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Bildmanipulation – wegweisende Alzheimer-Studie wird zurückgezogen

Bildmanipulation – wegweisende Alzheimer-Studie wird zurückgezogen

07.06.2024, 19:01
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Die Studie unter der Leitung der Neurowissenschaftlerin Karen Ashe und mit Beteiligung des Neurowissenschaftlers Sylvain Lesné war bahnbrechend. 2006 in der Zeitschrift «Nature» veröffentlicht, postulierte das Paper, ein bestimmtes Protein könnte die berüchtigte Alzheimer-Krankheit auslösen.

Doch nun ist der Lack ab: Die wie Lesné an der University of Minnesota (UMN) in Minneapolis/Saint Paul tätige Ashe räumte in einem Beitrag auf der Diskussionsseite PubPeer ein, dass die Studie manipulierte Bilder enthält. «Obwohl ich keine Kenntnis von irgendwelchen Bildmanipulationen in der veröffentlichten Arbeit hatte, bis ich vor zwei Jahren darauf aufmerksam gemacht wurde», schrieb Ashe dort, «ist es klar, dass mehrere der Abbildungen in Lesné et al. (2006) manipuliert wurden ... wofür ich als leitende und korrespondierende Autorin die letzte Verantwortung übernehme.»

In Lesné’s 2006 Nature paper on Aβ*56, these western blot bands ostensibly represent two different control proteins, but instead are exact duplicates of each other.
Im «Nature»-Artikel von 2006 über Aβ*56 stellen diese beiden Sequenzen angeblich zwei verschiedene Kontrollproteine dar, sind jedoch exakte Duplikate des jeweils anderen.Bild: Science/AAAS

Oft-zitierte Studie

Die Studie wurde fast 2500 Mal zitiert – das heisst, sie weist einen hohen h-Index auf. Nach Angaben von Retraction Watch wäre sie damit die am häufigsten zitierte Arbeit, die jemals zurückgezogen wurde.

Die unter Beschuss geratene Arbeit vermutet, dass ein Amyloid-Beta (Aβ)-Protein namens Aβ*56 die Alzheimer-Krankheit verursachen könnte. Aβ-Proteine werden schon lange mit der Krankheit in Verbindung gebracht. Laut der Arbeit war Aβ*56 in Mäusen vorhanden, die gentechnisch so verändert wurden, dass sie einen Alzheimer-ähnlichen Zustand entwickelten. Zudem baute sich das Protein im Gleichschritt mit dem kognitiven Verfall der Versuchstiere auf. Das Team berichtete auch über Gedächtnisdefizite bei Ratten, denen Aβ*56 injiziert wurde.

Beta-Amyloid.
https://de.wikipedia.org/wiki/Beta-Amyloid#/media/Datei:Amyloid-beta-42_1IYT.png
Ein Amyloid-Beta (Aβ)-Protein. Bild: Wikimedia

Verdacht auf Bildmanipulation

2022 veröffentlichte das Fachmagazin «Science» einen Artikel, der darauf hinwies, dass die «Nature»-Veröffentlichung und zahlreiche andere, die vom Alzheimer-Forscher Sylvain Lesné mitverfasst wurden und in denen Ashe als Hauptautor aufgeführt ist, offenbar manipulierte Daten enthielten. Donna Wilcock, Neurowissenschaftlerin an der Indiana University und Herausgeberin der Zeitschrift «Alzheimer's & Dementia», sagte gegenüber «Science»: «Es ist bedauerlich, dass es zwei Jahre gedauert hat, bis die Entscheidung getroffen wurde, die Studie zurückzuziehen.» Die Beweise für Manipulationen seien überwältigend gewesen.

Nach der Veröffentlichung des «Science»-Artikels stellten führende Wissenschaftler, die Lesnés und Ashes Arbeit zur Unterstützung ihrer eigenen Experimente zitiert hatten, in Frage, ob Aβ*56 zuverlässig nachgewiesen und gereinigt werden kann, wie von Lesné und Ashe beschrieben – oder ob es überhaupt existiert. Einige sagten, dass die Probleme in dieser und anderen Arbeiten neue Zweifel an der vorherrschenden Hypothese aufkommen liessen, dass Amyloid die Alzheimer-Krankheit verursacht. Andere meinten, die Hypothese sei nach wie vor tragfähig.

Keine brauchbaren Resultate

Wissenschaftler hatten schon seit Jahrzehnten versucht, die durch die Alzheimer-Krankheit verursachten Schäden zu reduzieren, indem sie Amyloid-Proteine aus dem Gehirn entfernten. Aβ*56 schien ein spezifischeres und vielversprechenderes therapeutisches Ziel zu sein – die Finanzmittel für entsprechende Arbeiten stiegen sprunghaft an. Doch es könnte sich um milliardenschwere Fehlinvestitionen in einen Forschungsansatz gehandelt haben, der bisher keine brauchbaren Resultate brachte: Die experimentellen Medikamente schlugen allesamt fehl.

Karen Ashe
Karen Ashe. Bild: University of Minnesota

Lesné ist weiterhin Professor an der UMN und erhält Mittel von den National Institutes of Health. Die Universität hat seine Arbeit seit Juni 2022 untersucht. Ein Sprecher sagte laut «Science», die UMN habe «Nature» kürzlich mitgeteilt, dass sie zwei der fraglichen Bilder überprüft habe und «diese Überprüfung ohne Feststellung eines Fehlverhaltens in der Forschung in Bezug auf diese Abbildungen abgeschlossen» habe. Die Erklärung bezog sich nicht auf mehrere andere beanstandete Abbildungen in derselben Arbeit.

Alzheimerforscher Sylvain Lesné
https://med.umn.edu/bio/sylvain-lesne
Sylvain Lesné. Bild: University of Minnesota

Rückzug «einzige Option»

Ashe stellt sich auf den Standpunkt, dass die Manipulationen nichts an den Schlussfolgerungen der Experimente geändert hätten. Sie ist «nach wie vor der Meinung, dass Aβ*56 eine wichtige Rolle bei der Alzheimer-Krankheit spielen und die gezielte Beseitigung von Aβ*56 zu erheblichen klinischen Vorteilen führen könnte», wie sie auf PubPeer schrieb.

Gleichwohl erklärte sich Ashe damit einverstanden, die Studie zurückzuziehen – nachdem sich «Nature» offenbar geweigert hatte, eine Korrektur des Artikels zu akzeptieren. Damit sei der Rückzug die einzige verbleibende Option gewesen. Alle Autoren der Studie – mit Ausnahme von Lesné – hätten dem Rückzug der Studie zugestimmt. (dhr)

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4 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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basilikumier
07.06.2024 19:41registriert November 2018
"Die Studie wurde fast 2500 Mal zitiert – das heisst, sie weist einen hohen h-Index auf." - nein, heisst das nicht.

Der h-Index bezieht sich auf die Wissenschaftler (wie viele Studien (x) mit über x Zitationen jmd hat). Eine Studie kann selbst keinen "h-Index haben".
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    Sag, wer im Hallenstadion auftrat – oder du bekommst kein Ticket

    Liebe Quizzticle-Klasse

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