum Zweiten. Wird dieses elektronische Bauteil die Autoindustrie auf den Kopf stellen? bild: bild: project.nikkei.co.jp

Was in der Diskussion nicht ganz vergessen werden darf: Die Suppe wird gerne heiss gegessen. Die Munro-Videos sind auch Werbespots für seine Berichte. Munro verkauft – und das mit guten Schlagzeilen. Auch Nikkei Business Publications will das Gutachten für umgerechnet 10'700 Franken möglichst vielen Kunden andrehen. Eine Headline, dass Tesla sechs Jahre Vorsprung hat, kann dabei nicht schaden.

Deshalb kehren wir für etwas mehr Neutralität zurück zur deutschen Konkurrenz, die Ende 2017 ein erstes Model 3 untersuchte. Aber auch hier tönt es gleich: Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt dazu, dass die Ingenieure nicht schlecht gestaunt hätten. Vor allem in Sachen Elektronik: «Kompakt, ausbaufähig, voll integriert, modular, leicht zugänglich, gut geschützt, günstig und in vielen Details verblüffend clever gemacht – das war das Urteil der Experten».

Es wird sich zeigen, wer in Zukunft wen zerlegt. Die Konkurrenz Tesla oder umgekehrt – wörtlich, aber auch im Sinne von Kool Savas.

PS: Weiterführend sei hier ein langes Interview mit Sandy Munro erwähnt. Eine Stunde lang philosophiert er über die Zukunft der Autoindustrie. Es lohnt sich.

Schweizer Polizei-Tesla im Einsatz:

Video: srf

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