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Interview

WWF-Studie sorgt für Wirbel – jetzt spricht die Autorin

Mandeln verbrauchen bei der Herstellung viel Wasser, soll deswegen auf tierische Proteine ausgewichen werden? Die WWF-Expertin hat darauf eine klare Antwort.
Mandeln verbrauchen bei der Herstellung viel Wasser, soll deswegen auf tierische Proteine ausgewichen werden? Die WWF-Expertin hat darauf eine klare Antwort. bild: shutterstock
Interview

WWF-Studie sorgt für Wirbel – jetzt spricht die Autorin

10.09.2021, 06:0011.09.2021, 06:08
Corsin Manser
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Eine Studie des WWF hat in der Schweiz für Wirbel gesorgt. Diverse Medien berichteten darüber, worauf viele Diskussionen entstanden.

«Brisante WWF-Studie: Mandelmilch ist gar nicht so ökologisch», titelte der Tages Anzeiger und schrieb: «Veganerinnen und Vegetarier können der Umwelt mehr schaden als Fleischesser. Ihr Ernährungsstil verursacht den grössten kritischen Wasserverbrauch.» Bei 20min.ch hiess es: «Vegis sind beim Wasserverbrauch schlimmer als Fleischesser.»

Die Wogen gingen in der Folge hoch: Die Grüne-Nationalrätin Meret Schneider berichtete am Donnerstag auf Twitter, dass sie über 50 Mails erhalten habe. Die Absender hätten ihr hämisch vor Augen gehalten, «wie schlecht Pflanzenessen sei und Bilder von blutigen Steaks» geschickt.

Doch um was ging es überhaupt in der Studie? Und legen die Resultate tatsächlich zusätzlichen Fleischkonsum nahe? Tanja Dräger, die Koordinatorin der Studie, hat mit watson gesprochen und die Resultate Ihrer Forschung eingeordnet. Zusammen mit weiteren Forscherinnen untersuchte sie, wie viel Wasser bei der Herstellung für wichtige Nahrungsmittel verbraucht wird.

Frau Dräger, sollte ich der Gesundheit des Planeten zu liebe wieder vermehrt Fleisch essen?
Auf keinen Fall! Der Konsum von tierischen Produkten trägt massgeblich zur Steigerung der Treibhausgasemissionen und auch zur Entwaldung weltweit bei.

Tanja Dräger arbeitet fürs WWF und ist zuständig für die Koordination der Studie «So schmeckt die Zukunft: Der Kulinarische Kompass für eine gesunde Erde – Wasserverbrauch und Wasserknappheit».
Tanja Dräger arbeitet fürs WWF und ist zuständig für die Koordination der Studie «So schmeckt die Zukunft: Der Kulinarische Kompass für eine gesunde Erde – Wasserverbrauch und Wasserknappheit». bild: wwf

Dennoch: Ihre Studie hat gezeigt, dass der Wasserverbrauch auch bei einer vegetarischen oder veganen Ernährung hoch sein kann.
Die Resultate waren auch für uns zunächst überraschend. Wir haben sie nicht in dieser Grössenordnung erwartet. Wenn man sich ansieht, wie in Spanien Gemüse angebaut wird, ist das dramatisch. Wir müssen in Zukunft Gemüse Wasser-schonender herstellen und hierzulande dafür mehr Flächen zur Verfügung stellen statt für den Futtermittelanbau.

In Ihrer Studie ging es also nicht darum, Fleisch gegen Früchte und Nüsse auszuspielen?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben die derzeitigen Ernährungsgewohnheiten in Deutschland untersucht und was dafür an künstlicher Bewässerung nötig ist – innerhalb Deutschlands und weltweit.

Sie fordern etwa, dass sich die hiesige Landwirtschaft vermehrt auf die Produktion von Gemüse, Obst und Nüsse konzentriert.
Ja, momentan sind wir in Deutschland in hohem Masse von Importen abhängig. Dabei können gerade Nüsse und Beeren auch in der Schweiz oder in Deutschland hergestellt werden. Da braucht es eine Transformation der Landwirtschaft. Wir haben es geschafft, die Schweine- und Geflügelproduktion dermassen zu intensivieren, dass die Endprodukte im Supermarkt sehr günstig sind. Wir sollten auch in der Lage dazu sein, das für Obst und Gemüse durchzuführen.

«Es muss ja nicht jeden Morgen ein Glas Orangensaft sein.»

Bei welchen Produkten ist der Wasserverbrauch durch künstliche Bewässerung denn besonders hoch?
Sehr hoch ist er bei Mandeln. Für ein Kilo Mandeln, das bei uns im Supermarkt landet, werden in Kalifornien 2038 Liter Wasser verbraucht. Sehr viel Wasser braucht auch die Herstellung von Zitrusfrüchten – Zitronen, Mandarinen und Orangen. Ich will jetzt nicht sagen, dass man komplett auf diese Früchte verzichten soll, aber es muss ja nicht jeden Morgen ein Glas Orangensaft sein.

Ein Bauer betrachtet Orangen auf einer Plantage in Spanien: Die Landwirtschaft führt zu grosser Wasserknappheit in der Region.
Ein Bauer betrachtet Orangen auf einer Plantage in Spanien: Die Landwirtschaft führt zu grosser Wasserknappheit in der Region.bild: shutterstock

Ist unsere Ernährung überhaupt wichtig für die Gesundheit des Planeten?
Ein ganz klares Ja! Es ist sogar die grösste Herausforderung, die wir meistern müssen. Unsere Ernährung hat Auswirkungen auf die Entwaldungen, den Artenverlust und auf die Treibhausgasemissionen. Ernährung spielt beim Klimaschutz eine ganz wichtige Rolle.

Eine Frucht, die immer wieder Thema ist, ist die Avocado. Wie sieht es da bezüglich Wasserverbrauch aus?
Die Avocado zeigt die Komplexität des Themas schön auf. Wenn die Avocado in Ecuador steht und dort geerntet wird, hat der Anbau keine Auswirkung auf die Wasserquantität. Denn in Ecuador regnet es viel und häufig. Aber in Peru etwa gibt es massive Wasserrisiken. Die Bevölkerung bekommt dort Wasser nur noch rationiert zugeteilt. Die künstliche Bewässerung für den Avocado-Anbau ist entweder Ursache des Problems oder verschärft dieses zusätzlich.

Ich als Konsument weiss jetzt aber nicht aus dem Stegreif, wie es um die Wasserlage in Peru und Ecuador steht ...
Zurzeit ist es als Konsument in der Tat nicht sichtbar, welche Produkte zu Wasserrisiken beitragen. Deshalb fordern wir, dass der Handel hier mehr Verantwortung trägt. Er muss einen Anbau gewährleisten, der nachhaltig ist und Menschenrechte berücksichtigt. Das Einkaufen aus Sicht des Verbrauchers muss einfacher sein. Die Aufgabe der Politik und Wirtschaft muss sein, dass man gut einkaufen kann, ohne vorher ein Lexikon zu wälzen.

Was hat die künstliche Bewässerung in diesen Risikogebieten für konkrete Folgen?
Wie gesagt: In gewissen Gebieten Perus ist das Wasser für die Bewohner bereits rationiert – sie können dann nur noch einmal pro Woche duschen. In Spanien sieht man die direkten Auswirkungen etwa im «Doñana National Park», ein international anerkanntes Feuchtgebiet. Durch die übermässige Wasserentnahme ist das Gebiet schon zu über 80 Prozent degradiert. Es kommt auch zu Problemen mit dem Trinkwasser. Da immer mehr Dünger und Pestizide auf immer weniger Grundwasser treffen, wird die Aufbereitung für das Trinkwasser immer teurer.

Trotzdem kann ich nicht sagen, dass ich der Erde zuliebe besser ein Stück Rindfleisch anstatt eine Orange esse?
Nein, auf keinen Fall! Rein schon aus gesundheitlichen Gründen ist übermässiger Fleischkonsum nicht empfehlenswert. Und aus ökologischen Gründen sowieso nicht. Der ökologische Fussabdruck setzt sich ja nicht nur aus dem Wasserverbrauch zusammen. Sondern auch durch den Flächenverbrauch, den Verlust der Artenvielfalt und den Auswirkungen aufs Klima.

«Je mehr pflanzliche Ernährung, desto besser.»

Und da spielt die Tierhaltung eine grosse Rolle?
Ja. Rund die Hälfte der bepflanzbaren Fläche der Erde wird inzwischen landwirtschaftlich genutzt. Und 80 Prozent dieser Fläche wird für die Fleischproduktion verwendet – um Rinderherden darauf weiden zu lassen oder um Futterpflanzen für Tiere zu produzieren.

Eine Rinderfarm in Brasilien: Die Fleischproduktion trägt massgeblich zum Klimawandel bei.
Eine Rinderfarm in Brasilien: Die Fleischproduktion trägt massgeblich zum Klimawandel bei.bild: shutterstock

Ein Schluss, den man aus Ihrer Studie aber tatsächlich ziehen kann, ist, dass Mandelmilch aus ökologischer Perspektive nicht sehr sinnvoll ist.
Ich gehe jetzt tatsächlich an der Mandelmilch vorbei und nehme sie nicht mehr. Stattdessen brauche ich jetzt öfters Hafermilch oder auch mal Kuhmilch – man muss ja jetzt nicht gänzlich auf alles verzichten. Es ist immer eine Frage des Masses.

Sie als Studienautorin empfehlen also trotz des hohen Wasserverbrauchs bei Mandeln und Zitrusfrüchten, weniger Fleisch zu essen?
Ja, absolut. Auf alle Fälle. Je mehr pflanzliche Ernährung, desto besser.

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quelle: whatsgabycooking.com / matt armendariz
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Milch liegt nicht mehr im Trend

Video: srf

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222 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Teresitas
10.09.2021 07:04registriert Oktober 2020
Wer ein bisschen logisch denken kann, hätte von alleine darauf kommen können, dass es nicht darum ging, statt Mandelmilch zu trinken, Fleisch zu essen. Leider wurde wieder einmal bloss ein Teilaspekt aus dem grossen Ganzen herausgepickt. Ich würde es begrüssen, wenn der kritische Wasser- und CO2-Verbrauch deklariert würde. Die Herkunftsbezeichnung reicht nicht, wenn ich nicht weiss, ob das Produkt im Ressourcen verbrauchenden Treibhaus angebaut wurde oder im Freiland.
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A6524
10.09.2021 07:07registriert Mai 2021
Das Thema ist derart komplex, dass es den Konsumenten überfordert. Das ist auch bei non-Food so. Neue Labels und Studien bringen nicht viel. Sinnvoller wären Gesetzliche Regelungen, auch beim Import. Kann das Herkunftsland einer Ware nicht das gleiche Niveau an gesetzlicher Regelung vorweisen, werden Umweltzölle draufgeschlagen, je nach Nachhaltigkeit der Produktionsweise des importierten Produktes. Dann wird spanisches Gemüse automatisch teurer und das Schweizer Gemüse automatisch konkurrenzfähig.
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so wie so
10.09.2021 07:23registriert Juli 2015
Nicht jeder Veganer konsumiert Mandelmilch. Avocados, Orangen und co werden von allen gegessen. Jedem sollte ja bewusst sein, dass ein Produkt vom andere Ende der Welt nur schon aufgrund des Transports schlecht ist. Regional und saisonal zu kochen ist für alle ein Thema. Wenn ich mir das Angebot in den Läden anschaue,dann haben wir das so gar nicht im Griff.
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