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Jährlich sterben 18 Milliarden Nutztiere, deren Fleisch im Abfall landet

Tiertransport, Schweinetransport
Schweine auf dem Weg zum Schlachthof. Zahllose Tiere werden getötet, ohne dass ihr Fleisch am Ende für die menschliche Ernährung verwendet wird.Bild: Shutterstock

Jedes Jahr sterben 18 Milliarden Nutztiere, deren Fleisch im Abfall landet

23.11.2023, 09:4723.11.2023, 12:39
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Wir leben in einer paradoxen Welt: Während weltweit fast eine Dreiviertelmilliarde Menschen an Unterernährung leiden, geht rund ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel verloren oder verdirbt. Das sind etwa 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr, im Wert von ungefähr 940 Milliarden US-Dollar. Und ein nicht unerheblicher Teil dieses Verlusts an Lebensmitteln besteht aus Tieren – Tieren, die für den Fleischkonsum bestimmt waren, deren Fleisch aber nie gegessen wurde.

Die Zahlen dazu, die von einem Team von Wissenschaftlern der Universität Leiden in den Niederlanden erstmals für den gesamten Globus berechnet und im Fachblatt «Sustainable Production and Consumption» publiziert wurden, sind schockierend: Im Jahr 2019 gingen 77,4 Millionen Tonnen Fleisch der sechs wichtigsten Nutztierarten für die Fleischproduktion – Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Puten und Hühner – entlang der Lebensmittelversorgungskette verloren. Dies entspricht etwa 52,4 Millionen Tonnen knochenfreiem, essbarem Fleisch – oder rund einem Sechstel der gesamten weltweiten Fleischproduktion.

Und in diesem Fleischverlust sind die Leben von geschätzt nahezu 18 Milliarden Tieren enthalten, die aufgezogen und getötet wurden, ohne dass ihr Fleisch für die menschliche Ernährung verwendet wurde. 18 Milliarden Tiere – das sind mehr als zwei für jeden Menschen auf der Erde. Aufgeschlüsselt nach Tierarten sind es:

  • 74,1 Millionen Rinder (0,4 %)
  • 188 Millionen Ziegen (1,1 %)
  • 195,7 Millionen Schafe (1,1 %)
  • 288,8 Millionen Schweine (1,7 %)
  • 402,3 Millionen Puten (2,2 %)
  • 16'800 Millionen Hühner (93,6 %)

Regionale Unterschiede

Für die Studie verwendete das Team um Juliane Klaura bewusst Daten aus dem Jahr 2019, um Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Fleischproduktion und -Konsum auszuschliessen. Es zeigte sich, dass die Gründe für den Verlust und die Verschwendung von Fleisch regional unterschiedlich waren. «In Entwicklungsländern treten die Verluste meist am Anfang des Prozesses auf, zum Beispiel, weil Rinder während der Aufzucht an Krankheiten sterben oder weil Fleisch während der Lagerung oder des Transports verdirbt», stellt Klaura in einer Mitteilung der Uni Leiden fest.

In den Industrieländern gehe ebenfalls viel Fleisch verloren, so Klaura, allerdings aus anderen Gründen. Hier seien es meist nicht die Erzeuger, sondern die Verbraucher, die Fleisch verschwenden würden. So legten etwa Supermärkte zu grosse Fleischvorräte an und müssten dann viel davon vernichten. Restaurants würden zu grosse Fleischportionen servieren und Konsumenten würden Fleisch wegwerfen, dessen Verfallsdatum überschritten wurde.

«Die Vereinigten Staaten schneiden besonders schlecht ab, ebenso wie Südafrika und Brasilien», erklärt Klaura. Tatsächlich vergeuden die Einwohner in den genannten Ländern durchschnittlich rund 7, 8 beziehungsweise 5 Tierleben pro Jahr. In Indien hingegen ist die Bilanz wesentlich besser: Dort wird pro Einwohner weniger als ein halbes Tier vergeudet.

Global per-capita animal life loss embodied in MLW in 2019. Countries in white lacked data or were not covered in the analysis.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352550923002579?via% ...
Globaler durchschnittlicher Verlust an Tierleben nach Tierart und nach Land, pro Kopf, 2019. Oben links: Rinder, oben rechts: Schweine, Mitte links: Puten, Mitte rechts: Hühner, unten links: Ziegen, unten rechts: Schafe.Grafik: Sustainable Production and Consumption

Klima und Tierschutz

Die Studienautoren betonen, dass eine Reduktion der Fleischverschwendung nicht nur unmittelbare positive Auswirkungen auf das Wohlergehen der Nutztiere hätte, sondern auch auf das Klima. Ein grosser Anteil der Treibhausgas-Emissionen – es handelt sich um fast 15 Prozent – ist nämlich auf die Tierhaltung zurückzuführen. Wenn es uns gelänge, die Fleischverluste zu verringern, müssten deutlich weniger Tiere gehalten werden, was auch die diesbezüglichen Treibhausgas-Emissionen senken würde.

Da Fleisch jedoch nicht überall auf der Welt auf dieselbe Weise verloren geht oder verschwendet wird, gibt es keinen allgemeingültigen Ansatz, wie der Verlust reduziert werden könnte. «In den Entwicklungsländern wird es eher darum gehen, die Bedingungen für die Tiere und die Lagerung und den Transport von Fleisch zu verbessern», sagt Klaura. «In den westlichen Ländern wird eine Verhaltensänderung den Unterschied ausmachen.»

Letzteres, das weiss Klaura, wird nicht einfach sein. «Die Menschen regen sich leicht auf, wenn ihre Ernährung umgestellt werden soll», sagt sie und verweist auf die Situation in ihrer Heimat Deutschland. Die Leute hätten das Gefühl, dass ihnen etwas weggenommen werde. Und wegen der Emotionen, die das wecke, falle es der Politik schwer, eine rationale Antwort zu finden. «Es kann helfen, klarzustellen, dass Milliarden der jedes Jahr getöteten Tiere gar nicht gegessen werden. Dies kann ein wichtiger erster Schritt zu positiven Massnahmen sein», hofft Klaura. (dhr)

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136 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Snowy
23.11.2023 10:23registriert April 2016
18 Milliarden…

18 Milliarden!

18 Miliarden Lebewesen, welche denken und fühlen auf dem Niveau eines 4 jährigen Menschen (bei Schweinen) haben ein Leben in Schmerzen und Gefangenschaft verbracht um dann ungenutzt weggeworfen zu werden….

Warum?

! WEIL FLEISCH VIEL ZU BILLIG IST !

Weil die Fleischindustrie für die massiven negativen Auswirkungen auf Mensch, Tier und Globus nicht bezahlen muss.
Das muss sich unbedingt ändern.
Ja, auch wenn die Konsequenz ist, das breite Schichten nicht mehr täglich Fleisch essen können, resp sich leisten.
Täglicher Fleischkonsum ist kein Grundrecht.
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Statler
23.11.2023 10:45registriert März 2014
Ich find's immer cool, wenn gesagt wird, dass wir industrielle Landwirtschaft benötigen, weil wir sonst die Menschheit nicht ernähren könnten.
Gleichzeitig sorgt diese Industrie aber dafür, dass 1/3 der Nahrungsmittel verdirbt, weggeworfen oder sonstwie nicht genutzt wird.
Es ginge also durchaus auch anders - aber das würde sich halt auf den Shareholder-Value auswirken. DAS ist der wahre Grund, warum wir diese Industrie brauchen.
Es ist - gelinde gesagt - zum Kotzen.
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sinkflug
23.11.2023 10:47registriert Juli 2020
Spannend und erschreckend, vielen Dank für den Artikel. Gestern wurde berichtet, dass drei SVP-Nationalräte, allesamt Bauern, in der Schweiz Fleisch aus dem Labor verbieten wollen, angeblich zum Schutz der Volksgesundheit. Ein Schelm, wer hier Böses denkt.
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