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FILE - In this October 2008 file photo, a salmon farmer makes his rounds near floating pens containing thousands of Atlantic salmon in Eastport, Maine. President Donald Trump is hoping to dramatically upscale aquaculture in the U.S., including expanding the long controversial sector of offshore aquaculture. In May 2020, the president issued an executive order that promised broad changes in how the U.S. regulates fish farming. (AP Photo/Robert F. Bukaty, File)

Aquakulturen haben dem Wildlachs längst den Rang abgelaufen. Bild: keystone

Wie unser Hunger auf Lachs den Planeten zerstört



Schweine, die in viel zu schmale Metallboxen gesperrt ihr Dasein fristen, Puten, die so stark gemästet werden, dass unter ihrem Gewicht die Beine brechen, und Hühner, die sich in der Enge ihrer Ställe gegenseitig das Gefieder aufpicken: Bilder aus der Massentierhaltung schockieren – und verderben immer mehr Menschen den Appetit auf Barbecue und Sonntagsbraten.

Manch einer greift da im Supermarkt vielleicht lieber nach dem Lachs – der springt vor seinem bitteren Ende wenigstens freudig durch das glasklare Wasser norwegischer Fjorde. Oder? Dass das Leben des Lachses, der auf unserem Teller landet, damit herzlich wenig zu tun hatte, zeigt die Dokumentation «Die Gier nach Lachs – Wie ein Fisch den Planeten zerstört», die am Samstag im Spartenkanal ZDF-Info zu sehen ist.

Die gezeigten Bilder von verletzten Fischen, verkoteten Meeresarmen und brennenden Regenwäldern machen schnell klar: Die Lachsindustrie hat fatale Folgen für Mensch und Umwelt, die auf den ersten Blick gar nicht sichtbar sind.

Das Problem: Der weltweite Hunger auf Lachs wächst. Und Lachs ist teuer. Aquakulturen haben dem Wildlachs deshalb längst den Rang abgelaufen. Während 1993 weltweit erst 300'000 Tonnen Lachs industriell produziert wurden, waren es im vergangenen Jahr bereits 2.6 Millionen Tonnen. Die Norweger verdrücken jährlich knapp 43 Kilogramm des Tiers, das sie den «König der Fische» nennen. Die Deutschen immerhin etwa 13 Kilo.

FILE - In this Oct. 11, 2008 file photo, an Atlantic salmon leaps out of the water at a Cooke Aquaculture farm pen near Eastport, Maine. President Donald Trump is hoping to dramatically upscale aquaculture in the U.S., including expanding the long controversial sector of offshore aquaculture. In May 2020, the president issued an executive order that promised broad changes in how the U.S. regulates fish farming. (AP Photo/Robert F. Bukaty, File)

Bild: keystone

Dass die katastrophalen Aufzuchtbedingungen der Fische in den vergangenen Jahren erst nach und nach ans Licht kamen, mag auch daran liegen, dass die Aufzucht unter Wasser stattfindet – und damit praktisch unsichtbar ist. Wer hinabtaucht ins trübe Wasser der Lachsfarmen, sieht allerdings Verstörendes. So wie der Journalist Mikael Frödin, der einen solchen Tauchgang wagte. Er sieht sich plötzlich umringt von kranken Fischen – die von Pilzen befallen sind, verformte Wirbelsäulen haben und Wunden so gross wie eine Faust.

«Das war, wie wenn du auf den Bauernhof gehst und da liegen plötzlich blutende Kühe auf dem Boden, die kaum noch atmen können», sagt er in der Dokumentation. 50 Millionen Lachse, so die Berechnungen, starben 2018 wegen der schlechten Bedingungen in der Zucht.

Wie Schweinezucht, nur schlimmer

«Man kann die Lachszucht mit der Schweinezucht vergleichen», sagt Ulrich Pulg, Fischbiologe am NORCE LFI in Bergen. «Aber ich würde sagen, die Lachszucht ist noch krasser.» Immerhin sind es ganze 20 Prozent der Tiere, die während der Aufzucht ihr Leben lassen.

Hinzu kommt: Bis zu einem Drittel des Futters, das die Lachse bekommen, ist mittlerweile Soja. Und das wird vor allem in Südamerika angebaut – auf gerodetem Regenwald. «Die Wahrheit ist: Lachs frisst Soja und Soja ist ein Hauptgrund für die Abholzung des südamerikanischen Regenwalds», sagt Ida Breckan Claudi von der Rainforest Foundation in Oslo in der ZDF-Doku. «Das ist eine globale Industrie, die stark wächst. Und sie ist ausser Kontrolle geraten.»

Dabei ist das momentane Ausmass der Fischzucht gerade mal der Anfang. Bis 2050 will Norwegen die Lachszucht verfünffachen – nach der Ölindustrie ist sie der grösste Industriezweig des Landes. Und immer mehr Nationen kommen auf den Geschmack des Fisches. Die Japaner etwa, die lange Zeit vor allem Thunfisch in ihrem Sushi verspeisten und den Lachs eher kritisch beäugten, liessen sich inzwischen von dem Fisch aus Norwegen überzeugen – Lachs ist mittlerweile eines der beliebtesten Sushi-Toppings in Japan.

Die schlechten Lebensbedingungen der Zuchtlachse sind nicht das einzige Problem der Industrie. Die Lachslaus, ein Parasit, der durch die Zuchtlachse angezogen wird, greift auch auf die Wildfische über. Die Fäkalien der gigantischen Fischschwärme lassen die Meere versauern. Und dann sind da noch die aus der Zucht entkommenen Fische, die den Wildlachs zerstören. 183'000 Zuchtlachsen gelingt in Norwegen offiziellen Zahlen zufolge die Flucht, Experten schätzen die Dunkelziffer jedoch weit höher ein. Vermischen sich die wilden Tiere mit den gezüchteten, wird das Genmaterial verunreinigt. Wirklich wild ist dann auch der zertifizierte Wildlachs nicht mehr.

12-Stunden-Schichten in der Kälte

Während in Norwegen vor allem die Fische und die Umwelt leiden, sind es in Chile auch die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Lachsindustrie. Das südamerikanische Land ist nach Norwegen der grösste Lachsproduzent der Welt – und das Land mit den weltweit meisten toten und verletzten Arbeitern. 50 Menschen starben hier in den vergangenen sieben Jahren in der Lachsindustrie, viele davon sind Taucher, die unter Wasser die Käfige reparieren. Auch bei Sturm, auch wenn durch den Kot der Fische die Gefahr hoch ist, auszurutschen und in einen der Käfige zu fallen.

Die rote Farbe des Fleisches, die der Lachs eigentlich über kleine Krebse erhält, die er in freier Wildbahn frisst, stammt längst aus synthetischen Stoffen, die dem Futter des Zuchtlachses zugesetzt wurden.

Die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen in der Lachsverarbeitung sind nicht viel besser. Die grösste Schwierigkeit sind die niedrigen Temperaturen, in denen sie während ihrer 12-Stunden-Schichten ausharren müssen. Der Lachs bleibt frisch, die Arbeiterinnen aber bekommen Krampfadern, Harnwegsinfekte und Blasenentzündungen.

«Aber die Aufsicht will nicht, dass wir so oft aufs Klo gehen. Einmal am Vormittag und einmal am Nachmittag, mehr nicht», berichtet eine der Frauen in der Dokumentation. Die Region, aus der Lachse in alle Welt geschickt werden, ist eine der ärmsten in ganz Chile.

Wir in Deutschland bekommen davon natürlich wenig mit. Doch die schlechten Aufzuchtbedingungen der Lachse wirken sich auch auf das Endprodukt aus, das auf unserem Teller landet. Weil die Fische inzwischen mit so viel Soja gemästet werden, enthält ihr Fleisch weniger gesunde Omega-3-Fettsäuren – die die Fische eigentlich so beliebt machen. Die rote Farbe des Fleisches, die der Lachs eigentlich über kleine Krebse erhält, die er in freier Wildbahn frisst, stammt längst aus synthetischen Stoffen, die dem Futter des Zuchtlachses zugesetzt wurden.

Trotz des Aufbaus einer gigantischen Zuchtindustrie: Der Bestand an Wildlachsen hat sich in Norwegen in den vergangenen 35 Jahren halbiert. Irgendwann, so die Befürchtung, könnten die Fische ganz ausgestorben sein – so wie es in Deutschland schon seit Jahrzehnten der Fall ist.

Am Ende sind die meisten Lachse eben Tiere aus klassischer Massentierhaltung. Beim nächsten Einkauf sollten wir also auch hier ganz genau hinschauen, wo sie herkommen. Und uns überlegen, ob sie wirklich so häufig auf unserem Teller landen müssen.

(ftk/watson.de)

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