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Die im Packeis eingeschlossene «Endurance».
Die im Packeis eingeschlossene «Endurance».Bild: Wikimedia

Shackletons wagemutige Rettungsaktion – wie die Endurance-Expedition dem Packeis entkam

11.03.2022, 16:01

Am 8. August 1914, in Europa hatte gerade der Erste Weltkrieg begonnen, lief ein britisches Forschungsschiff aus dem Hafen Plymouth mit Kurs Süd aus. Ziel der Expedition: die Antarktis. Die «Endurance» (deutsch «Ausdauer»), eine Schonerbark mit zusätzlicher Dampfmaschine, stand unter dem Kommando des Polarforschers Ernest Shackleton, der bereits an zwei Antarktis-Expeditionen teilgenommen hatte.

Die British Imperial Trans-Antarctic Expedition, wie die Unternehmung offiziell bezeichnet wurde, sollte die erste Durchquerung des antarktischen Kontinents durchführen, der unermesslichen Eiswüste am Südpol. Das gelang nicht – doch das dramatische Scheitern des Unterfangens und die meisterhafte Rettungsaktion, die trotz aller widrigen Umstände gelang, sicherte ihr einen festen Platz in den Annalen der Polarforschung. Neben der tragisch gescheiterten Terra-Nova-Expedition des Briten Robert Falcon Scott und dem erfolgreichen ersten Vorstoss zum Südpol des Norwegers Roald Amundsen gehört sie zu den bekanntesten Antarktisexpeditionen.

Ernest Shackleton
Der britische Polarforscher Sir Ernest Henry Shackleton (1874–1922) nahm an vier Polarexpeditionen teil, von denen er drei leitete. Der Abenteurer ist heute aber viel eher durch die wagemutige Rettungsaktion nach der gescheiterten Endurance-Expedition (1914–1917) bekannt als durch seine wissenschaftlichen Beiträge zur Erforschung der Antarktis. Shackleton heuerte zunächst bei der Handelsmarine an, fühlte sich dort aber bald eingeengt und unerfüllt. 1901 gelang es ihm, an der von Robert Falcon Scott geleiteten Discovery-Expedition (1901–1903) zur Erforschung der Antarktis teilzunehmen und so eine Laufbahn als Polarforscher einzuschlagen. Für seine Verdienste wurde er zum Ritter geschlagen und genoss zeitweise eine grosse Popularität, dennoch stand er zeitlebens im Schatten seines Rivalen Scott. Shackleton starb während seiner letzten Expedition in Südgeorgien an einem Herzinfarkt. Er geriet zunächst in Vergessenheit, wurde aber vor zwei Jahrzehnten als vorbildliche Führungspersönlichkeit wiederentdeckt.
Quelle: Wikipedia
Shackleton an Bord der «Endurance».
Shackleton an Bord der «Endurance».Bild: Wikimedia

Die Entdeckung des Wracks der «Endurance» über ein Jahrhundert nach ihrem Untergang im Weddellmeer vor der antarktischen Küste ruft Shackletons wagemutige Expedition nun erneut in Erinnerung. Sie war die letzte der grossen Forschungsmissionen in der Südpolarregion, die diese unwirtliche Gegend erkundeten. Bis heute aber beeindruckt vor allen Dingen die spektakuläre Rettungsaktion, bei der die Mannschaft eine unglaubliche Hartnäckigkeit und beispielhaften Teamgeist zeigte.

Die Teilnehmer der Expedition auf der «Endurance».
Die Teilnehmer der Expedition auf der «Endurance».Bild: Wikimedia

Ohne diese Leistung wäre die Mannschaft der «Endurance» in der weissen Ödnis unweigerlich zugrunde gegangen. Das Schiff hatte zwar nach Zwischenstopps in Buenos Aires und auf der Insel Südgeorgien problemlos das Wedellmeer östlich der Antarktischen Halbinsel erreicht, doch hier begannen die Probleme mit dem Meereis. Schon am 14. Dezember wurde die «Endurance» ein erstes Mal von den Eismassen eingeschlossen, kam aber nach 24 Stunden wieder frei. Danach ging es mit Unterbrüchen weiter nach Süden, bis das Schiff am 18. Januar 1915 in der Nähe der westlichen Küste des Weddellmeeres endgültig festsass.

Kein Entkommen: Die «Endurance» im Packeis.
Kein Entkommen: Die «Endurance» im Packeis.Bild: Wikimedia

Alle Anstrengungen, die «Endurance», die wie «eine Mandel in einem Stück Schokolade» eingeschlossen war, wieder aus dem Packeis zu befreien, schlugen fehl. Fest im Eis eingeschlossen, driftete das Schiff langsam mit dem Meereis nach Norden. Shackleton und seine 27 Männer mussten warten, aber sie waren zunächst guter Dinge, dass die «Endurance» später wieder freikommen würde. Diese Hoffnung erwies sich als trügerisch; mehrmals geriet das Schiff unter enormen Druck von sich auftürmenden Eismassen, und Shackleton notierte im August besorgt:

«Die Wirkung des Drucks um uns herum war ehrfurchtgebietend. Mächtige Eisblöcke […] stiegen langsam hoch, bis sie wie zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmte Kirschkerne wegflogen […] wenn das Schiff einmal fest in den Griff des Eises geriete, wäre sein Schicksal besiegelt.»
Die Männer versuchen, die «Endurance» aus dem Packeis zu befreien.
Die Männer versuchen, die «Endurance» aus dem Packeis zu befreien.Bild: Wikimedia

Und genau dies geschah schliesslich am 24. Oktober: Die Bordwand der Endurance begann unter dem Druck einer enormen Eissscholle zu splittern, und unterhalb der Eisschicht drang nun Wasser ein. Obwohl die Crew versuchte, das Wasser abzupumpen und die Schiffswand abzustützen, wurde die Lage zusehends hoffnungsloser, und am 27. Oktober musste die Mannschaft das Schiff aufgeben. Alle Vorräte und die drei Rettungsboote wurden aus dem Wrack, das nach wie vor eingeklemmt war und nicht sank, aufs Eis gebracht.

Das Wrack der «Endurance», kurz bevor es im Meer versank.
Das Wrack der «Endurance», kurz bevor es im Meer versank. Bild: Wikimedia

Von nun an stand nicht mehr das Ziel der Expedition im Vordergrund – nun ging es für Shackleton und seine Leute um das nackte Überleben. Zuerst marschierten sie Richtung Snow Hill Island, das mehr als 500 Kilometer entfernt war, mussten diesen Plan aber aufgeben, weil das zerklüftete Packeis das Fortkommen massiv erschwerte. Die Gruppe schlug daher am 1. November auf dem Eis ein Lager auf, um das Aufbrechen des Eises abzuwarten. Die riesige Scholle, auf der sie sich befanden, driftete allmählich nach Nordosten.

Das Lager auf dem Packeis.
Das Lager auf dem Packeis.Bild: Wikimedia

Während die Vorräte langsam knapp wurden und die Männer im Januar 1916 damit anfingen, die Hunde zu schlachten und zu essen, trieb ihre Eisscholle langsam auf zwei kleine Inseln zu: Elephant Island und Clarence Island, die zu den Südlichen Shetlandinseln gehören und 245 Kilometer nordöstlich der Spitze der Antarktischen Halbinsel liegen. Am 8. April zerbrach die Eisscholle, und das Lager – «Patience Camp» genannt – befand sich nun auf einem kleinen Eisfloss, das keine Sicherheit mehr bot. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, die Rettungsboote einzusetzen.

Die «James Caird», «Dudley Docker» und «Stancomb Wills» getauften Boote brachen am nächsten Tag auf. Die Fahrt nach Elephant Island war aufgrund der Verhältnisse überaus schwierig; ständig öffneten und schlossen sich Wasserstrassen im instabilen Packeis, die Temperaturen bewegten sich zeitweise um die –30° Celsius, und immer wieder wurden die Männer von eisigem Meerwasser durchnässt. Mitte April erreichten die Boote schliesslich die Insel und konnten nach einigen Versuchen auch einen geeigneten Landeplatz finden, den die Männer «Point Wild» nannten.

Die unbewohnte und abgelegene Elephant Island konnte auf die Dauer keine Rettung sein. Shackletons Plan war daher, auf dem nahezu 1500 Kilometer entfernten Südgeorgien Hilfe zu holen. Dazu mussten die Männer eines der Rettungsboote ausbauen, damit es diese lange Reise überstehen konnte. Sechs Männer, darunter Shackleton selbst, stachen am 24. April auf der umgerüsteten «James Caird» in See, die restlichen blieben auf Elephant Island zurück.

Die «James Caird» verlässt Elephant Island.
Die «James Caird» verlässt Elephant Island.Bild: Wikimedia

Gut zwei Wochen dauerte die gefährliche Überfahrt, bei der die nur gerade knapp sieben Meter lange «James Caird» einen schweren Sturm überstand. Nur dank einer navigatorischen Meisterleistung gelang es den Männern, am 10. Mai auf Südgeorgien zu landen – allerdings auf der unbewohnten Südseite. Da die «James Caird» unter der Fahrt schwer gelitten hatte, kam nur der Landweg infrage, um die Walfangstation Stromness auf der Nordseite zu erreichen. Shackleton nahm zwei Männer mit und schaffte die Überquerung unter schwierigsten Umständen.

Die Route der Expedition nach dem Untergang der «Endurance» im Weddellmeer: Drift auf dem Eis und Bootsfahrt nach Elephant Island (grün), Fahrt der «James Caird» nach Südgeorgien (blau).
Die Route der Expedition nach dem Untergang der «Endurance» im Weddellmeer: Drift auf dem Eis und Bootsfahrt nach Elephant Island (grün), Fahrt der «James Caird» nach Südgeorgien (blau).Karte: Wikimedia/Bourrichon

Nachdem die anderen drei Männer per Schiff von der Südseite nach Stromness geholt worden waren, begann Shackleton die Rettung der auf Elephant Island verbliebenen Mannschaft zu organisieren. Dreimal scheiterten seine Versuche, mit Walfängern oder Fischdampfern die Insel zu erreichen – jedesmal verhinderte eine breite Barriere aus Packeis, dass die Schiffe die Insel erreichten.

Erst Ende August gelang endlich die Rettung: Shackleton hatte von der chilenischen Marine das Wachboot «Yelcho» erhalten, der diesmal auf offenes Meer stiess und Elephant Island am 30. August erreichte. Alle Männer der «Endurance» waren nun gerettet. Die auf der Insel zurückgebliebenen Männer hatten inzwischen beinahe die Hoffnung aufgegeben, dass tatsächlich noch Hilfe eintreffen würde. Ihre Vorräte waren im Südwinter langsam zur Neige gegangen, als keine Pinguine mehr auf die Insel kamen, die sie hätten erlegen können. Einer der Männer schrieb:

«Wir werden denjenigen essen müssen, der als erster stirbt … viele wahre Worte werden im Scherz gesagt.»
Die auf Elephant Island zurückgebliebenen Männer. Im Hintergrund die Hütte, die sie aus den beiden Rettungsbooten konstruiert hatten.
Die auf Elephant Island zurückgebliebenen Männer. Im Hintergrund die Hütte, die sie aus den beiden Rettungsbooten konstruiert hatten.Bild: Wikimedia
Ross Sea Party
Shackletons British Imperial Trans-Antarctic Expedition umfasste neben der Haupt-Expedition (Wedell-Meer-Gruppe) noch eine unterstützende Mission, die sogenannte Ross Sea Party. Deren Aufgabe bestand darin, eine Reihe von Vorratsdepots über das Ross-Schelfeis anzulegen, denn die Haupt-Expedition konnte nicht ausreichend Vorräte für das geplante Unternehmen mitführen. Diese Teilexpedition vermochte ihre Aufgabe zu erfüllen, wobei jedoch drei Teilnehmer bei Unglücksfällen ums Leben kamen. Da die Weddell-Meer-Gruppe ihre Antarktis-Überquerung gar nicht erst beginnen konnte, war der Erfolg der Ross Sea Party letztlich nutzlos.
Quelle: Wikipedia
«Verschollen im Packeis (DOKU).»Video: YouTube/Frei Wert

Eine Reise an den südlichsten Punkt der Erde

Video: srf/Roberto Krone
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quelle: eth-bibliothek, bildarchiv
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So schön sieht es in unerforschten Teilen der Antarktis aus

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