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Wie ist das jetzt eigentlich mit diesen Masken?

Mit Masken schützen Coronainfizierte ihre Mitmenschen. Viele wissen jedoch nicht, dass sie sich angesteckt haben. Würden sie eine Maske tragen, könnten weitere Ansteckungen verhindert werden, sagen Ärzte. Trotzdem will der Bund diese Massnahme nicht ergreifen.

Sven Altermatt, Annika Bangerter / ch media



Geplant war ein Aufruf an die Bevölkerung: Die Zentralschweizer Ärztinnen und Ärzte wollten mit einem Plakat darauf hinweisen, wie Ansteckungen mit dem Coronavirus verhindert werden können. Drei von vier Punkten sind bekannt – zu Hause bleiben, regelmässig die Hände zu waschen und ausserhalb des eigenen Haushalts keine weiteren Menschen treffen. Der vierte Punkt ihres Aufrufs lässt hingegen aufhorchen: «Falls Sie eine Hygienemaske zur Verfügung haben, tragen Sie diese beim Lebensmittel-Einkauf!»

Das ist eine Massnahme, die Österreich gestern ergriffen hat. «Beim Einkauf gilt in Österreich neu Masken-Pflicht. So eine Maske kostet nicht viel», sagte Österreichs Kanzler Sebastian Kurz gestern.

Auch in Tschechien gilt: In der Öffentlichkeit müssen alle Menschen eine Mund- und Nasenbedeckung tragen. Dazu zählt für das Innenministerium in Prag auch ein Schal oder eine Sturmhaube.

Frau mit Hygiene-Maske auf der Strasse.

Hygienemaske im Alltag: Was bringt das? Bild: shutterstock.com

Anders handhabt das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Situation: Eine Maske nütze nur, wenn jemand krank ist, heisst es mantraartig aus Bern.

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Daran stört sich André Ochsenbein, Augenarzt und einer der Initiatoren des Zentralschweizer Aufrufs: «Das Coronavirus ist perfid. Ein beträchtlicher Teil der infizierten Personen hat nur wenige Symptome. Schutzmassnahmen helfen dabei, die Ansteckungen durch diese Personen zu reduzieren.»

Ähnlich hat es auch George Gao, chinesischer Virologe und Direktor des chinesischen Zentrums für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten, kürzlich gegenüber der Fachzeitschrift «Science» formuliert: «Die USA und Europa machen einen grossen Fehler, indem die Menschen dort keine Masken tragen. Viele Personen haben eine asymptomatische oder präsymptomatische Infektion. Wenn sie eine Maske tragen würden, könnte diese helfen, dass Tröpfchen, die das Virus übertragen, entweichen und andere infizieren.»

Es geht also nicht darum, sich selber mit einer Maske zu schützen, sondern die Mitmenschen. Etwa beim Einkaufen im Supermarkt. Anders sieht dies die Weltgesundheitsorganisation WHO: Sie rät gesunden Menschen, nur dann eine Maske zu tragen, wenn sie eine möglicherweise infizierte Person pflegen.

In der Schweiz gibt es aktuell nicht genügend Masken für alle

Wiederholt hat das BAG erklärt, dass in asiatischen Ländern ein anderer Umgang mit Masken an der Tagesordnung sei. Auch in der Grippesaison kämen dort Masken zum Einsatz. Nun beim Coronavirus entsprechend ebenso. Dagegen hält der Lausanner Epidemiologe Marcel Salathé fest:

«Die Masken haben in asiatischen Ländern wie Südkorea eine wichtige Rolle bei der Eindämmung gespielt.»

Er sieht im Tragen der Masken zwei Vorteile: «Masken bremsen die Übertragung von Tröpfcheninfektionen wie das Coronavirus ab. Und sie verhindern, dass man sich direkt ins Gesicht fasst.» Für ihn haben die Masken deshalb einen doppelten Nutzen: «Gesunde können sich selbst schützen – und Infizierte die Gesunden.»

Salathé rechnet damit, dass den Masken auch in der Schweiz bald eine grössere Bedeutung zukommen wird. Dies, weil sie helfen können, Teile des öffentlichen Lebens – etwa die Arbeitswelt – aufrechtzuerhalten. Weshalb rät also der Bund der breiten Bevölkerung bis heute vom Tragen einer Maske ab? «Das kann ich mir nur damit erklären, dass sie derzeit Mangelware sind und deshalb dem Gesundheitspersonal vorbehalten sein sollen», sagt Salathé.

Aus diesem Grund haben auch die Zentralschweizer Ärztinnen und Ärzte bis heute ihren Aufruf nicht lanciert – obwohl er fixfertig vorliegt. «Die Verfügbarkeit der Masken ist zurzeit nicht gewährleistet», sagt Initiator Ochsenbein. Er fordert vom Bund, dass dieser die Kommunikation ändert.

Ochsenbein vermutet, dass viele Privatpersonen aufgrund der Schweinegrippe im Jahr 2009 Schutzmasken zu Hause lagern. Damals empfahl das Bundesamt für Gesundheit, pro Person einen Vorrat von 50 Stück anzulegen.

«Die Menschen tragen diese Masken aber nicht, weil sie davon ausgehen, dass sie nichts nützen. Oder sie werden sozial dafür gar geächtet», sagt Ochsenbein. Er regt dazu an, dass die Schweizer Behörden mit hiesigen Textilunternehmen eigene Masken-Produktionen etablieren.

Prominente rufen dazu auf, sich selber eine Maske zu schneidern

Empfehlen die Behörden das Tragen von Hygienemasken also deswegen nicht, weil es schlicht zu wenige davon gibt? Das BAG verneint dies vehement.

Allerdings musste sein oberster Pandemiebekämpfer Daniel Koch gestern an einer Medienkonferenz einräumen: Es gebe zwar genügend Masken für medizinisches Personal und Kranke, nicht aber, um damit die ganze Bevölkerung einzudecken. Allein im medizinischen Bereich werden derzeit zwischen einer und zwei Millionen Masken pro Tag verbraucht. Laufend würden weitere Masken gekauft, heisst es beim BAG.

Daniel Koch, Leiter Abteilung uebertragbare Krankheiten BAG, waehrend einer Medienkonferenz zur Situation des Coronavirus, am Montag, 30. Maerz 2020 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Die Masken sind für ihn ein Dauerthema: Daniel Koch vom BAG. Bild: KEYSTONE

Den zeitweiligen Engpass bei den Hygienemasken konnten die Behörden unterdessen beseitigen. Der Bund veröffentlichte vor zwei Wochen sogar einen Spendenaufruf an Unternehmen: Wer von der Schweinegrippe-Epidemie noch Masken vorrätig hat, solle diese medizinischen Einrichtungen spenden. Selbst Spitäler müssen in diesen Tagen mitunter das Zehnfache des Normalpreises für Masken bezahlen.

Stellt sich die Frage: Würde die Empfehlung des BAG anders lauten, wenn es genügend Masken für alle geben würde? Gäbe es dann eine Tragepflicht? «Im Moment ist diese Massnahme in der Schweiz nicht vorgesehen», sagte Koch. Das bedeute aber nicht, dass eine solche niemals angeordnet werde. Letztlich hänge dies eben auch davon ab, ob genügend Masken vorhanden wären.

Wie viele davon es brauchen würde, um die ganze Bevölkerung zu versorgen, wollte Koch vorerst nicht beziffern. Eine ETH-Studie spreche von einem Gesamtbedarf von 300 Millionen Masken, um die gesamte Bevölkerung damit zu bedienen, sagte er. Den berechneten Zeitraum kenne er aber nicht.

Der Bund selbst rechnet während einer Pandemiephase von zwölf Wochen mindestens mit einer Verdoppelung des Maskengebrauchs, wie aus seinen Vorsorgeplanungen hervorgeht. Diese Schätzung ist allerdings mehrere Jahre alt – und ihr liegt nicht die Annahme zugrunde, dass die ganze Bevölkerung mit Masken versorgt werden muss.

Der deutsche Virologe Christian Drosten warnt im NDR-Podcast, die Versorgung in den Krankenhäusern zu gefährden, wenn Private nun ebenfalls auf die knappen Bestände zugreifen: «Es darf auf keinen Fall irgendeine Art von Marktkonkurrenz geben», sagt er. Denn wer Patienten betreut, kommt ihnen zwingend nahe. Zum Teil über Stunden. Deshalb gelten im Medizinbereich andere Vorschriften.

Drosten sieht beim Tragen einer Maske vor allem einen psychologischen Effekt und eine Höflichkeitsgeste: «Man geht nicht mit Symptomen in den Supermarkt, aber man erkennt an, dass man nicht weiss, ob man morgen Symptome kriegt.» Wer das machen möchte, der könne auf eine Stoffmaske zurückgreifen. Diese lässt sich auch selbst schneidern. Wie das geht, zeigen deutsche Prominente in den sozialen Medien unter dem Hashtag #maskeauf. (aargauerzeitung.ch)

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