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Die Zahl der Atomwaffen geht weiter zurück – doch etwas stimmt die Forscher skeptisch



Weltweit lagern noch immer mehr als 13'000 nukleare Sprengköpfe in den Arsenalen der Atommächte. Die Gesamtzahl der Atomwaffen auf der Erde ist im vergangenen Jahr zwar um etwa 3,5 Prozent weiter zurückgegangen, wie aus dem am Montag veröffentlichten Jahresbericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri hervorgeht. Dennoch seien alle Atommächte dabei, ihre nuklearen Waffen weiter zu modernisieren, teilten die Friedensforscher mit.

Es erscheine so, dass alle neun Atomwaffenstaaten an ihren Arsenalen auf unbestimmte Zeit festhalten wollten, sagte der Sipri-Experte Shannon Kile der Deutschen Presse-Agentur. Tatsächlich hätten einige der Waffensysteme, die derzeit entwickelt würden, eine erwartete Lebensdauer bis hinein in die 2080er Jahre.

Weltweit gab es Anfang 2020 insgesamt schätzungsweise 13'400 nukleare Sprengköpfe – das ist weniger als ein Fünftel des Arsenals von etwa 70'000, über das die Atommächte zu Spitzenzeiten des Kalten Krieges Mitte der 1980er Jahre verfügt hatten.

Die Verbreitung der Atomwaffen 2019:

Sipri Atomwaffen 2019

Bild: pd/sipri

Die beiden Supermächte dieser vergangenen Zeit verringern ihr Kontingent seitdem kontinuierlich, besitzen aber immer noch mehr als 90 Prozent aller Atomsprengköpfe: Bei den USA sind es noch 5800, bei Russland 6375.

«Was uns insgesamt beunruhigt, ist die wachsende Bedeutung von Atomwaffen.»

Sipri-Experte Shannon Kile

Ausserdem verfügen Grossbritannien (215), Frankreich (290), China (320), Indien (150), Pakistan (160) und Israel (90) über Atomwaffen. Hinzu kommt das Arsenal des abgeschotteten Nordkoreas, dessen Zahl auf 30 bis 40 geschätzt wird und das wegen grosser Unsicherheit über diese Ziffer nicht zur weltweiten Gesamtmenge hinzugerechnet wird.

Als sofort einsatzbereit gilt jedoch nur ein Teil der Atomsprengköpfe der USA, Russlands, Grossbritanniens und Frankreichs – das bedeutet, dass sie bereits auf Raketen montiert sind oder sich auf aktiven Stützpunkten befinden.

Teils stilllegen, teils modernisieren

Ein Jahr zuvor hatte der Rückgang bei den atomaren Sprengköpfen knapp vier Prozent betragen. Wie damals liessen sich die erneut rückläufigen Zahlen hauptsächlich darauf zurückführen, dass die USA und Russland alte Waffen ausrangierten, die sie nicht mehr benötigten, sagte Kile.

Zudem wiesen er und seine Mitforscher darauf hin, dass in Russland und den USA umfassende und kostspielige Programme liefen, um ihre Atomsprengköpfe, Raketen- und Flugzeugsysteme sowie nuklearen Produktionsanlagen zu ersetzen und zu modernisieren.

Beide Länder räumten Atomwaffen in ihren Militärplänen neue und grössere Rollen ein, was einem Trendwechsel im Vergleich zur Zeit nach dem Kalten Krieg entspreche. «Was uns insgesamt beunruhigt, ist die wachsende Bedeutung von Atomwaffen», sagte Kile. «Wir sehen einen entscheidenden Umschwung vom Trend nach dem Kalten Krieg zur allmählichen Marginalisierung nuklearer Waffen. Ich denke, das ist vielleicht die besorgniserregendste Entwicklung.»

President Donald Trump walks on the South Lawn of the White House in Washington, Sunday, June 14, 2020, after stepping off Marine One as he returns from his golf club in New Jersey. (AP Photo/Patrick Semansky)
Donald Trump

Die USA legen unter Donald Trump die Grösse ihres Atomwaffenarsenals nicht mehr offen. Bild: keystone

Der Abbau der atomaren Waffen verlangsamte sich: Waren es im Vorjahr in absoluten Zahlen im Jahresvergleich noch 600 weniger weltweit gewesen, betrug der Rückgang diesmal nur noch 465. Bei China kamen gar 30 Atomwaffen hinzu, ebenso gab es einen geringeren Anstieg bei den Erzrivalen Indien und Pakistan sowie bei Israel und Grossbritannien. Zu den Briten merkte Sipri jedoch an, dass diese Bestände bereits wieder zurückgegangen sein könnten.

China befinde sich dagegen eindeutig in einer wesentlichen Modernisierung seines Atomwaffenarsenals, sagte Kile. Dabei gehe es Peking um den Aufbau einer sogenannten nuklearen Triade bestehend aus neuen land- und seegestützten Raketen und atomwaffenfähigen Flugzeugen. Nicht zuletzt wegen dieser Entwicklungen wollten die USA die Volksrepublik dringend bei den neuen Abrüstungsverhandlungen für die Zeit nach dem Auslaufen des New-Start-Vertrags mit Russland im Februar 2021 dabei haben, sagte Kile. China hat einer Teilnahme an solchen Gesprächen bereits wiederholt eine Absage erteilt.

Sipri bezog seine Daten für die 51. Ausgabe seines Jahresberichts erneut aus öffentlichen Quellen, unter anderem von Regierungen. Die Verfügbarkeit von vertrauenswürdigen Informationen über die Atomwaffenarsenale variiere stark, monierten die Friedensforscher. Die US-Regierung von Präsident Donald Trump habe 2019 die Praxis beendet, die Grösse des US-Bestände öffentlich offenzulegen. (sda/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Sälüzäme 16.06.2020 12:25
    Highlight Highlight Was ich vermisse ist die Anzahl der Neutronenbomben und wer solche hat. Die Hemmschwelle für diese Waffe ist kleiner da sie praktisch keine Schäden anrichtet und der Fallout im Vergleich zu "konvetionellen" Bomben marginal ist.
    Auch sind die verloren gegangene Bomben nirgends erwähnt. Mir graust vor dem Gedanken, das Terroristen eine solche finden und einsetzen könnten.
  • KnolleBolle 15.06.2020 20:26
    Highlight Highlight Atombomben sind nur modernes "Säbelrasseln" denn jeder weiss dass ein Atomkrieg das Ende der Menschheit bedeuten kann ! Einen Virus, also Biologischer Krieg ist effizienter, man impft die Eigenen und tötet die Anderen, da macht mir gerade der Gedanke an Corona etwas Angst.
  • THEOne 15.06.2020 12:32
    Highlight Highlight klar gibts immer weniger. die neuen sind einfach 10x stärker als die alten. da braucht man kein riesenarsenal mehr. und solange es überhaupt nukes gibt, ist die frage nach der menge ziemlich überflüssig. kommts zum fallout, dann wars das ohnehin mit unsrer welt
  • HerrCoolS. 15.06.2020 11:49
    Highlight Highlight Weniger Sprengköpfe, dafür effektivere - somit egalisiert sich die Verringerung der gesamten Anzahl. Die Menschheit dürfte diese Waffe gar nicht besitzen.
  • GraveDigger 15.06.2020 11:45
    Highlight Highlight Vor vielen Jahren hab ich mal einen Bericht gelesen das es in Russland einige aufgegebene Militärstützpunkte gibt an den viel Waffen vor sich hinrosten und auch niemand so genau weiss was da gelagert wird oder wurde. Ob diese Zahlen wohl stimmen wenn die Russen nicht mal wissen was bei ihnen am Lager liegt? Und die 3,5%? Sind das die Atomwaffen die geklaut worden sind oder nicht mehr auffindbar? Fragen über Fragen...
  • Liselote Meier 15.06.2020 11:01
    Highlight Highlight Die Karte ist unvollständig. Da fehlen Italien, Belgien Niederlande, Türkei und Deutschland. In diesen Ländern sind Atomwaffen gelagert im Zuge der Nukleare Teilhabe.
    • K1aerer 15.06.2020 12:08
      Highlight Highlight Nützen doch nichts, wenn sie keinen Code haben.
    • Liselote Meier 15.06.2020 12:34
      Highlight Highlight Ob die Vasallen die Codes haben oder nicht ist irrelevant, stehen tun sie deswegen trotzdem dort unter der Verfügungsgewalt der USA.
  • El Vals del Obrero 15.06.2020 10:04
    Highlight Highlight Ob es für einen 1000- oder nur für einen 995-fachen Overkill reicht macht letztendlich wenig Unterschied.
  • Tirggeltoni 15.06.2020 08:21
    Highlight Highlight "ich habe nicht Angst vor dem, der 10 Atombomben will. Ich habe Angst vor dem, der nur eine will"

    blöder Hollywoodspruch aus Peacemaker aber dennoch irgendwie wahr
  • Wäscheklammer 15.06.2020 08:15
    Highlight Highlight Man kan von Atomwaffen halten, was man will. Aber mir sind modernere Waffen lieber, die nicht ungewollt hochgehen. Wenn es schon einen Krieg gibt, dann soll auch jemand den roten Knopf gedrückt haben. Auch geht die Tendenz in viele kleinere, dafür präzisere Atomwaffen - dank genauerer Raketentechnik.
    • reactor 16.06.2020 09:33
      Highlight Highlight Das war ja schon früher so, oder ging ab und an mal ungewollt eine Atombombe hoch? Aber ja, auch eine Argumentation um die Augen zu verschliessen und Ängste zu begraben.
  • Alice36 15.06.2020 07:57
    Highlight Highlight Wie man es dreht oder wendet ist egal, Tatsache ist der Mensch wird an seiner Inkompetenz betr. überleben scheitern. Sei es schnell durch Atom Raketen/Bomben oder etwas langsamer durch die Zerstörung seines Habitats, er wird es schaffen und dann ist erst mal Ruhe. Die par Menschlein die dann noch rumrennen werden es entweder kapieren oder das ganze Spiel geht wieder von vorne los. Anyway ich habe es dann hinter mir und muss mich nicht mehr damit rumplagen.
    • Cirrum 15.06.2020 11:30
      Highlight Highlight :-) so ist es. Das Chasperlitheater mitspielen und geniessen und dann ist gut. So wichtig sind wir Menschen sowieso nicht. Das einzig schade ist, dass soviele Tiere und Menschen, die nichts dafür können, drunter leiden müssen.
  • Smeyers 15.06.2020 07:42
    Highlight Highlight Die Atombombe galt als Abschreckung, dass es nicht zum Krieg kommt zwischen den Parteien. Ich hoffe das bleibt so und kein verrückter kommt auf die Idee die wirklich zu benutzen. Und mit verrückt meine ich nicht Trump.
    • TheDan 15.06.2020 14:10
      Highlight Highlight Harry S. Truman?
  • Die_andere_Perspektive 15.06.2020 07:01
    Highlight Highlight Wie ist es, wenn man anstatt die absolute Anzahl, die Sprengkraft als Mass nimmt? Ist die potentielle Sprengkraft dieser Nationen wirklich gesunken oder gibt es einfach weniger aber dafür effektivere Bomben?
    • Bündn0r 15.06.2020 07:40
      Highlight Highlight Diese sinkt wohl auch. Ein Trend sind taktische Atombomben, die die Bevölkerung weniger betreffen sollen. Die Zeit des nuklearen Schw**vergleich um den grössten Knaller sind vorbei.

      Kleine Waffen verstärken aber den Trend zur Marginalisierung. Die Angst besteht, dass die Hemmschwelle zum Einsatz sinkt.

      Solange beide Seiten mehr als genug Sprengsätze haben, um jede Stadt mehrfach zu zerstören, ist die kumulierte Sprengkraft nur eine theoretische Grösse.
    • Ökonometriker 15.06.2020 07:46
      Highlight Highlight Stärkere Sprengkraft ist heute eher sekundär, da nur wenige Städte überhaupt so gross sind, dass man dies bräuchte.
      Im Gegenteil: man möchte kleine, "saubere" Atomwaffen um strategische Ziele wie Basen oder Flugzeugträger gezielt ausschalten zu können.

      Aber sowohl die USA wie auch Russland könnten die Menschheit mehr als einmal vernichten. Von dem her gibts immer noch übertriebenviel Atomsprengkraft.
    • Zinni 15.06.2020 08:20
      Highlight Highlight Vor allem würde mich noch die tatsächliche anzahl bomben interessieren.
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