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Phlegräische Felder: Supervulkan in Italien gibt Anlass zur Sorge

Phlegräische Felder bei Neapel: Campi flegrei, Napoli. Solfatara von Pozzuoli.
Die Campi Flegrei gelten als grösste Bedrohung Europas.Bild: Shutterstock

Phlegräische Felder in Italien: Europas Supervulkan gibt Anlass zur Sorge

17.10.2023, 19:29
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Immer wieder kam es zuletzt in der Nähe von Neapel zu Erdbeben. Erdstösse der Stärke 4,2 und 4,0 und 2,6 erschütterten die Region. Epizentrum: die Phlegräischen Felder. Bei den Beben habe es laut dem italienischen Zivilschutz keine Schäden oder Verletzten gegeben, die Erschütterungen haben aber für Panik unter den Bewohner:innen gesorgt.

Auch wenn sich «Phlegräische Felder» erst einmal nicht bedrohlich anhört: Sie gelten als die grösste Bedrohung Europas. Denn es handelt sich um eine riesige aktive Vulkanregion westlich des Vesuvs.

In this photo taken on Saturday, April 30, 2016, a woman takes a close look at a steaming fumarola at the Solfatara crater bed, in the Phlegraean Fields near Naples, Italy. Fields -- Campi Flegrei in  ...
Die Solfatara, ein Krater in den Phlegräischen Feldern. Bild: AP/AP

INGV simulierte schon vor Jahren Vulkanausbruch bei Neapel

Was ein Vulkanausbruch der Phlegräischen Felder anrichten würde, welche verheerenden Folgen das hätte, das zeigt auch eine Computer-Animation.

Schon 2011 veröffentlichte das Nationale Geophysikalische und Vulkanologische Institut (INGV) das Video, in dem ein Vulkan-Ausbruch simuliert wird. Zu sehen ist, wie sich Massen an Glutlawinen, die zum Beispiel aus Aschepartikeln und Gasen bestehen, ihren Weg durch die umliegende Umgebung bahnen.

Die im Video dargestellten äusseren Flächen erreichen dabei Temperaturen von 100 Grad, innen soll das Gemisch eine Temperatur von 350 Grad erreichen. Für die Menschen, die in der Umgebung des Supervulkans leben, wäre das eine Katastrophe. Die Sorge vor einem Ausbruch ist dementsprechend gross. Eine halbe Million Menschen leben heute in der Region.

Für die Campi Flegrei, wie das Gebiet auf Italienisch heisst, sind die Evakuierungspläne nur unzureichend. Immer wieder wird das von Expert:innen kritisiert. Doch nun soll immerhin daran gearbeitet werden.

Die Luftaufnahmen der Campi Flegrei zeigen den Monte Nuovo mit dem Averno-See (Lago d'Averno) im Hintergrund und die Solfatara.Video: YouTube/Marc -Volcano- Szeglat

Forscher warnen vor zunehmender Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs

Das Gebiet der Phlegräischen Felder wird seit geraumer Zeit von vielen kleinen Erdbeben heimgesucht. Allein im August wurden rund um Europas grössten aktiven Supervulkan 1118 Erdstösse registriert.

Meistens handelt es sich allerdings um kleine und kaum spürbare Erschütterungen, die die Erdkruste über den Phlegräischen Feldern schwächen. Immer wieder warnen Forscher:innen vor diesem Phänomen. Seit elf Jahren gilt für das Gebiet daher die Alarmstufe gelb, die zur Vorsicht aufruft.

Ein internationales Team aus Forscher:innen hat errechnet, dass ein erneuter Ausbruch kurz bevorstehen könnte. Für die Berechnung wurde ein neuartiges Modell genutzt, das Muster in den Erdbebenvorkommen und das Anheben des Untergrunds analysiert.

Die Bodenbewegung hat sich über die zentralen 80 km2 (blaue Ellipse) der Caldera (gestrichelter Umriss) erstreckt. Der Grossteil der VT-Seismizität seit 1983 (Abb. 3) konzentrierte sich auf die Starza ...
Die Bodenbewegung hat sich über die zentralen 80 km2 (blaue Ellipse) der Caldera (gestrichelter Umriss) erstreckt. Der Grossteil der VT-Seismizität seit 1983 konzentrierte sich auf die Starza-Meeresterrasse und das Verwerfungssystem (weisse Kurve) zwischen dem Monte Nuovo und den Fumarolenfeldern Solfatara und Pisciarelli, die nebeneinander liegen.Karte: Nature
«Unsere Ergebnisse zeigen, dass Teile des Vulkans schwächer werden. Das bedeutet, dass er ausbrechen könnte, auch wenn die Spannungen, die ihn auseinanderziehen, geringer sind als während der letzten Krise vor 40 Jahren.»
Nicola Alessandro Pino, Vesuv-Observatorium

Bereits 2018 fanden Forscher:innen der ETH Zürich Hinweise darauf, dass die nächste Eruption ein grosser, eine Caldera bildender Ausbruch werden könnte.

Supervulkane

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Supervulkane
Horizontale Magmakammern unterhalb des Toba-Kraters: Vor der Supereruption vor 74'000 Jahren lagen die flachen Magmapfannkuchen auch in den oberen sieben Kilometern, meinen Forscher. «Crust» bezeichnet auf der Grafik die Erdkruste, «Mantle den Erdmantel.
quelle: ivan koulakov
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Ausbruch besiegelte womöglich das Los der Neandertaler

Der letzte grössere Ausbruch fand im Jahr 1538 statt. Die Eruption dauerte acht Tage. Aus dem ausgeworfenen Material entstand ein neuer Berg, der Monte Nuovo. Zudem wurde der angrenzende See – der Lago d'Averno, ein mit Wasser gefüllter Vulkankrater – vom Meer abgeschnitten.

Die gewaltigste bekannte Eruption vor rund 39'000 Jahren jagte zwischen 430 und 680 Kubikkilometer Tephra – vulkanisches Material – in die Luft, deutlich mehr als beim Ausbruch des Tambora 1815. Ein weiterer Ausbruch vor 29'000 Jahren, dessen Ablagerungen in einem Gebiet von etwa 150'000 Quadratkilometern gefunden wurden, zestörte weite Landstriche und führte zum Absinken der globalen Durchschnitts-Temperaturen. Diese Eruption könnte zum Aussterben der Neandertaler beigetragen haben.

Vulkanausbruch versetzte Neandertalern den Todesstoss

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Vulkanausbruch versetzte Neandertalern den Todesstoss
Nachbildung einer Neandertaler-Familie in einer Ausstellung. Unsere Vettern besiedelten Europa lange vor unseren direkten Vorfahren.
quelle: x00471 / nikola solic
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(and/dhr, mit Material von dpa und AFP)

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Die grössten Vulkanausbrüche der letzten 20 Jahren.
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Die grössten Vulkanausbrüche der letzten 20 Jahren.
Vulkan: Hunga-Tonga
Standort: Tonga
Letzter Ausbruch: 14. Januar 2022
quelle: youtube
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Das gewaltige Ausmass des Vulkanausbruchs in Tonga
Video: watson
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111 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Raketenwissenschaftler
17.10.2023 20:42registriert Januar 2023
Putin wird sich ärgern: Er ist nur noch die zweitgrösste Bedrohung Europas.
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Schwefelholz
17.10.2023 20:15registriert Dezember 2015
In Zeiten der maßlosen Selbstüberschätzung des Menschen eine weitere Lektion in Demut
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Thadic
17.10.2023 20:13registriert Mai 2016
Dieser Vulkan kann global gefährlich werden aber das passiert nicht so oft (zuletzt vor 15‘000 Jahren). Viel häufiger sind verhältnismässig kleinere Eruptionen wie diejenige vom 29. September bis zum 6. Oktober 1538. Heute wäre ein solcher Ausbruch lokal verheerend aber global würde man nicht viel spüren. Man weiss aus Studien dass sich damals die Gegend schon etwa 100 Jahre vorher anfing anzuheben, so wie aktuell beobachtet wird.
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